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Menschen, die Liebe verstehen. Bauer, oder Bürger, einerlei! "Mein Freundsage ich danngefalle ich dir; so mögte ich wohl auf ein Jahr der fünf deine Frau werden. Sind wir glücklich; so geben wir noch vier Jahre zu. Dann drei, dann zwei, und zuletzt hast du die Freiheit, dich alle Jahr von mir zu trennen.

Aber in der Zeit wo du mir gehörst, gehörst du mir ganz. Kein Laufen, kein Gaffen! das sage ich dir! – Ich binde mich; aber auch du bist gebunden. Hältst du nicht Wort; so ziehst du weiter. Aber die Kinder bleiben mir, oder aus der ganzen Sache wird nichts."

Du merkst wohl, dass ich die wichtigste Klausel zuletzt bringe. Ist er damit zufrieden, dann mag er nach den ersten fünf Jahren schon weiter ziehen, und den grössten teil meiner Reichtümer mitnehmen. Ich bleibe doch reicher als er.

Ob er aber dabei glücklich sein wird? – O ja! wenn er vernünftig ist, warum nicht? – Ich würde für ihn braten und kochen, ihn warten und pflegen und alles, was mir an Freuden bekannt wäre in unserm haus versammlen. Aber, die Kinder gehören mir! damit wecke ich ihn des Morgens, und die Kinder gehören mir! wiederhole ich ihm des Abends, und wenn er das nicht vertragen kann; so zieht er weiter; oder zieht gar nicht, weil er nicht kommt.

Nichts von Inconsequenz! die gewöhnlichen Ehen widerstehen mir noch eben so sehr wie vormals. Es ist mir unbegreiflich, warum sich die Leute schlechterdings auf das ganze Leben zusammen schmieden lassen.

Was wäre denn nun dabei verlohren? wenn sie alle vier, oder fünf Jahre gesetzmässig erinnert würden; wie viel grosse Ränke des Bräutigams und viel kleine der Braut erfoderlich waren, um des heiligen Joches würdig erachtet zu werden.

Nein! nein! auf kurze Zeit wenigstens müssten sie getrennt, und ohne feierliche Erklärung nicht wieder verbunden werden.

Denke Dir! alle fünf Jahre eine neue Hochzeit! Welch ein Familienfest! Väter, Mütter, Kinder, Gesinde, alles würde jauchzen, und jede eheliche Frau würde in ihrem Leben ein paar Dutzend Flitterwochen mehr zählen.

Sage nur, warum sind die Menschen nicht längst auf diesen Einfall gekommen? Warum wollen sie schlechterdings vor Langeweile sterben? Bewillkommen sich mit Gähnen Morgens und Abends, und denken auf kein Mittel zur Rettung.

lebe wohl! Auf alles was Du mir schreibst antworte ich Dir nichts; die Zeit wird schon antworten.

Ein und vierzigster Brief

Olivier an Reinhold

Sie ist in Sicherheit, und ich fange an ruhiger zu atmen. Ach wie ist hier alles verwandelt! – Nachtigallen sind erwacht, Blumen entfaltet, köstliche Früchte zu tausenden gereift! Wohin sie kommt, da blüht ein Paradies ihr entgegen.

Lächelnd schwebte sie über die Zugbrücke und die Ketten bewegten sich nicht. Nur unter mir fiengen sie an zu rasseln. Sie wandte sich um; aber das himmlische Lächeln blieb auf dem Engelgesichte.

Nein! nein! ich habe sie nicht unglücklich gemacht! Ach Du hast Recht! unter Ketten ist sie frei, und ich bin der Gefangene. Aber Geduld! – sagt Wilhelmine. – Ich fange an mich mit ihr auszusöhnen. Sie hat mich auf etwas sehr Wichtiges geleitet. Geduld! aber kein Predigen! kein Vorschreiben! – Was ich tue, muss aus eigner freier Entschliessung geschehen; nicht, weil es Andern so beliebt, weil es Andre für das Beste erkennen.

Euer Einreden, Euer Tadeln, Euer Zurechtweisen hat mich in dieses Labyrint geführt. Hättet Ihr mich meinen eignen Weg gehen lassen; es wäre jetzt leichter um mich her. Ich hätte früher gewusst, was ich sollte.

Habe ich kein menschliches Herz? Bin ich ein Tyrann, ein Barbar? Ich fühle tiefer, lebhafter wie Ihr, mein Vater war einige hundert Meilen südlicher gebohren; daher kommt alles.

Gebt mir Euer nordisches Blut, und ich werde sie nicht einschliessen, ich werde nicht wissen, was ein blick, ein Händedruck bedeutet, woher er kommt, und wohin er führt. Ihr Eismassen wisst ja nur von Hörensagen, was leidenschaft ist! Tauet erst auf an einem südlichen Strahle, und dann richtet über südliche Naturen.

Ich gehe, ich verlasse sie. Sie, sie! – Nennt Ihr das nichts? Opfre ich nicht jetzt schon mein Wohlsein einem höhern Zwecke? – Wer darf mir ein Ziel stekken? Wer darf sagen: "bis hieher und nicht weiter?" – Darum zähmet Euch, und redet mir nicht ein. Der Sclave ist frei, sobald er es sein will.

Zwei und vierzigster Brief

Reinhold an Wilhelmine

Ihr Brief, meine teure Freundin, ist so richtig besorgt, als er besorgt werden konnte. Das heisst: er ist durch des Generals hände gegangen. Ein anderes Mittel gibt es jetzt nicht. Heimliche Wege, Bestechungen, das mag für andre Leute gut sein; für uns ist dergleichen nicht gemacht.

Ihr Brief war offen, und so ist er geblieben. Der General hat ihn gelesen, und das kann Ihnen sehr gleichgültig sein. Doch nein! nicht so ganz gleichgültig. Sie haben ihndies sind seine Worteauf etwas sehr Wichtiges geleitet. Auf was? – Die Zeit wird es ja lehren.

Mehr als jemals kämpft er mit sich selbst. Das ist gewiss. Aber wie dieser Kampf endigen wird? – wer kann