des Platzes ziemlich genau. Hierauf gründete sich unsre hoffnung. Die übrigen, freilich ansehnlichen Schwierigkeiten, machten uns weiter nicht bange.
In aller Stille wurde am Neunzehnten Abends ein Detaschement von sechszehnhundert Mann ausgehoben und erhielt Befehl, sich bei N... zu versammlen.
Alles ging so gut, dass die Bestimmung dieses Korps der Armee gänzlich unbekannt blieb. Nur aus den mitgenommenen Beilen, Äxten und Brecheisen konnte man vielleicht, doch nur unvollkommen, etwas ahnen.
Gegen sieben Uhr setzte sich die kleine auserwählte Schaar in Bewegung. Jeder hatte eine weisse Binde um den Arm, und war übrigens mit allem Nötigen versehen.
So ging es schweigend durch die kalte Herbstnacht. Nur einige Wolken schwebten am Himmel. Oft brach der Mond hinter ihnen hervor und das stille Häufchen drängte sich dichter an einander.
Jetzt waren wir bei N... Man nahm Abschied von den Kamaraden, das kleine Heer ward in zwei Kolonnen, diese in zehn Attacken verteilt, und nun ging es rasch gegen die Vestung.
Während der General den Hauptangriff dirigirte, sollte Graf Antonelli sich der L.... Strasse bemeistern, durch den gewölbten gang bei des Commandanten wohnung hervorbrechen, und sich wieder, nachdem die Tore gesprengt sein würden, zur Einnahme des ganzen Platzes mit uns vereinigen.
Jetzt schlug es Zwei, noch einige hundert Schritte, wir hatten die Vestung umgangen und waren glücklich bei dem fuss des Glacis angekommen.
Die erste Schildwache pfiff sich ein Stückchen um munter zu bleiben, dann und wann schallte ein Zuruf der feindlichen Posten, sonst war kein laut zu vernehmen.
Jetzt hörten wir das dumpfe Hinan! und ehe wir selbst es nur glaubten, war der Berg schon erstiegen. Aber in dem Augenblicke waren wir auch von der Schildwache entdeckt. Kein andrer Rat! unsre Bajonette mussten sie zum Schweigen bringen. Ihren Kamaraden ging es nicht besser, und so waren wir nach kurzem über die Palisaden hinweg.
Aber hier änderte sich plötzlich die Scene. Zwei feindliche Posten gaben Feuer, man hörte den Angrif auf die Stadt und alles kam in Bewegung.
"Zu den Waffen! zu den Waffen! die Feinde! Hier Kamaraden!" So erscholl es von allen Seiten. Jetzt schmetterte die Lärmtrommel dazwischen, und das Getöse stieg bis zur schrecklichsten Betäubung.
Indessen war der Angrif auf die Stadt glücklich ausgeführt, und wir erstiegen nun mutig die Wälle. Balken, Steine, Handgranaten stürzten uns entgegen und zerschmetterten die Brüder vor unsern Augen.
Der General sah es, hörte das Röcheln dicht um sich her, und sein Schmerz schien sich in Wut zu verwandeln.
"Hinan Brüder! hinan! – rief er – dass Menschenblut nicht umsonst vergossen werde!"
Es half; noch einige Minuten, und wir waren oben.
Aber in dem Augenblicke wurden Graf Antonelli und seine gefährten entdeckt. Mit fürchterlichem Getöse drang er jetzt durch den unterirdischen gang, und nun begann ein wütendes Gemetzel. Zwei Tore hatten wir inne; aber er und der Platz waren verlohren hätte die Verzweiflung unsre Kräfte nicht verdoppelt.
Wie ein junger Löwe brach er aus seinem Hinterhalte hervor, und befand sich beinah immer allein unter den Feinden. Unbegreiflich ist es, dass sie ihn nicht zum Gefangnen machten. Der gang war so enge, dass nur drei Mann neben einander stehen konnten. natürlich wurden diese sogleich getödtet, oder verwundet, versperrten denen die an ihre Stelle treten wollten den Weg, und machten so die Grundlage von einem Haufen Leichen. Dichte davor fanden wir Antonelli allein, unverwundet, aber durch Blut und Staub beinahe unkenntlich.
Jetzt hörte er die stimme unsers Generals, und ein sechsfaches Leben schien ihn zu begeistern. Mehrere der Unsrigen sahen ihn kommen und hörten vor Erstaunen nicht ihre Führer. Rechts links schlug er die Feinde. Er stand bei uns, und wir starrten ihn an.
Aber jetzt wurden wir schrecklich aus unsrer Betäubung geweckt.
"Der General ist verwundet!" – durchlief es die Reihen. – "Nicht wahr! nicht wahr!" – rief Antonelli – und so ging es wieder in den dichtesten Haufen der Feinde.
Nun keine Rast! wir mussten hindurch, und kamen nur bei dem Worte Sieg zur Besinnung.
Die Vestung war unser, der Commandant getödtet, die Garnison gefangen; aber unser Häufchen zu neunhundert eingeschmolzen und unser allgemein verehrter General an zwei Stellen verwundet.
Ich habe fräulein S... geschrieben und übersende Ihnen hierbei eine Abschrift dieses Briefes. Ohne meine Bitte werden Sie alles beitragen, unsern Wunsch zu erfüllen. Ist es möglich, fräulein Julie zu überreden, so haben wir hoffnung.
Vier und Sechzigster Brief
Reinhold an Wilhelmine
fräulein Julie wird in diesen Tagen einen Brief von dem Adjutanten des Obersten erhalten, oder schon erhalten haben. Sie verstehen mich – ja bestes fräulein! ich wage es für ihn zu bitten. Können Sie mich tadeln? seit meinem achtzehnten Jahre ist es mein Freund. Gewiss Sie fühlen, was das heisst – fühlen es um so mehr; wenn Sie bedenken, dass es mir meine Geschäfte unmöglich machen, zu ihm zu eilen, und seine Pflege zu übernehmen.
Es sind doch nur Fremde, die ihn umgeben. Wie könnten sie, bei dem besten Willen, die Teilnahme eines Freundes ersetzen! Dies kann nur ein Wesen – seine Julie. – O mein fräulein, rauben Sie ihm, rauben Sie mir nicht diesen Trost.
Gewiss Sie begreifen eine Männerfreundschaft. Wenn Sie Ihre Empfindung zum Maasstabe nehmen; so habe ich