wollte erstarren. Ich nähere mich der Laube, worin sie waren. Ja! ja! sie beide! allein –
Er hält sie bei ihren Kleidern. Sie will entfliehn, sieht mich, und stürzt, laut schreiend, mir in die arme.
Ich dachte, die gegen einander kämpfenden Empfindungen würden mich tödten. Sie bittet, fleht, ich möge sie auf ihr Zimmer bringen. Sie konnte nicht gehen, ich musste sie tragen. Der unbesonnene Bube hat die Frechheit mir zu folgen, klagt sich laut an, spricht von einer unüberwindlichen leidenschaft, sagt: er könne nicht leben, ohne sie zu sehen. –
Die Wut verschliesst mir den Mund; aber ich winke dem Kammerdiener. Er versteht mich. Der Wagen fährt vor, ich bringe sie hinein und wir rollen davon.
Also, keine Palliative! Ich bin bei meiner empfindlichsten Seite angegriffen, und tue was ich muss.
Zehnter Brief
Wilhelmine an Reinhold
Helfen Sie! helfen Sie schnell! Er hat sie auf seinen Gütern, sie ist eingesperrt, kein Mensch darf zu ihr. Alles, alles ist gekommen wie ich dachte! schlimmer als ich dachte. Antonelli, der Unglückliche! ist bei mir. Er liebt sie mit einer fürchterlichen leidenschaft. Wahrscheinlich hat sie sich durch Kälte zu retten geglaubt und ihn dadurch aufs Äusserste gebracht.
Mit aller Unbesonnenheit, und Heftigkeit eines kunstlosen Herzens, hat er ihr seine Liebe gestanden, und Olivier, der ihn in dem Augenblick entdeckte, bis zur schrecklichsten Wut aufgebracht.
Wenden Sie alles an, dass sie nicht leide, dass sie nicht hart behandelt werde. Oder ich kenne mich selbst nicht mehr, ich weiss nicht, zu welchen Mitteln ich greife.
Eilfter Brief
Reinhold an Olivier
Ist es wahr? ist es möglich! was ich lese, was ich höre? So plötzlich ist es dahin gekommen? – Du hast nicht einmal den Willen, Dich zu beherrschen! klagst sie selbst an! Sie in der Du vormals die höchste Reinheit und Güte erkanntest. – Eine Buhlerin, eine gemeine Buhlerin, der die Unschuld eines junger Mannes lästig ist, soll sie geworden sein? –
Wer hätte es wagen dürfen, Dir vor wenigen Monaten auch nur etwas ähnliches zu sagen? – wer dürfte es jetzt noch wagen, ohne mit seinem Leben dafür zu büssen?
Wie krank musst Du sein! dass Dir das Scheusslichste, das Unsinnigste als wahr erscheint.
Ich habe um Urlaub angesucht. Erhalte ich ihn; so eile ich zu Dir.
Zwölfter Brief
Olivier an Reinhold
Komm' nicht! das Übel würde nur ärger. Ich dulde keinen Mann in ihrer Nähe. Kein Klügeln mehr! Ist die Ehre verlohren, dann kann ich vom Morgen bis zum Abend philosophiren, ich bekomme sie darum nicht wieder.
Ja, ich will es glauben, sie war rein, bis ich ihre Sinnlichkeit weckte. Aber jetzt – das verstehst Du nicht! Ein Weib ist ein Weib, und natur ist stärker, als Vernunft.
Warum stürzte sie mir mit dieser Heftigkeit in die arme? Woher diese Tränen, diese Todesblässe, und jetzt, dieser unüberwindliche Trübsinn. Ich sehe es, sie will sich darüber erheben; aber sie vermag es nicht.
Ist ihr Wille noch so rein wie vormals, was kann ihr dann fehlen? – Sie muss mir danken, dass ich sie gerettet habe, und scheinbar tut sie das auch. Aber im Innersten ihres Herzens wütet das Gift – und in dem meinigen? – O es war Schicksal! wer konnte entrinnen? –
Dreizehnter Brief
Wilhelmine an Reinhold
Antonelli ist fort. Gestern hörte er, Olivier habe R.... zu seinem Aufentalte gewählt. An Zurückhalten, Überlegen, war gar nicht zu denken.
Ich habe ihm Friedrich nachgeschickt. Wo er seinen Bedienten gelassen hat? mag Gott wissen. Ich habe vergessen darnach zu fragen. Aber ihn nun wieder allein gehen zu lassen war mir unmöglich. Nicht wahr? ich habe Recht getan?
Man sagt, sie dürfe nicht einmal schreiben. Es ist abscheulich. Meine Mutter weint, und mein Vater scheint alle Heiratsanträge vergessen zu haben.
Ich kann nicht aus der Stelle. Alle meine Koffer sind gepackt. Aber was würde bei einer noch grösseren Entfernung aus mir werden. – Sähe ich nur eine einzige Zeile von ihrer Hand, wüsste ich nur, was sie jetzt denkt und empfindet – ich wollte mich fassen. Aber diese schreckliche Ungewissheit! – O! lange darf sie nicht dauern.
Vierzehnter Brief
Reinhold an Olivier
Ob Deine Drohung mich abgehalten haben würde? weiss ich nicht; aber leider ist mir der Urlaub versagt.
Ich hoffe, es war nur Übereilung. Du wirst Dich nicht ganz der leidenschaft hingegeben, Du wirst Dir gestanden haben, dass alles, was Du von Ehre vorbrachtest, nur aus dem Bedürfniss entstand, Dich wenigstens scheinbar zu rechtfertigen.
Aber gut, ich nehme an: Du habest das Alles wirklich geglaubt; aber jetzt? – Ich bitte Dich! erspare die Reue und kehre zurück, weil es noch Zeit ist.
Gewiss ich kann von meinem Leben nicht überzeugter, als Du von der Nichtigkeit Deiner Besorgnisse sein. Doch gesetzt, sie hätten irgend einen Grund; offenbarst Du dann Deine Schande nicht selbst, zeigst Du nicht, dass Du nur der Gewalt Deine sogenannte Ehre verdankst?
Welch eine geringe Meinung Deines Wertes! welch eine überwältigende Furcht: Du mögtest das Schlimmste verdient haben! – In der Tat, ich zweifle, ob Dich irgend