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es bestimmen! – Auf michich gestehe eswirkt das alles ganz sonderbar. Schon seit geraumer Zeit bin ich aufgefodert etwas Entscheidendes für mich zu wagen. "Ein sorgenloseres, bequemeres Amtsagen meine FreundeSpäterhin brauchst Du mehr Ruhe."

Aber mir ist wie einem Landmanne, über dessen Saaten ein schweres Gewitter aufsteigt. Man spricht von der nahen, gesegneten Ärndte. "Verbessre dein Haus! Erweitre die Scheuren!" – ruft man ihm zu. – Aber sein Ohr ist verschlossen, sein Auge starrt unverwandt nach der Wetterwolke. Trifft sie die Saaten; was bedarf er der Scheuren? –

drei und vierzigster Brief

Julie an Wilhelmine

Du hast noch immer nicht gefunden was Du suchst, meine teure geliebte Freundin; aber mich dünkt Du bist auf dem Wege dazu. Wohl mir! meine Wilhelmine wird glücklich sein! was habe ich dann noch zu wünschen?

Wie sehr hast Du Recht, mir nichts auf mein Geschwätz zu antworten. Es war ein Fiebergeschwätz. Gott Lob! jetzt bin ich genesen. Der König kommt nach R.... Mein Mann fürchtete mit Recht, mich seinen Zudringlichkeiten auszusetzen, und brachte mich hieher.

Julianens Ruh, nennt er diese liebliche Einsiedelei. Macht es der Nahme; oder was ist es sonst? aber in der Tat, ich bin hier ruhiger. Dort war mir als fehlte ich mir selbst; hier habe ich mich wieder.

Zwar ist alles fremd was mich umgiebt. Anna ist fortgeschickt, und ein andres, sehr junges, aber, wie mich dünkt, unschuldiges Mädchen, hat ihre Stelle bekommen. Ein offenbarer Gewinnst für mich. Anna schien mit ein äusserst verderbtes geschöpf, und nur weil ich sie einmal in meines Mannes Diensten fand, konnte ich sie dulden.

Gleichwohl macht es mir die arme kleine Marie, durch ihre schreckliche Demut, beinahe unmöglich, in einen zutraulichern Ton mit ihr zu kommen. Meine Bitten scheinen ihr immer Befehle. Zitternd und zagend, als ob das Richtschwerdt sie verfolgte, lauscht sie auf meine Worte, und hat vor Angst immer die Hälfte vergessen.

Auch den andern Mädchen geht es nicht besser. Nur Meister Ubaldo, der Oberaufseher scheint von diesem Schrecken nichts zu wissen. Im Gegenteil bedarf er aller seiner Feinheit, und wirklich angenehmen Gesprächigkeit, um selbst nicht ein wenig schrecklich zu werden.

Mir schien er es nur ein paar Stunden. Jetzt sind wir die besten Freunde von der Welt. Ich muss mich noch gar in Acht nehmen; sonst werde ich in der Tat sein verzogenes Kind.

Nichts ist ihm gut genug, wenn es für Donna Julia sein soll, und darum macht er freiwillig Koch, Kellermeister und Gärtner. Schönere Blumen und Früchte erinnere ich mich nicht gesehen zu haben. Zu meiner kleinen Tafel könnte ich Fürsten einladen. Nur Schade, dass ich sie nicht so benutze wie Meister Ubaldo es wünscht.

Den Teller in der Hand steht er mir gegenüber und lauscht mit Ängstlichkeit: ob ich von diesem oder von jenem versuchen werde. Lobe ich dann die gute Auswahl, die treffliche Zubereitung; so werden meine hände, meine Kleider mit Küssen bedeckt, und der gute Mann scheint wirklich einen Anfall von Wahnsinn zu bekommen.

Noch ärger treibt er es, wenn er meinen Flügel, oder meine stimme hört. Aber leider versteht er keine Note; sonst würde er bei seinem zum Erstaunen richtigen Gefühle, ein sehr angenehmer Begleiter für mich werden.

Sonst lässt er sich freilich das Begleiten sehr angelegen sein. Nur seitdem ich ihn gebeten habe, kann ich allein in den Garten gehen. Es scheint ihm trotz seines Misstrauens; oder, wie ich es jetzt lieber nennen mögtetrotz seiner anhänglichkeit, unmöglich, mir eine unangenehme Empfindung zu verursachen.

Und so führe ich dann hier ein sonderbares, beinahe äterisches Leben. Ich habe angefangen Kräuter und Blumen zu sammlen, Ein unaussprechlich belohnendes Geschäft. Ich glaube es könnte Götter und Menschenfeinde zähmen.

Wenn ich so mitten im hohen duftenden Grase die köstlichen Blumen, nur so weit ich sie erreichen kann, sammle, die ganze Pracht dann über mein weisses Kleid verbreite, sitze ich oft trunken vom Anschauen der unendlichen Mannigfaltigkeit und Schönheit.

O nein! ich bin nicht allein, bin nicht verlassen! Allentalben finde ich die grosse, gütige Mutter. Im Hauche des Frühlings, im Gesange der Nachtigall, im Rauschen des Wasserfalles spricht sie zu mir. Mit Empfindungen, mit Gedanken, mit Tönen, die sie mir gab, darf ich ihr antworten.

O ich unaussprechlich glückliche! in meinem Herzen ist Friede. Wohl habe ich gefehlt, vielleicht meine Wilhelmine betrübt. – Aber wenn es nicht Selbstsucht, nicht leidenschaft, wenn es nur Schwäche und Irrtum war, hatte ich dann Strafe verdient? – Nein! nein! auch meine Wilhelmine wird mir vergeben, und dann bedarf ich keinen andern Himmel, als den ich schon habe.

Welche reine köstliche Luft ich hier atme! R.... ist schön; aber es liegt zu tief. Oft wiederholte ich es mir, meine Schwermut hätte keinen andern Grund. Aber das Herz überwand die Vernunft. Immer sollte noch etwas anderes, wunderbares, übersinnliches auf mich wirken. –

Mein Vater erzählte von einem mann, der ein äusserst angenehmer Gesellschafter war, aber oft durch sich selbst, mitten im fröhlichsten Scherze unterbrochen wurde. Bleich, verstört, beinahe ohnmächtig sank er dann zurück, verschüttete den köstlichen Wein und hörte nicht mehr das Rufen der