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will ich reisen.

Neun und zwanzigster Brief

Olivier an Reinhold

Dieser Mensch bringt mich noch um, mit seiner glühenden Phantasie. Meinst Du, er verberge irgend eine Empfindung vor mir? Mit einer Heftigkeit, mit einem verzehrenden Feuer spricht er sie aus, reisst mich hin, überwältigt mich. Oft habe ich, zu meinem eignen Schrecken, mich selbst, und alles, was ich zu fürchten hatte, vergessen.

Wenn endlich meine innere Quaal aufs höchste steigt, meine Wut über seine glühenden Schilderungen hervorbrechen will, ergreift er mich plötzlich mit seiner gewaltigen Liebe.

Ich, ich selbst bin es nun, den er schildert. Mit allen meinen Leiden, mit allen meinen schrecklichen fragen und Zweifeln.

Im höchsten Erstaunen sehe ich ihn in das Innerste meines Herzens dringen, Gefühle entwickeln, für die ich bis jetzt keinen Namen hatte, begebenheiten hervorrufen, die ich verworren nur ahnete.

In dem Augenblicke, wo ich ihn dann mit meinen Händen zerreissen mögte; weil er sie alle nennt, meine Marter, in dem Augenblicke fällt er ein mit seiner seelenerschütternden Klage. Mein Grimm löst sich in Wehmut auf, er stürzt in meine arme, und, ohne es zu wollen, drücke ich ihn fest an mein Herz.

Aber ihn hier zu behalten, war mir unmöglich. Alle seine Bitten vermogten nichts, er musste sich ergeben. Gleichwohl bestand er mit einem unerhörten Trotze darauf, sich nicht weiter als eine halbe Stunde von hier zu entfernen.

Nun drohte ich mit meiner eignen Abreise. "Tue essagte erund wenn Du bis an das Ende der Welt gehst; ich folge Dir nach."

"Mir?" – wiederholte ich mit Bitterkeit.

"Ja Dir! Meinst Du, ich könne ohne Dich, Du ohne mich leben? – Wer versteht Dich, wer tröstet, wer liebt Dich wie ich?"

"Bestechungen!"

"Wehe Dir, wenn Du es glaubst!" –

"Ich werde schon Mittel finden." –

"Sie helfen Dir nichts."

"Was unterstehst Du dich? –

"Ich unterstehe mich, das Unmögliche unmöglich zu nennen. Mache was Du willst! uns scheidest Du nicht."

"Uns?" –

"Ja! uns."

"Sie meinst du."

"Wenn ich sie meinte; würde ich es sagen."

"Du liebst sie."

"Nein, Dich liebe ich, sie bete ich an."

"Und das soll ich dulden?"

"Kannst Du es ändern?"

"Nicht in mein Haus!"

"Das verspreche ich Dir."

"Nicht in meinen Garten!"

"Auch das."

"Noch auf die Anhöhe!"

"Sie gehört Dir nicht."

"Ich werde sie kaufen."

"Ich habe sie schon gekauft."

"Das hast Du getan, um sie zu sehen, um von ihr gesehen zu werden."

"Das Letzte ist nicht wahr, auch ist es unmöglich."

"Aber Du willst sie sehen."

"Ja, weil es Dir nicht schadet."

"Es beunruhigt mich."

"Und mich tödtet es, wenn ich sie nicht sehe. Was willst Du lieber?" –

"Du trotzest!"

"Nein. Das sagst Du nur, Du, glaubst es nicht. Sieh mich an! ist es wahr, dass ich ohne sie nicht leben kann? ist es wahr, dass es mir unmöglich ist, jemals etwas Schlechtes zu wollen? ist es wahr, dass ich Dich liebe, dass ich mein Leben für Dich lassen würde?"

Ach! dann sehe ich in sein grosses, schwarzes Auge, und verstumme.

Dreissigster Brief

Julie an Wilhelmine

Wo bist Du jetzt, meine Geliebte? Zürnst Du noch mit Deiner Julie? Nein! nein! Du irrst Dich in Dir selbst. Weder Dein Verstand, noch Dein Herz klagt mich an. Wir lieben uns, und werden uns ewiglich lieben.

Noch immer kann ich mich nicht von Deiner Abreise überzeugen. Mich dünkt sogar, Du wärest in meiner Nähe. Besonders wenn ich in den Garten trete, überfällt mich ein wunderbar sehnsüchtiges Wonnegefühl.

Ach es ist der Duft von den vielen, köstlichen Pflanzen, der geheimnissvolle Schatten dieser hohen unnachahmlich schönen Bäume. Wirklich, unser Garten ist ein Paradies. Ob er gleich beinahe drei Viertelstunden im Umfange hat, wollte ihn mein lieber Mann doch noch durch eine benachbarte Anhöhe vergrössern. Aber sie ist leider schon verkauft, und so werden wir wohl Verzicht darauf tun müssen.

Wie sonderbar! sonst war ich mit so Wenigem zufrieden, hätte mich bei einem einzigen kleinen Blumenbeete überglücklich gefunden. Jetzt, seitdem von der Anhöhe gesprochen ist, denke ich nur immer: wie viel schöner unser Garten sein müsste, wenn er sie mit umschlösse.

Diese wunderliche Grille beherrscht mich sogar im Schlafe. Letzt dünkte mich, ich werde von einer unsichtbaren Kraft weit über die Mauer unsers Gartens gehoben, und plötzlich auf der Anhöhe niedergelassen.

Es war eine andre Welt. Himmlische Kinder wandelten darauf. Ihr Gesicht blühte wie Rosen im Morgenlichte. Ein glänzendes Flügelpaar erhob sich über ihre Schultern. Schnell, wie Gedanken, eilten sie hin und her und streiften an meiner Wange vorüber wie Frühlingshauche.

Jedesmal, wenn sie mich so berührten durchdrang mich ein unaussprechliches Wonnegefühl.

Endlich flogen sie alle auf mich zu, schlossen mich in einen dichten Kreis, und tanzten mit unglaublicher Schnelligkeit