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und funfzigster Brief

Olivier an Reinhold

Morgen reiset der König, und in acht Tagen muss ich ihm folgen. Um mich völlig zu bestimmen, hat er mir meine alten Kamaraden zugeschickt. Sie bestehen darauf, ich soll sie anführen und schieben mir ihre Ehre ins Gewissen. Was konnte ich tun? – ich habe Ja gesagt, und so geht es denn wieder in die feindlichen Säbel.

Wenn einer mich träfe! – Wenn ich die einzige nicht wiedersähe! Wenn ich nach dem tod fortdauern müsste, ohne sie zu besitzen! – Nein! nein! das ist nicht möglich! Allentalben durchbreche ich die Schranken und eile wieder zu ihr hin.

Der König weiss, dass sie nicht reich ist, und hat ihr eine Pension angeboten, mit der erlaubnis sie verzehren zu können, wo es ihr gut dünkt. natürlich hat sie sie ausgeschlagen. Man muss ihm verzeihen. Er ist an seine bettelnden Schranzen gewöhnt. Auch hat er nicht den Mut gehabt, selbst von der Sache zu sprechen.

Die Mutter ist wieder hergestellt, und Julie geht mit Wilhelminen nach W... Antonelli wird unter mir dienen. Es ist ein Trost für mich, den herrlichen Jungen an meiner Seite zu haben. Wäre er bei Julien gebliebender Gram hätte mich getödtet.

Er liebt sie und mich bis zur äussersten Schwärmerei. Mit seiner kindlichen Unschuld schlägt er die Eifersucht in dem Augenblicke nieder, wo er sie reizt, und zwingt sie sich in Liebe zu verwandeln.

Er hat sich bei mir angesiedelt und weicht nicht mehr von meiner Seite. Oft erschüttern mich seine kindischen Spiele bis in das Innerste der Seele.

Eins seiner liebsten ist, wenn er durch die ganze Reihe von Zimmern bis in das äusserste laufen kann. Dann muss ich rufen: wo bist Du mein Sohn? und nun stürzt er in meine arme, und weint und lacht, und bedeckt mein Gesicht mit unzähligen Küssen.

Letzt war Julie dabei, und da ruhte er nicht, sie musste die Worte in ein Rezitativ bringen. Nun hat er eine Antwort komponirt, die er nach den Umständen verändert.

Bald hat der Sohn den Vater verloren, und kann ihn, trostlos, nicht finden. Dann schildert er die Sicherheit des väterlichen Hauses, und die Liebe des Vaters. Dieser ist immer ein Krieger und hat tausend Gefahren überwunden. Bis ans Ende der Welt will der Sohn ihm nun folgen. In den Tod will er gehen, um den Vater zu retten u.s.w.

Aber der Sohn hat auch eine himmlische Freundin. Von Lichtglanz umflossen, schwebt sie nur über der Erde und tröstet die leidenden Menschen. Wenn er gut ist, wird sie ihn lieben ... Ach! und was weiss ich, was die kindische, liebliche Phantasie sonst noch erdichtet.

So bin ich den ganzen Tag von seinen Zauberbildern umgaukelt und höre ich dann einmal wieder von andern Leuten ein vernünftiges prosaisches Wort, ohne Musik, so wird mir ganz unheimlich zu Mute.

In dieser Zauberwelt verstärken sich alle meine Gefühle. An den Abschied mag ich nicht denken.

Vier und funfzigster Brief

Wilhelmine an Reinhold

Diesen Morgen ist der Obriste abgereist. Von ihm und Julien hörte ich kein Wort; aber Antonelli drückte wechselweise ihre Gefühle aus. Dieser wunderbare Mensch scheint durch eine Art von Inspiration die geheimsten Empfindungen zu kennen. Mit bewundernswürdiger Leichtigkeit weiss er sich in jeden Zustand zu versetzen und spricht andere Gefühle mit einer Kraft und Wahrheit aus, die zur Bewunderung hinreisst. Wo er sich naht, da werden alle Gegenstände verwandelt. Man befindet sich nicht mehr auf der kleinen alltäglichen Erde. Alles ist gross, alles verkündigt ein reicheres, höheres Leben. Selbst der Schmerz wird in seiner Nähe zum Genuss; denn er muss sich veredlen und verschönern.

Wahrlich! der Obriste ist und bleibt doch ein verzogenes Kind des Schicksals. Welcher Mensch kann sich zweier Wesen wie Julie und Antonelli rühmen? – Wenn jetzt etwas aus ihm wird, so kann er sich nicht damit brüsten.

Sonnabend gehe ich mit Julien nach ***. Ich habe einen zweiten Bedienten angenommen, damit Friedrich unser ordentlicher Führer werden kann. Sein Alter, seine Welt- und Menschenkenntniss und sein äusserst gebildeter Ton macht ihn mir in dieser Rücksicht unschätzbar.

In *** kommt er nun recht in seine Sphäre. Er freut sich wie ein Kind auf die Gemählde-Sammlung und hat mir schon wer weiss was für Wunder davon erzählt.

Meine Mutter ist wohl und schreibt mir sehr fleissig. Da aber diese Briefe nur Versicherungen ihrer Liebe und Beschreibungen kleiner häuslicher Scenen entalten; so habe ich Ihnen bis jetzt nichts davon mitteilen wollen.

Julie lässt Sie grüssen. Leben Sie wohl, aus *** ein Mehreres.

Fünf und funfzigster Brief

Olivier an Reinhold

Welch ein fürchterliches Wetter. Ist es nicht, als ob der ganze Himmel in Regen herabstürzen wollte. Meine armen Leute sinken ein bis an die Knie und die Kanonen sind kaum mehr fortzubringen. Schon den vierten teil der Mannschaft haben wir durch Krankheit eingebüsst. Es ist schrecklich! Jeder leidet für sich, aber ich leide für sie alle. Ich lasse Wein, Brandwein und alles was stärken und erquicken kann, unter sie austeilen; aber wenn ich des Morgens den bleichen Gesichtern das Marsch! zurufen soll; so muss ich mich wohl zehnmal räuspern.

Wären wir nur wo wir sein sollen! Ginge es nur gegen den Feind; dann müsste alles schon werden. Aber dieses Kämpfen mit den Elementen zerstört die Kraft der Seele