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Wie sein herrlicher, grosser Charakter sich mir alle Tage mehr entwickelt! So wie ein Mensch leidet, hört er auf sein Feind zu sein und wäre er es auch Jahre lang gewesen. Wer hätte dieses tiefe Erbarmen unter dieser rauhen Hülle gesucht! – Wahrscheinlich hat ihn sein Stand gezwungen, so viel als möglich davon zu verbergen und sogar zu vertilgen.

Gewiss erscheint er auch seinen Leuten noch immer wie ein harter Mann. Aber ich, der er sich so ganz hingiebt, ich blicke in sein schönes Herz und bewundre ihn im Stillen.

O wie freue ich mich, dass dieses Herz mit allen seinen lieblichen Schwächen, in meine hände gefallen ist. Ich will es schonen und ehren. Seine leidenschaft soll mir heilig sein, und wenn sie mir auch jemals als Hass erscheint; immer will ich denken: es war doch nur Liebe.

Jetzt eben ging er von mir. "An wen schreibest Du?" – fragte er, und sah mich forschend dabei an. "An Wilhelminen" – sagte ich lächelnd. "Klagst Du auch?" – fragte er weiter und eine rührende Trauer verbreitete sich über sein Gesicht. "Weswegen sollte ich klagen?" – antwortete ich heiter – "etwa deswegensetzte ich hinzu, indem ich seine Hand küsstedass ich unbeschreiblich geliebt, weit mehr geliebt werde; als ich verdiene?" –

Ach die Worte kamen grade aus meinem Herzen. Sie schienen mir so einfach, und so wahr. Gleichwohl erschütterten sie ihn auf eine sonderbare Weise.

Der teure liebe Mann! wann wird er einmal zur Ruhe kommen? –

Vier und zwanzigster Brief

Wilhelmine an Julie

Gieb Dir keine Mühe! Ich bin zu gut unterrichtet um mich täuschen zu lassen. Aus freien Willen wärest Du auf Deinem Zimmer geblieben? – Ja, ja! eine ganz gute Erfindung für Deine Bedienten. Aber bei mirwie gesagt, Du kannst die Mühe ersparen.

Liesse mich auch jemand Jahr aus Jahr ein so viel freie Luft schöpfen, und so viele Briefe schreiben als mir beliebte; ich würde dumm genug sein mir einzubilden: dergleichen verstünde sich von selbst.

Eben so kläglich schicke ich mich zum Bewundern. Freund Reinhold kann Dir ein Lied davon singen.

Welche Disharmonie! In der Tat, nehme sich Dein Herz nicht manchmal die Freiheit, Dir ein Wörtchen zuzuflüstern, unsre Freundschaft würde zum Rätsel. Aber bei diesen Einschiebseln, die Dir wahrscheinlich als Unregelmässigkeiten erscheinen, fliegt Dir das Meinige wieder zu. Ich triumphire, dass Dir die hochbelobte Kunst unsrer französischen Gouvernante de corriger la nature noch nicht gelungen ist.

Doch wer weiss! mit der Zeit kann alles noch werden. Hast Du doch schon mit hülfe dieser Kunst herausgebracht: Antonelli habe Dich vergessen, habe Dich vielleicht niemals geliebt.

Ja! ja! die Vielleichts machen einem viel zu schaffen. Wollte der Himmel, ich wäre mit denen, die mir noch auf dieser kleinen schwerfälligen Erde übrig bleiben, schon fertig, dann könnte ich Dir bei den Deinigen helfen.

Ob ich jetzt immer so lustig bin? O ganz erschrecklich! Du siehst die Spuren der Freude hier auf dem Papiere.

Fünf und zwanzigster Brief

Julie an Wilhelmine

Die Spuren waren von Tränen. O meine Wilhelmine! noch immer grämst Du Dich; bestehst darauf: ich sei unglücklich. Warum hältst Du diese Vorstellung so fest? Das Gegenteil ist ja doch möglich, und wird sogar immer wahrscheinlicher.

Auch ich, Geliebte, habe manches über mein künftiges Leben nachgedacht. Hätte ich hoffen können, mit einem mann, den ich leidenschaftlich liebte, glücklich zu werden; wer wüsste was ich getan haben würde. –

Aber welchen Grund konnte ich dieser Hoffnung geben. Alles belehrte mich, dass es auch dem besten mann unmöglich wird, leidenschaftliche Liebe an einem weib zu ertragen, dass leidenschaft und Weib, ihm eben so widrig klingt, wie Hässlichkeit und Weib, und dass, wo diese traurige Disharmonie sich findet, an kein Glück zu denken ist.

Wie wäre es auch möglich? Haben wir uns einmal dem männlichenfür uns wahnsinnigen Gedankenüberlassen: geniessen zu wollen; so achten wir keine Schranken. Von einer feinern Organisation, weit mehr als die Männer, zum Streben nach dem Unendlichen getrieben, wollen wir nun eine Verbindung, die unter zwei unvollkommnen Wesen, nicht einmal in der idee bestehen kann.

Alle Täuschungen des Wissens, der Ruhmsucht und der tierischen Sinnlichkeit, mit welchen sich die Männer, oft bis an ihr Ende, so glücklich betäuben, sind bei uns nicht wohl möglich.

Wir fühlen nun mit allen Kräften unsers Wesens: dass die Verbindung Zweier, oder Aller zu Eins, der Zweck aller Schöpfung sein muss. Die Zeit, wo wir den trüben Dunstkreis unsrer Erde zu einem vollkommnern Leben durchbrechen werden, ist für uns schon verflossen.

Eins! eins wollen wir sein mit dem Geliebten. Kein Gedanke, keine Ahnung soll uns entgehen. Ein ewiger seeliger Tausch, Zusammenklang alles Wissens und Begehrens. Ach! schon mitten in diesem höchsten Wunsche werden wir plötzlich durch die schreckliche Wirklichkeit unterbrochen, und sinken zurück – – – unter die herrschaft eines Mannes.

Während wir uns so in, ja über den Wolken umhertrieben, wie fürchterlich hat sich diese herrschaft ausgedehnt! Gleichwohl macht sie den, der sie ausübt, nicht glücklich.

Mit ganz andern Wünschen und Hoffnungen war er zu uns gekommen. Selbst von den Leidenschaften irre geführt, suchte er ein Wesen, das über alle leidenschaft