mir, und demonstrirte zum rasend werden die Allmacht des Menschen. Ich langweilte mich am Fenster, und sah endlich zu meinem Vergnügen, am äussersten Horizonte, ein Donnerwetter sich bilden. Während er noch im besten Declamiren war, trieb es ein Sturm herüber. Die Menschen flohen, Angst und Schrecken in ihren Gebehrden. Der Blitz splitterte die grosse Eiche auf meinem hof, und ein Bauer, der Vater von zehn Kindern, wurde erschlagen.
Der arme Schelm dauerte mich, und ich will auch die Kinder versorgen; aber ich konnte mich doch nicht entalten dem Schwätzer Xavier zuzurufen: "siehe da den Commentar zu Deiner Abhandlung! Ihr ohnmächtigen Würmer! was vermöget Ihr gegen diese grosse Bildnerin und Zerstörerin?
Von Eurem Willen, von Eurer Freiheit schwatzt Ihr? – Ein Blitzstrahl, ein Erdstoss! und Ihr seid alle zertrümmert. Dann findet Eure Freiheit, Euren Willen in den Millionen Stäubchen wieder, die Ihr vormals Euer Ich nanntet. Versucht, ob Ihr sie zusammen bringen und Euch dieses Ichs bewusst werden könnt. – Wahnsinnige! hört einmal auf zu grübeln! lebt, geniesst; weil ihr da seid! – Das Übrige möge die Unergründliche leiten."
Und darum Krieg! Krieg gegen alles, was irgend einen Genuss mir verkümmert! Zum Wohlsein bestimmte mich die natur. dafür sehe' ich die Ameise streiten; dafür streite auch ich. Will ein stärkeres Wesen mir dieses Wohlsein rauben; so fliehe ich. Ein schwächeres; so unterdrücke ich. Hat es Kraft sich zu wehren; gut, so mögen wir streiten. Dem Sieger ist wohl, darum strebe ich es zu werden. Wer kann es mir verdenken? Wohlsein ist meine Bestimmung.
Und, sagt was ihr wollt! all' euer Realismus, und Idealismus läuft doch am Ende darauf hinaus. Ihr erzeigt euerm gerühmten Popanz, eurem Knecht Ruprecht, Pflicht genannt, doch nur so viel Ehre; weil ihr hoft, die Christbescheerung werde darauf folgen.
Sechszehnter Brief
Olivier an Reinhold
Du schweigst? – glaubst Du ich werde meine Drohung erfüllen? Ach nein! diesesmal kommst Du mit dem Schrecken davon. Ich kann nicht. Das wunderbare Mädchen hält mich zu fest – und so unbefangen, als wüsste sie nichts davon. Auch weiss sie es nicht; sie kennt nicht ihre Gewalt. Noch vor wenigen Monden wäre es mir selbst unglaublich gewesen.
Sieh, ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit ihrer Sanftmut und Güte. Ich sitze still und bewundere. Die Mutter ist seit einigen Wochen krank. – Ach nein, es lässt sich nicht beschreiben! Sehen müsstest Du ihn diesen tröstenden Engel. – Selbst das bitter böse Weib – Gott mag wissen, wie sie zu der Ehre kommt diese Tochter zu haben! – scheint von der himmlischen Güte ergriffen. Auch in ihren starren, wilden Furienaugen lese ich Bewundrung.
Sieh, es ist wahr, ich bin stolz, ich kann es nicht leiden, dass mich jemand meistert, und ich habe immer gesagt: was ich bin will ich bleiben. Aber, ja! ja! ich will es nicht bergen, vor diesem Mädchen könnt' ich mich demütigen, könnte ihr alle meine Fehler bekennen. Ach, über ihren Mund kam ja niemals ein Vorwurf, und in ihrem Herzen wohnt die ewige Liebe. Auch wenn ich sie nicht sehe, versinke ich glücklich und selig in das Anschauen ihrer erhabenen Liebenswürdigkeit. Ihr grosser Verstand, ihre mannichfaltigen Talente, das alles verschwindet, und man ist sich nur ihrer Güte bewusst.
Spotte nicht! das sage ich Dir, und antworte bald.
Siebzehnter Brief
Reinhold an Olivier
Spotten? – worüber sollte ich spotten? Meinst Du ich heisse Olivier? – Ich freue mich, dass ich Recht habe. "Er ist besser als sein System." Das sagte ich schon vor mehreren Jahren, und das wiederhole ich noch jetzt.
Wie abgeschmackt! mich da hin zu setzen, und Dir vorzudemonstriren, dass Deine Teufelslarve eine Teufelslarve ist. Genug, sie verschiebt sich alle Augenblicke, und jetzt in Gegenwart dieses Engels, den Du mir schilderst, ist sie ja ganz abgefallen. sonderbar genug, weisst Du nicht einmal etwas davon, und ich habe nun vollkommen Zeit, mir die wohlbekannten Züge wieder einzuprägen.
Gehe nur! nimm sie wieder vor, und spiele die Komödie so lange es Dir beliebt. Ich lasse mich nicht täuschen.
Was? der Mann der da schreibt: "ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit ihrer Sanftmut und Güte, ich sitze still und bewundere," das wäre der schändliche Egoist, der wie ein gieriges Raubtier nach Beute hascht, und alles zerfleischt was sich ihm widersetzt? –
Glaube mir! Du verstehst, Du kennst Dich selbst nicht. – O dass ein edler Mensch in Deiner Nähe, Dich wieder an Grösse und Güte glauben lehrte! – Aber was sage ich! Da hast ja alles was Du bedarfst. Überglücklicher Mensch! beinahe hast Du zu viel.
Achtzehnter Brief
Julie an Wilhelmine
Beste Wilhelmine! meine Mutter ist krank, und Olivier ... ach, Olivier liebt mich nicht mehr. – Stundenlang kann er in sich selbst vertieft sitzen, dann springt er mit einem male auf, tritt vor mich hin, starrt mich an und versinkt dann wieder in seine vorige Träumerei. Es ist als wäre ich ihm fremd geworden. Sonst war er doch freundlich, jetzt ist er so ernst, misst mich so sonderbar mit den Augen. – Sollte er denn wirklich