Felder.
Mit einem Male – so viel weiss ich noch – ward alles schwarz um mich her, mein Pferd stürzte und ich verlor das Bewusstsein.
So hatte man mich gefunden. Mein treuer Brauner war unbeweglich bei mir stehen geblieben. Ich erwachte in meinem Bette und fand Antonelli an meiner Seite.
"Julie! Julie!" – rief er und stürzte zur Tür hinaus. Noch ehe ich recht zur Besinnung kam, war er wieder da, umarmte mich, küsste meine Kleider und alles was ihm vorkam.
Ach es ist ein unbeschreiblich liebenswürdiger Junge! Mit tiefem Schmerz muss ich es mir gestehen. – Ich glaubte er würde vor Freuden die Decke zersprengen; als endlich der Arzt erschien, und ihm Ruhe gebot.
Aber daran war nicht zu denken. Mit tausend närrischen Vorschlägen plagte er nun den armen Mann. Ich müsse in die freie Luft. Könne ich nicht gehen; so wolle er und der Kammerdiener mich tragen. Der grosse Lehnstuhl müsse dazu eingerichtet werden – u.s.w.
Alles Kopfschütteln des Arztes half nichts. Er tobte hinaus zu den Leuten. Stricke, Betten, allerlei Gerätschaften mussten herbeigeholt werden, und ehe wir es uns versahen, stand er mit seinem Tragsessel vor uns.
Nun erklärte freilich der Doctor, für diesmal könne nichts daraus werden, und nötigte ihn, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Aber nach einer kleinen Weile erschien er abermals und hatte sich wieder ein Anderes ersonnen.
Der Doctor sollte mit ihm zu Julien gehen und sie bitten, zu mir zu kommen. Dann sollte sie an meiner Seite sitzen, während er auf der Flöte spielen und dazu tanzen wollte.
Der ernstafte Mann konnte sich doch jetzt des Lächelns nicht entalten und fragte nun, wer denn diese Julie wäre? – Antonelli höchst erstaunt, hier jemand zu finden, der noch nichts von Julie gehört hatte, zog ihn nun, ohne weiter auf Einwendungen zu hören, mit Gewalt aus der tür.
Was konnte ich von dem grossen kind anders erwarten, als dass er das teure Mädchen mit oder wider ihren Willen herschleppen würde. Darum sprang ich, ohne meine Schmerzen zu achten, schnell aus dem Bette, warf mich in meine Uniform, und eilte in das andere Zimmer, um sie zu empfangen
Ich hatte richtig geahnet. Nach wenigen Minuten hörte ich schon den Lebendigsten aller Lebendigen – so nennt ihn Wilhelmine – jauchzend und tobend die Treppe stürmen. Aufgerissen ward die Tür, und wie ein Pfeil schoss er, ohne mich zu bemerken, in die kammer.
In meinem Leben werde ich das Gesicht nicht vergessen, mit dem er wieder heraus kam. Aber jetzt blickte er nach dem Sopha und würde mich unfehlbar erstickt haben, wäre ihm nicht zu rechter Zeit eingefallen, er müsse sogleich die fröhliche Botschaft verkündigen.
Kaum hatte ich mich also von seinen kräftigen Umarmungen erholt, so sah ich das himmlische Mädchen, von dem arzt geführt, zu mir eintreten. Mein Zimmer verwandelte sich von nun an, und hat auch seitdem immer etwas Magisches behalten.
Ich wollte ihr entgegen, der Arzt befahl mir zu bleiben. Antonelli ruhte nicht; sie musste sich zu mir setzen. Ich sah ihre unbeschreibliche Verlegenheit; aber ach Gott! ihre Nähe tat mir so wohl. – Doch Antonelli war es noch alles nicht recht. "Ansehen! – rief er – die Hand geben! Sprechen! viel Gutes sprechen! Ich die Flöte holen!" Jetzt war er wie ein Sturmwind hinaus, und hatte den Arzt mit sich fortgerissen.
Wir blieben allein. Ich fühlte es, und sie fühlte es noch tiefer. – Dass sie zuerst sprechen würde, konnte ich nicht hoffen. Ihre Augen waren an den Boden geheftet, und ein hohes Rot hatte das Engelgesicht überzogen.
"Julie! – sagte ich endlich – wollen Sie mir auch nicht die Hand geben; ansehen können Sie mich wenigstens. Ich habe sehr viel gelitten."
Ich glaubte, sie könne nicht schöner werden. Ich hatte geirrt. Mit tiefem Schmerze ward ich es jetzt inne und mit dem Mute der Verzweiflung ergriff ich nun ihre Hand, drückte sie fest an mein Herz, und rief: "Julie! Wenn Sie einen Andern lieben, wenn Sie mich nicht lieben können; so sagen Sie es! Machen Sie mich mit einem Male so unglücklich, als ich werden kann."
Sie schwieg. Mein Urteil war gesprochen. Ich dachte, empfand nichts mehr. Mein Herz hörte auf zu schlagen; aber mein Auge wandte sich noch einmal zu ihr hin. Da sah ich, dass sie die Lippen öfnete, und mein Blut begann wieder den Lauf.
"Julie! – rief ich – was wollten sie sagen? – Sagen Sie es! sagen Sie es! was es auch sei! – Lieben Sie einen Andern? können Sie mich nicht lieben?" –
"Ich achte Sie, und werde nie einem Andern gehören."
Ja! ja! das sagte sie; und ich stürzte vor ihr nieder und rief: nun will ich gehen! will gehen in den Tod! Wann auch das Schicksal gebietet!
Neun und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Julie sagte mir, der Obriste hätte gestern ein grosses Paquet an Sie abgehen lassen. Was kann ich nun weiter erzählen? Sie wissen ja alles. – Sie ist gebunden; und ich werde mich losmachen. Was soll ich hier? – Sie hat meines Rates nicht bedurft, und wird dessen künftig eben so wenig bedürfen