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Ich muss es geschehen lassen. Aber ich wiederhole Dir noch einmal: es ist schlechterdings unmöglich.

Nachschrift

Du hast zwei Fälle angenommen; aber wie, wenn es einen dritten gäbe?

Wenn sie Dich nicht entbehren könnten? Dich wirklich haben müssten? –

Vier und dreissigster Brief

Reinhold an Olivier

Hätte ich doch meinen Brief nicht abgeschickt! Schnell muss ich Dir noch melden: dass die Königin ihrem Bruder entgegen reist und auf diese Weise den König begleitet.

Sollte es nicht das Sicherste sein, Julie nun bleiben zu lassen? – Ich bin geneigt es zu glauben. Überlege es, und melde mir Deinen Entschluss.

Fünf und dreissigster Brief

Olivier an Reinhold

Das Sicherste! Eine Falle ist es. Einladungen, Lockspeisen! – Ich kenne das. Und sollte ich sie Antonelli übergeben, ich wollte es lieber; als sie auf dem glatten Hofpflaster wissen.

O wie viel leide ich! Ich bin müde es zu denken. Oft will ich die ganze schreckliche leidenschaft von mir werfen, die Freiheit, den Tod suchen; aber dann sehe ich sie wieder und mein zerrissenes Herz kann nicht von ihr lassen.

In Dich mag ich nun nicht weiter dringen. Gleichwohl muss Rat geschaft werden. zwölf Meilen von hier ist ein Fräuleinstift. Ich will mit ihr davon sprechen.

Aber gern muss sie es tun; sonst ist es doppelt so schrecklich. Ach den ganzen Tag werde ich sie nicht sehen! Aber die Nacht will ich hin zu ihr fliegen. – zwölf Meilen! – O Gott es geht nicht! es ist zu weit!

Da kommt sie. Ich will sie fragen. Sie selbst soll wählen.

sechs und dreissigster Brief

Olivier an Reinhold

Jetzt habe ich den Mut der Verzweiflung. Ich sehe es, für mich ist kein Glück mehr zu hoffen.

Was wählte sie? – Rate es! – Du errätst es nimmermehr.

"Liebste! – sagte ichwenn wir uns auf eine kurze Zeit trennen müssten, wenn Du hier nicht bleiben könntest; welchen Aufentalt würdest Du vorziehen?"

Sie behauptete für keinen entfernten Ort eine besondere Vorliebe zu haben. Es sei ihr hier so wohl.

"Aber wenn du nun schlechterdings wählen müsstest und Dich ganz nach Deinem Geschmacke bestimmen könntest." –

"Nunantwortete siedürfte es in der Nähe sein; dann würde ich das Häuschen auf der Anhöhe allen Andern vorziehn."

"Auf welcher Anhöhe?" – fragte ich, denn ich wollte nicht glauben was ich gehört hatte.

"Dortsagte sie, und zeigte auf Antonelli's wohnungdiese Gegend hat etwas unbeschreiblich anziehendes für mich."

Ich liess sie nicht ausreden, stürzte fort, warf alles nieder, was mir in den Weg kam. Mir war als solle ich mir selbst entfliehn. Zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich eine Art Unwillen gegen sie, der allmählich in Wut überging. So stand ich vor Antonelli's Tür ohne zu wissen wie ich dahin gekommen war.

"Wo ist er" – fragte ich – "Wo er immer ist" – antworteten die Leute, und zeigten nach dem wald.

Schon lange hatte ich vor ihm gestanden, hatte schon eine Menge Flüche zwischen den Zähnen gemurmelt, noch immer hatte er mich nicht bemerkt. Endlich wurden meine Flüche lauter, und ich riss ihm das Fernglas aus der Hand. Da schien er plötzlich aus einem Traume zu erwachen und umarmte mich trotz meiner Flüche.

"Ein schönes Lebensagte ichden ganzen Tag so mit Gaffen hinzubringen. Der König kommt. Wo ist das, was ich Dir aufgetragen habe?"

Statt zu antworten, nahm er mich lächelnd bei der Hand, und führte mich zu einem Zelte, das er sich mitten im wald hat aufschlagen lassen. Hier sah ich Karten, Risse, alles in der grössten Ordnung, und weit mehr vorgearbeitet als ich gewollt hatte.

"Wann ist denn das alles gemacht?" – fragte ichnachdem ich es mit Erstaunen untersucht hatte.

"Wenn sie nicht da war."

"Woher weisst Du denn, wann sie kommt?"

"Ich fühle es."

"Du faselst!"

"Ich sage die Wahrheit."

"Du hast ihr Zeichen gegeben, die Flöte gespielt." –

"Niemals!"

"Nun, woher soll sie denn wissen, dass Du hier bist?"

"Sie weiss dass ich hier bin?" – fragte er, und sein Gesicht verriet wirklich das höchste Erstaunen. –

"O sage mir! – fuhr er fort, und drückte mir die hände, und schmeichelte wie ein Kindsage mir! woher weiss sie es? Hast Du es, hat es irgend jemand anders verraten?"

"Gleichvielantwortete ich verdrüsslichgenug sie scheint es zu wissen."

"Ach! siehst Du! – rief ersie fühlt es wie ich."

Nun schrie ich laut auf vor Wut, riss meine Hand aus der seinigen, stürzte den Berg wieder hinunter, und fand sie in Tränen.

Ach, ich wollte ich wäre bei Dir. Du bist doch mein Einziges. Hier steh ich allein, verwaist. Sie haben mich ausgestossen aus ihrem Bunde. Von einer höhern Macht hingerissen, vergessen sie mich und die Welt.

O ich leide zu viel! Ein Ende! Ein Ende!

Sieben und dreissigster Brief

Reinhold an Olivier

Dein Leiden zerreisst mir das Herz. Armer, unglücklicher Mann! Mit