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. Aber lassen Sie mich Ihre stimme wieder hören! nehmen Sie diese schreckliche Nacht von meiner Seele! – O Julie! sagen Sie mir, dass Sie mich nicht hassen. Julie! meine einzige Julie! kehren Sie wieder! Ich nenne, ich schreibe Ihren Namen so oft. Ach es liegt etwas tröstendes in diesem Namen. –

Aber Sie können diesen Brief nicht lesen. Meine Hand zitterte so heftig. Ich muss ihn abschreiben. Wird meine Julie mir antworten? Gewiss! woher nähme sie die Härte zu schweigen.

Ich habe den Brief wieder abgeschrieben, und kann mich noch immer nicht von dem Blatte trennen. So lange es in meinen Händen ist, fühle ich nicht den entsetzlichen Schmerz in meiner Brust. Mich dünkt, Sie hätten es schon berührt, hätten es gelesen. Ihre Antwort stünde darauf. O meine Julie! werden Sie mir antworten? –

Fünf und dreissigster Brief

Olivier an Reinhold

Ein Brief an Dich, darin einer an Julie, ist gestern abgegangen, und nun erst fällt mir ein, dass ich Dir abermals keine Addresse gegeben habe. Ach, seitdem sie mich verlassen hat, verwirren sich meine Gedanken. Das Notwendigste vergesse ich, Kleinigkeiten betreibe ich mit einer lächerlichen Wichtigkeit, schwatze oft Stundenlang, und weiss am Ende kein Wort davon.

Nun, wegen der Addresse. – Du schickst Deinen Brief nach P.... Der König kommt dortin, und will mich sprechen. Ich zittre, dass vom nächsten Feldzuge, dass von einem Auftrage die Rede sein wird. –

Zwar habe ich meine Ruhe teuer genug erkauft; aber werde ich nein sagen können? Werde ich es dürfen? – Auf keinen Fall reise ich, ohne sie gesehen, ohne ihr Wort zu haben.

Alles hat sich wider mich verschworen! – Treibe mich nun nicht aufs Äusserste.

sechs und dreissigster Brief

Reinhold an Wilhelmine

In diesem Augenblicke empfange ich einen Brief von Olivier, nebst dem Einschlusse an Ihre Julie. Ich schicke Ihnen beides mit einem reitenden Boten, der mir versprochen hat, sich und sein Pferd nicht zu schonen. Noch hoffe ich, er werde früher kommen, als der Obriste, und ihnen Zeit verschaffen, Ihre Maassregeln zu nehmen.

Dem Himmel sei Dank! dass es meines Rates nicht bedarf. Ich gestehe Ihnen, bei Oliviers Zustande ist mir die Unparteilichkeit nicht möglich. – Unvorbereitet konnte ich Sie gleichwohl nicht lassen. – Ach unter diesen heftigen Erschütterungen verwirren sich meine Geschäfte. Oliviers leidenschaft ist unmerklich in mich übergegangen. Oft verwechsele ich mich mit ihm, und mich dünkt, ich sei es, der Julie verliere. Dann reisst meine Phantasie mich wieder zu Ihnen hin, und ich zittre Olivier möchte Julie entdecken. Wie wird das enden? – Sagen Sie mir, beste Freundin! haben Sie keine Ahnung davon? –

Sieben und dreissigster Brief

Wilhelmine an Reinhold

Alle Ahnungen sind überflüssig. Ihr Bote kam nur zwei Stunden später als er sollte; aber wir sind entdeckt. Der König war schon seit geraumer Zeit hier und suchte Julie eben so geflissentlich auf, als sie ihn vermied. Welch Wunder! dass er bei seiner ausserordentlichen Reitzbarkeit, sich angezogen fühlt, wo die kältesten Männer gerührt werden. – Julie in ihrer Kinderunschuld meinte, es sei Wohlgefallen an unserm Geschwätz und fürchtete nur das aufsehen. Aber seine Augen haben ihn verraten, und jetzt, nach der Ankunft des Obristen ist kein Zweifel mehr übrig.

Schon seit mehreren Tagen hatten wir unter dem Vorwande einer Unpässlichkeit allen Spaziergängen entsagt. Endlich lockte uns das schöne Wetter aus unserm Zimmer hervor. Wir glaubten überdem, der König sei ausgeritten, und atmeten sorgenlos die reine erquickende Luft, als wir plötzlich seine stimme dicht neben uns hörten. "Lasst ihn hierher kommen," – sagte er zu seinen Leuten, und stand vor uns, ehe wir nur versuchen konnten, ihm auszuweichen.

Ein paar Minuten, und wir sind, trotz unserer Einsylbigkeit, wieder meisterhaft ins Gespräch verwikkelt. Aber mit einem Male ruft der König: "Ah da ist er! Nicht wahr? Sie verzeihen mir, wenn ich einen alten Freund in Ihrer Gegenwart bewillkomme?" –

Wir verneigten uns und schwiegen. Was konnten wir auf diese übertriebene Höflichkeit antworten? –

Jetzt erscheint ein grosser entsetzlicher Mann in p... Uniform am Ende der Allee. Der König verdoppelt die Schritte. Wir müssen folgen. Auch der Mann nähert sich schneller. "Julie! – rufe ich mit einem Malewer ist das?" – "Der Obriste Olivier!" – sagt der König, starrt mich an, und wendet sich dann zu Julie mit der Frage: "kennen Sie ihn?" – "Es ist mein Vormund" – antwortet sie gefasst; aber bleich wie eine Leiche. Der König steht still, und seine Augen ruhen unverwandt auf Julien. So findet uns der Obriste.

Es war unmöglich den gewaltsamen Kampf zwischen Anstand und überwältigender Empfindung bei ihm zu verkennen. – "Wahrscheinlich eine ganz unvermutete Zusammenkunft?" – sagt der König in einem empfindlich höflichen Tone. – "Meine Brautantwortet der Obriste, und seine Augen sprühen Flammenmusste sich ohne Abschied von mir trennen." – Mit einer tiefen Verbeugung setzt er nach einem allgemeinen Stillschweigen hinzu: "ich habe nicht säumen wollen Ew. Majestät Befehlen zu gehorchen."

"Verbunden! sehr verbunden!" – ruft der König im lustig sein sollenden Tone – "Aber jetzt wäre es grausam