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lange habe ich nichts seelenerschütterndes gehört.

Da war ein Mensch an der Pforte und verlangte durch Zeichen, eingelassen zu werden. Ubaldo fuhr hart gegen ihn heraus. Aber nun stimmte er auf seiner Klarinette ein Adagio an, das alles, was auf dem hof war, herbeilockte und endlich den harten Oberaufseher überwältigte. Ich selbst stand unbeweglich am Fenster und horchte auf die schön verbundenen Töne.

Die Gestalt des fremden Mannes zeugte von dem äussersten Elende. Er war mit Lumpen bedeckt, und hatte ein grosses Pflaster über dem einen Auge. Seine Sprache war so unverständlich, dass Ubaldo erst mit vielem Hin- und Herreden, die Bitte um ein Nachtlager, begreifen konnte. Nach mancherlei Schwierigkeiten ward es ihm endlich zugestanden. Die Musik hatte aller Herzen für ihn gewonnen.

(Am folgenden Tage.)

Der Fremde ist noch hier. Ubaldo, bis zur Narrheit in sein Instrument verliebt, hat sich bei ihm in die Lehre gegeben. Es ist wahr, der sonderbare Mensch spielt zum Entzücken. Mir ist es unbegreiflich, wie er bei so ausserordentlicher Geschicklichkeit, in dieses Elend geraten konnte. Ubaldo hat mir verschiedenes von seinen überstandenen Abenteuern mitgeteilt. Aber das alles ist so romanhaft und zum teil so unzusammenhängend, dass man, wie Ubaldo, schon ganz und gar eingenommen sein muss, um es zu glauben. Sollte er von meinem mann abgeschickt sollte Ubaldo verdächtig geworden sein? – Gott gebe es! dann würde ich von diesem, mir jetzt so widrigen Menschen befreit werden.

Wenn er meine Briefe unterschlüge! – Wenn diess die Ursache Deines, meines Mannes Stillschweigens wäre. – O warum bin ich denn so ganz ohne Rat und ohne Schutz! Warum kommt mein Mann nicht? – Schon nach acht Tagen wollte er mich abholen.

Sollte er krank sein? Sollte Ubaldo es verheelen? – O Gott! O Gott! in der Gewalt dieses Menschen! – Keiner von Euch weiss wo ich bin. Ich selbst kenne nicht einmal den eigentlichen Nahmen dieses Gutes. Welche Angst überfällt mich! – Ach Niemand kann mir helfen! ich selbst muss mich retten.

Wenn ich dem Fremden diesen Brief übergäbeWenn ich ihn flehentlich bäteEr hat ein menschliches Herz; das verrät sein Instrument.

Ach ich Unglückliche! einem Landstreicher mich anvertrauen! der vielleicht mit Ubaldo im genauesten Verständnisse, auf nichts als niedrige Ränke bedacht ist.

Es wird dunkel um mich her! Wer rettet mich aus dieser Finsterniss! –

drei und funfzigster Brief

Julie an Wilhelmine

Da liegt der Brief! Ich habe ihn gesiegelt; aber noch weiss ich nicht, wie er in Deine hände kommen soll. –

Wenn ich nun gerade an meinen Mann schriebesollte sich der tückische Mensch wirklich unterstehn, den Brief zurückzubehalten? – Aber, wenn er, seiner Schuld sich bewusst, ihn erbrichtsieht, dass ich ihn anklage, ihn anklagen muss – O Gott! was soll ich tun? –

Der unglückliche Fremde scheint mich sprechen zu wollen. Sollte es eine Warnung, ein Wink zu meiner Rettung sein? – Nein, er ist kein böser Mensch! das sagt mir mein Herz. Er will mir wohl, darauf könnte ich sterben. Ich kann mich ihm anvertrauen. Ja gewiss! ich kann es tun. Voll Unruhe trat ich an mein Klavier. Alceste lag auf dem Pulte. Ohne an die Musik zu denken, spielte ich einige Blätter nach einander weg, und kam endlich an die herrliche Stelle: "noch lebt Admet in deinem Herzen." Wahrscheinlich würde ich sie eben so sinnlos abgespielt haben; wäre der Fremde nicht in dem Augenblicke mit seiner Klarinette eingefallen.

Wie spielte er! Mit einem Tränenstrome eilte ich zum Fenster. Er muss gesehen haben, dass ich weinte. Ich war ausser mir. Nein, es ist unmöglich diesem Instrumente mehr Seele einzuhauchen. Gewiss er hat unglücklich geliebt. O da ist mehr als Kunst! man fühlt es an seinem eignen Herzen.

Ich bin entschlossen! ich entdecke mich ihm. Nein! ein Mann der liebt, der unglücklich liebt, ist wenigstens in dieser Zeit kein böser Mensch.

Vier und funfzigster Brief

Julie an Wilhelmine

O was habe ich getan, dass ich so unglücklich bin! Ich glaubte mich zu retten; und bin trostloser als jemals. Wäre ich bei Dir meine Wilhelmine! wäre ich bei Dir! Ich fürchte meinen Mann. Wer rettet mich! Er ist es! er selbst! Antonelli! Ach das habe ich nicht gewusst! Daran habe ich nicht gedacht. Es hat mich tödtlich erschüttert.

Sehr, sehr hat er mich geliebt! und ich? – o ich entfliehe! Entdeckt ihn mein Mann; er ist verlohren! – Ich kann Dir nicht erzählen. Dieser Briefer kommt doch nicht in Deine hände. Ich müsste ihn selbst bringen. Ich schreibe nur um mich zu fassen, um mir selbst deutlich zu machen, was ich denke.

Lange war ich so tödtlich betäubt, dass mir alles nur wie ein dunkler Traum erschien. Wie er da vor mich hinstürzte, die Kleider von sich riss, schwur: es solle ihn kein Wesen mehr von mir trennen, er kenne die Furcht nicht mehr, Allem sei er bereit zu widerstehen. O Gott! in seinen Armen war ich! an sein Herz hat er mich gedrückt! mein Mund brennt noch von seinen Küssen! – Ich bin verlohren! ich bin verlohren!

Fünf und funfzigster Brief

Olivier an Reinhold

Nein, Mutter-Tränen