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und des Körpers.

Antonelli freilich scheint von dem allen nichts zu empfinden. Er ist der Barde unsers kleinen Heeres, und mitten im Sturm und Regen dichtet er seine Gesänge. Wäre er nur allentalben. Da, wo die Leute ihn sehen, lächeln sie mitten unter den Schmerzen und lassen sich willig täuschen durch sein liebliches, tröstendes Geschwätz. allmählich kommen sie dann auch ins Erzählen. Besonders den Alten ist er äusserst willkommen. Er frägt, ergänzt und eh' sie es sich versehen, ist er der Beschreiber. Jetzt erstaunen sie selbst über das was sie taten, und schwören mit funkelnden Augen: sie wollen alles wahr machen, was er von ihnen prophezeiht. Unser erstes Augenmerk ist nun auf B... gerichtet. Es wird Menschen kosten; aber wir müssen es haben. Was macht die einzige. Ich will ihr nicht schreiben, um in diesem allgemeinen Elende meiner eignen Schmerzen nicht zu gedenken. Lebe wohl! Bald hoffe ich etwas Entscheidendes melden zu können.

sechs und funfzigster Brief

Wilhelmine an Reinhold

Ein Kind von fünf Jahren machte Julien vor einigen Tagen ein Kompliment, das der feinste und gewandteste Dichter kaum schmeichelhafter und passender hätte ersinnen können.

Nachdem wir die Gemählde in der äussern Gallerie besehen hatten, wollten wir eben in die innere treten; als ein kleiner goldlockiger Knabe mit grossem Angstgeschrei zu seiner Mutter lief, und sich so tief er nur konnte, in ihre Kleider zu verhüllen suchte.

"Was fehlt Dir, mein Kind?" – sagte die Mutter – "Ach Mama! die grosse Frau! Sie ist herunter gestiegen, sie kann gehen!" – und so suchte er sich immer tiefer zu verbergen. Die Mutter, ein sanftes, vernünftiges Weibchen, liess den kleinen Krauskopf ohne ihm vorzudemonstriren, in ihren Kleidern, und fragte erst, nachdem er schon mehrere Male aus seinem Hinterhalte hervorgeschielt hatte: "Wo ist denn die grosse Frau?" – "Da! da!" – rief der Knabe und zeigte auf Julie – "Sie hat ein hübsches Kleid angezogen. Aber Mama: wo ist der kleine Junge? " – "Ach!" – sagte die Mutter – "er meint die grosse Madonna!"

Nun ward Julie wie mit Blut übergossen, und peinigte mich, sogleich mit ihr fortzugehen. natürlich ward ich ein wenig böse. In der Tat, sie hat mir durch diese übertriebene Schüchternheit schon so manches Vergnügen geraubt. Überdem ehrte Jedermann ihre Verlegenheit. Nur ein junger Künstler umarmte den Knaben und lobte ihn gegen die Mutter.

Demohngeachtet musste ich mich entschliessen, wollte ich sie nicht allein gehen lassen, für diesen Morgen alles aufzugeben, und mit den anhaltendsten Bitten habe ich sie noch nicht wieder hinauf bringen können.

Nun ist sie beständig zu haus und lässt sich kaum zu einem Spaziergange bereden. "Der Knabesagte sie letzt mit Tränen in den Augenhat eine Lächerlichkeit auf mich geworfen. Man wird mich die herumwandelnde Madonna nennen." –

"Nun, und wenn man Dich so nennt? Ein gewaltiges Unglück!!"

"Ein Frauenzimmer mit einem Beinamen!" – sagte sie und eilte nun, ohne weiter auf meine Ausrufungen zu hören, mit sehr betrübtem Gesicht in ihr Zimmer.

Der kleine vorlaute Bube wird mich also wohl zwingen *** weit früher als ich gewollt hätte zu verlassen. Doch werde ich Ihnen vor meiner Abreise sicher noch einmal schreiben.

Sieben und funfzigster Brief

Reinhold an Olivier

Hier schicke ich Dir einen Brief von Wilhelminen. Es ist viel von Julien darin und dies wird Dir angenehmer sein als vielerlei, was ich Dir schreiben könnte.

Eure Lage ist schrecklich; aber Du hast ja wohl schrecklichere überwunden. Ich sage mit Dir: mögte es nur gegen den Feind gehen! – Doch bitte ich Dich, suche die Gefahr nicht so absichtlich wie vormals. Du selbst hast mir gestanden, es sei oft ganz ohne Nutzen, und bloss um des Ruhms willen geschehen. Ich liebe Dich und kann den Gedanken nicht ertragen, Dich fern von mir sterben zu lassen.

Lebe wohl! lebe wohl! mache, dass ich Dich wiedersehe.

Acht und funfzigster Brief

Olivier an Reinhold

Wut, Reue und Verzweiflung zerreissen wechselweise mein Herz. Nichts, nichts kann ich tun. Ich muss die unglücklichen Menschen vor Hunger und Ermüdung zu meinen Füssen hinstürzen sehen und kann, kann ihnen nicht helfen.

O, dass ich mein Wort gegeben! dass ich mich an das schreckliche Leben gebunden habe! – Liebe und Freundschaft, die Erinnerung alles Sanften und Schönen ist rein aus meinem Herzen verschwunden. Nur Wut über die Buben, die uns in dieses Elend geführt haben, beweist mir, dass ich empfinde, Spott und Schande werden sie erndten, die heillosen Betrüger! – Aber ich, ich schwöre es! und sollte ich nur zehn Mann gegen den Feind bringen, ich werde mich retten vor dieser Schande. –

lebe wohl, und rechne nicht auf die Zukunft.

Neun und funfzigster Brief

Wilhelmine an Reinhold

Wir gingen heute in die Oper, und waren durch das was wir von dem ersten Sänger gehört hatten, berechtigt, unsre Erwartung aufs höchste zu spannen.

Er sollte uns Cäsar auf Farmakusa darstellen. Ehe wir hinkamen, hatte ich meinen Cäsar schon fertig. Es war ein langer stattlicher Mann, mit grossem brennendem Auge und milder Hoheit auf der Stirne. Sein gang war fest, seine Bewegungen waren kraftvoll und edel. Er sprach einen schönen Tenor und, wenn er es