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; aber da fällt mir das A. wieder in die Augen, und ich trete einige Schritte zurück.

Indem kommt mir der Alte entgegen, und ich stürze nun mit einer Art von Wut hinein zu dem Bette.

Da lag er, von Fieberhitze glühend. Nannte laut ihren Namen, klagte sich an, klagte mich an, und wusste nicht, dass ich vor ihm stand.

"Das, das ist Euer Sohn!" – sage ich zu dem Alten, um mir durch einen Vorwurf Luft zu verschaffen.

"Ach gnädiger Herr! machen Sie mich armen Mann nicht unglücklich! Ich hätte kein Mensch sein müssen" –

"Schweig! – sage ichich will nichts mehr hören. Geh' zum Haushofmeister. Er soll Leute herschicken und im rechten Flügel ein Zimmer bereit halten."

Der Anblick hatte mich erschüttert. Das Herz hatte den Kopf überwältigt. Jetzt wollte ich den Alten zurückrufen; aber gewaltsam fühlte ich mich wieder zum Bette hingezogen, und als ich abermals zur Tür ging, war es zu spät.

Da stand ich nun, und mein böser Geist hielt mir den ganzen Brief der Mutter wieder vor Augen. Mit Todesangst übergebe ich Ihnen mein Alles. Ich strich und strich an meiner Stirne, und die Zeile wollte nicht fort.

Die Leute waren schon gekommen, er war schon in meinem, meinem eigenen haus, eh ich das schreckliche Gewühl meiner Empfindungen entwickeln konnte.

Lass mich Atem schöpfen! Ein ander Mal.

Siebenzehnter Brief

Reinhold an Wilhelmine

Wissen Sie es schon? Antonelli ist krank, ist entdeckt. Der General selbst hat ihn in sein Haus genommen. O er ist mein Freund! und wird es ewiglich bleiben.

Sagen Sie! wie ist es möglich, einen Mann zu hassen, bei dem das Herz immer die Oberhand behält? –

Allerdings! auch wir hätten unter ähnlichen Umständen dasselbe getan. Aber er! mit seiner fürchterlichen Heftigkeit! mit seiner glühenden Eifersucht! – Nein! nein! es war schön! es war wirklich sehr edel.

Aber, welche Folgen wird es haben? – Ich zittre für Antonelli, für Julie, am meisten für ihn selbst. Wahrlich! das Schicksal nimmt ihn in eine harte Schule. Er, der seines Herzens so oft spottete, wie fürchterlich muss er dadurch büssen. Welch ein Labyrint! Ich würde nicht hineingekommen sein, dass darf ich wohl behaupten; aber ob, und wie ich mich wieder heraus finden würde? – In der Tat darauf weiss ich keine Antwort.

Achtzehnter Brief

Wilhelmine an Reinhold

Wenn Sie, mein teurer Freund! am rand eines Abgrundes lustwandeln, sich noch dazu auf dem Wege berauschen, und alle Warnungen Ihrer Freunde nicht achten, so bedarf es keiner Inspiration, um zu wissen, wie es Ihnen gehen wird. Wenn Ihnen aber die Abgründe, wie die starken Getränke von natur zuwider sind, so braucht niemand zu antworten, denn niemand wird fragen. Der Herr General muss erndten, was er gesäet hat. Unser allgemeines Schicksal. – Wer sich darüber wundert, gehört in das Land der gebratenen Tauben. geben Sie mich auf! Sie sehen, das Bewundern wird mir eben so unmöglich, wie das Beklagen. Zu dem ersten gehört immer eine angemessne Entfernung von dem gegenstand, zu dem Zweiten ein gewisser Grad von Hoffnung. Leider fehlt es mir an beiden, und ich bin daher selbst im hohen Grade zu beklagen. Ihr Freund hat alle heitere Aussichten meines Lebens zerstört. Mich nun unter seine Bewundrer aufnehmen zu lassen, würde in der Tat zu den Übermenschlichkeiten gehören, die ich, grade um sie recht bewundern zu können, so viel als möglich von mir entfernt halte.

Hätte das Jedermann getan; so stünden die Sachen vielleicht etwas besser. Wie sie nach einigen Jahren, vielleicht schon nach einigen Monaten stehen werden, ist bei mir keinem Zweifel unterworfen. –

Neunzehnter Brief

Olivier an Reinhold

Ob sie es weiss? Ob sie ihn erkannt hat? – Das frage ich mich des Abends, wenn ich die Augen schliesse, und des Morgens, wenn ich sie wieder öffne.

Meine Leute haben den strengsten Befehl, seinen Namen nicht zu nennen. Auch wissen nur drei um die Sache. Doch wäre es möglich. –

Sie verrät eine Angst, eine Beklommenheit. – Ihr offner, heiterer Sinn ist gänzlich verschwunden. Oft, wenn ich unvermutet hereintrete, finde ich sie tief in Gedanken versunken, und nur meine stimme weckt sie aus ihren Träumereien.

Diese Schwermut hat sie unbeschreiblich verschönert. Kein Band, keine Blume kommt in ihr Haar. Ach wer sie so sähe, um dessen Verstand wäre es geschehen.

Auf meinen Befehl trägt sie beständig einen Schleier. Oft, wenn endlich die männlichen Bedienten entfernt sind, ich mir stundenlang den Genuss versagt habe, sie unverhüllt zu sehen, treibt mich mein Wahnsinn den Schleier wegzureissen. Wie vom Blitze getroffen, stehe ich dann vor ihr.

Es ist eine neue Erscheinung. Ohne es zu wissen, habe ich diesen Engelzügen andre, gemeine Züge untergeschoben, habe zur Lindrung meiner Schmerzen, mir ein andres, minder schönes Bild zusammengesetzt. Jetzt werden sie durch diesen einzigen blick zur furchtbarsten Quaal wieder erhöht.

Mit Wut, mit Todesangst fasse ich sie dann in meine arme, stürze mit ihr fort in das entlegenste Zimmer, starre sie an, laufe auf und ab wie ein Rasender, presse ihre hände gegen meine Brust, frage sie: ob sie mich liebt? ob sie mein ist