, die sie umschliessen, die Lüfte, die sie umwehen, beneiden.
Letzt kamen wir von einem Spaziergange. Sie klagte über Durst, und foderte ein Glas wasser. Wie sie es so mit Begierde ergriff, es an den Mund brachte, und nun in hastigen Zügen es leerte – ja, da hatte ich mit mir zu kämpfen. Zweimal streckte ich die Hand aus nach dem Glase, und liess sie dann beschämt wieder sinken. – Wer hätte mich begriffen? wer hätte geahnet was ich litt, sie etwas so mit Begierde verlangen, es körperlich mit sich vereinigen zu sehen. – Endlich bekam ich das Glas und – freilich stieg mir das Blut dabei ins Gesicht – ja ich konnte es nicht lassen, heimlich zerschmetterte ich es gegen einen Stein.
Ach bedaure mich! Ich weiss wohl, es ist weit mit mir gekommen.
drei und vierzigster Brief
Wilhelmine an Reinhold
Ich soll mich leidend verhalten? – Nun Sie werden sehen, wohin das führt. Sicher wäre sie? – Mein guter Freund! was nennen Sie sicher? – Dass für ihre Unschuld nichts zu fürchten ist; wer kann davon mehr überzeugt sein als ich? Aber ihre Ruhe! – Sie sollten nur hier sein! –
Wahrlich! Herr Olivier scheint all Ihr Mitleiden verbraucht, und Ihre Gerechtigkeit nur für sich in Beschlag genommen zu haben. Er kommt mir vor wie jener Wolf, der sich beklagte, dass er ein schönes Lamm in der Nachbarschaft, wozu er doch so grossen Appetit habe, nicht zerreissen könne. Darnach mögen Sie ungefähr schliessen, welchen Eindruck seine Leiden auf mich machen, und wie sehr ich gesonnen bin, mich duldend dabei zu verhalten.
Die unglückliche verblendete Julie sieht freilich mit andern Augen. Jeden Tag peinigt sie sich, irgend eine neue gute Eigenschaft an dem Herrn Obristen zu entdecken.
"Es ist doch ein schöner, grosser Charakter! voll Kraft und ausdauernden Mut. So weich kann er nun freilich nicht sein, wie ein Weiberherz ihn verlangt. Aber gewiss! er ist empfänglich für alles Gute und Schöne. – Dass er unser Geschlecht vormals nicht schätzte? ach das mogte vielleicht seine Schuld nicht sein. – Dass er ein wenig viel gelebt hat? Es ist eine Schimäre, Reinigkeit der Sitten von einem mann zu verlangen. – Seine hände triefen zwar von Blut; aber er stritt ja für sein Vaterland" – Wenn ich das Wort höre, beiss ich mir in die Lippen – "und die Welt nennt ihn einen Helden."
Für den Herrn Obristen ist demnach in aller Herzen gesorgt; nur in dem meinigen wollen seine Vollkommenheiten nicht haften. – Trotz des Schafpelzes, steht mir leider der Wolf immer vor Augen, und ich kann die Zeit nicht vergessen, wo er glaubte die jetzige Verkleidung entbehren zu können. Früh oder spät wird er den alten bequemen Glauben wieder annehmen, und wehe dann einem Jeden, der nicht auf seiner Hut ist!
Immerhin wollte ich alles gelten lassen; wenn sie ihn nur liebte. – Es wäre doch eine befriedigte leidenschaft, die in dem genussleeren Menschenleben wohl einige Rücksicht verdient. – Aber, sie fühlt nichts als Mitleiden. Davon bin ich jetzt lebhafter als jemals überzeugt.
Dass der König, bei aller sogenannten Liebenswürdigkeit sie nicht gerührt hat, bedarf wohl keiner Versicherung. – Aber seit einiger Zeit ist hier ein junger Sicilianer, der, wenn der Obriste für einen Herkules gelten kann, sich dreist für einen Apoll ausgeben darf. Er spricht das Deutsche nur gebrochen; aber es klingt wie Musik in seinem mund. Er kann nur halb dadurch andeuten, was er wünscht; aber seine Bewegungen voll südlichen Feuers und südlicher Anmut sagen mehr als die vollkommenste Sprache. Der Obriste ist sein Held und Julie sein Abgott. Wohl bemerkt! dass dieser Abgott sehr menschlich für ihn empfindet.
Aber glauben Sie, man überliesse sich dieser sehr natürlichen Empfindung? behüte! So wie der junge Mann erscheint, läuft man davon und mögte lieber die Fenster zumauern, um nicht den vierten teil eines sichtbaren Ermels auf seinem Gewissen zu haben. Nichts desto weniger geraten der Herr Obriste sehr häufig in grosse Verlegenheit. – Jetzt muss ich abbrechen; aber nächstens sage ich Ihnen vielleicht ein Wörtchen darüber.
Unsere Abreise? – Nun, sie gehört in das Kapitel der guten Vorsätze, und ist demnach vor jeder Übereilung gesichert.
Vier und vierzigster Brief
Olivier an Reinhold
Heute stehe ich mit dem überlegten Vorsatze auf, sie um eine entscheidende Antwort zu bitten. Ich trete in die Allee, und halte noch einmal jedes Wider und Für in meinem kopf zusammen; als ein wunderschöner junger Mann mich anredet. Ich sehe ihn an, und schreie laut auf: "Antonelli!" – "Sein Sohn," – antwortet er, und liegt in meinen Armen.
Als ich ihn so an meine Brust drücke, und mich nicht satt an ihm sehen und küssen kann; zieht er ein Schreiben hervor. Es war von der Mutter. Wie weich ich jetzt bin! – ich konnte' es nicht auslesen. – Du weisst, der Vater fiel an meiner Seite. – Das Mutterherz hatte gesprochen, und – wie gesagt – ich konnte' es nicht auslesen.
Ich gab ihm die Hand, und nannte ihn meinen Sohn. Das Wort war heraus. Einige Minuten darauf hätte ich es nicht sagen können. Julie trat in die Allee und ein Gewühl von schmerzhaften Ahnungen umpfieng meine Seele. –
Der junge Mensch blieb staunend