1802_Fischer_015_39.txt

Mütterchen, und fand eine angenehme, lebhafte aber freilich, trotz den Spuren grosser Schönheit, nicht auf nordische Art, rot und weiss blühende Frau.

Im vierzehnten Jahre wurde sie verheiratet, Antonelli ist drei und zwanzig; jetzt kannst Du zusammen rechnen.

Sie hat Dein Gemählde, und betet alle Tage für Dich. Eine Deutsche kannst Du nicht sein; das ist ihr nicht auszureden. Schon mehr als ein paar Dutzend Heiligenbilder hat sie mit Dir verglichen. Von der Einen hast Du die Stirn, von der Andern die Augen, von der Dritten, Vierten, Fünften, die Nase, den Mund, das Kinn u.s.w. Wohl bemerkt! unter diesen Allen keine einzige Deutsche. – Ohne Zweifel aber sämmtlich Deine Frau Muhmen, Basen, Urgrossmütter im hundert und funfzigsten, sechzigsten Gliede. – Ach Gott! wer sich doch auch einer solchen Familie rühmen könnte!

Ja, hat es mich jemals geschmerzt, aus keinem heiligen Blute entsprossen zu sein; so ist es gerade jetzt. In allem könnte ich mit dieser liebenswürdigen Frau sympatisiren; nur die fatale Heiligenfamilie kommt immer dazwischen.

Gott weiss wie es zugeht! – Sie selbst hat doch so gar nichts Heiliges. – Nennt alle Dinge bei ihren Nahmen, liebt und hasst so südlich, so unheilig wie möglich. Allen Rosenkränzen und Heiligenbildern unbeschadet.

Indessen ist doch die Glückseeligkeit dieser Auserwählten nicht ohne Wechsel. Auch sie haben ihre Sonnen- und Regentage. Ja manchmal könnten sie den ersten, besten Unheiligen beneiden.

Signora Antonelli's Schutzpatron, hat es zwar, im Ganzen genommen, recht gut. Aber ich weiss mich gleichwohl der zeiten zu erinnern, wo er, statt vier Wachskerzen nur zwei, ja wenn er sich um Briefe von dem geliebten Sohne zu lange bitten liess, wohl gar keine erhielt.

Die Schutzpatrone der Köche, Schiffer und Fuhrleute haben es viel schlimmer. Stösse, Schläge, die ärgsten Schimpfnahmen müssen sie sich gefallen lassen, wenn sie die Bitten ihrer Gläubigen vergessen, oder zu saumseelig erfüllen.

Bei dem allen hat aber ein solcher Schutzgott für den Besitzer sehr viel Angenehmes. Ich wenigstens lasse mir einen machen, und zwar nach dem Modelle eines jungen Bauers hier in der Nähe.

Jeden Abend trägt er seine alte Mutter in die Kühle, unter ein Laubdach, was er gerade meinem Fenster gegenüber aufgeschlagen hat. Die Art, wie er ihr Lager bereitet, die Zweige an einander fügt, Blumen und Früchte herbeiholt, gibt ihm wirklich etwas Heiliges.

Letzt, als er sie wieder hinaus trug, hatte er zu gleicher Zeit die Früchte mitgenommen; aber plötzlich stiess er an einen Stein und da lag der Korb und die Früchte.

Geschwinde lief ich hinunter, sammelte sie wieder in den Korb und brachte sie ihm entgegen. Er nahm sie, sah mich an, konnte mir nichts sagen, ich ihm auch nicht, und so gingen wir langsam von einander.

Als er nun den folgenden Tag wiederkam, fand er schon ein recht hübsches Sopha in der Laube und noch schönere Früchte als die seinigen. Er blickte nach meinem Fenster, legte die Hand aufs Herz und grüsste mich auf eine Artja, die sich recht gut sehen, aber nicht beschreiben lässt.

Seitdem haben wir nun unsre ganz eigne Zeichensprache. Mir gefällt sie so wohl, dass ich den Augenblick fürchte, wo sie sich in Worte verwandeln wird. Auch suche ich ihn so viel als möglich zu entfernen.

Aber unterdessen der junge Heilige draussen mit seiner Mutter beschäftigt war, bin ich in ihrer wohnung gewesen, und habe mir da verschiedenes gemerkt, was die arme, kranke Frau entbehrte.

Jedesmal nun, wenn er ins Haus tritt, findet er irgend etwas neues. Da kommt er dann gelaufen und peinigt meine Leute: "Sie sollen ihn vorlassen! Es wird zu vielEr kann es nicht tragen" u.s.w. – Aber da bin ich nun hart, meine Leute dürfen nicht wanken, und er muss mit seiner ganzen Schuldenlast wieder zurück.

Nun, wie gefällt Dir mein Heiliger? – Soll ich Dir eine Kopei machen lassen? oder willst Du lieber den von Signora Antonelli haben? Er gleicht ihrem Sohne, wie ein Tropfen wasser dem andern.

Acht und vierzigster Brief

Olivier an Reinhold

Der König ist hier, und Antonelli ist fort. Kaum war er des Arrests entlassen und dem Könige vorgestellt; so bat er um seinen Abschied. Bat? sage ichtrotzte, und zwar so arg; dass ihn der König in völligem Unwillen entliess.

Er findet sie nicht, das ist gewiss; und doch bin ich auf der Folter. Durch einige absichtliche Nachlässigkeiten habe ich ihn auf ganz andere Wege zu leiten gesucht. Er findet sie nicht, er kann sie nicht finden. Auch ist Ubaldo eben so behutsam, ja noch behutsamer, als ich.

Volle acht, ja vielleicht zwölf, vierzehn Tage soll ich nun diese Marter so dulden. Muss täglich auf neue Feste und andere Spielereien denken. Die herrliche Frau, die Königin, ist noch das einzige was mich tröstet. Scheinbar glaubt sie alles, was ich ihr von Juliens Reise zu der Freundin erzähle; aber fühlt sie, dass es meinem gepressten Herzen Not tut, verstanden zu werden, – o so versteht, so teilt sie alles, was ich ihr nimmermehr sagen mögte.

Die Gewalt dieser Frau über sich selbst, geht in das Unbegreifliche. Nach allen Schrecklichkeiten die sie erleben musste