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schützen!' Und eh' sie es ausdenken, öffnet sich jene Tür, der Jüngling tritt ein! Er war allein vorangeeilt, um den Eltern diese Überraschung zu bereiten; segnend empfangen sie ihn, er hat gesiegt, vertilgt ist der Feind, und neuer Ruhm und Glanz kommt von ihm über das Haus!... Sonne, Sterne, Luft und Erde, alles was sie umgab, schien ihnen mit ihrem Leben so innig verwebt; aber Sonne und Sterne gehen auf, gehen unter, die Jahreszeiten wechseln; doch ihr Glück und ihre Leiden, Schmerz und Fröhlichkeit sind vorbeigezogen, wie Schatten der Wolken, die vor der Sonne vorüberfliehen, keine Spur mehr auf der Erde davon. Was ihnen im Leben heilig war, hat mit dem Leben geendet; der Ehre allein, unter allem dieser allein, verdanken die Helden das Andenken ihrer Nachkommen; sie leben in den künftigen Zeitaltern fort, da Millionen neben ihnen untergehen... Nun so ist es auch billig, dass sie dem selbstgeschaffenen Götzen vor allen Göttern Opfer bringen; dieser macht sie unsterblich, da alles, was die natur in ihre Brust gepflanzt, mit ihnen untergeht!"

Eduard trat zu ihm. "Sie sind schon auf, Florentin! ich wollte Sie eben abholen, die andern sind wahrscheinlich schon im Gartensaal." – "Ich habe mich etwas zu lange in den Zimmern und Gängen verweilt, um sie zu betrachten. Dieses Schloss ist ein vortreffliches Monument seines Jahrhunderts; mich freut es, dass es so wohl erhalten ist, und so ganz ohne modernen Zusatz. Es wundert mich um so mehr, da die übrige Einrichtung im ganzen nach dem jetzigen Geschmack mehr elegant und zierlich, als nach jenem reich und kostbar ist!" – "Weil diese mehr der Gräfin überlassen bleibt; und da sie die Eigenheit des Grafen schont, der gerne, was das Altertum seiner Familie bezeugt, in der ursprünglichen Gestalt zu erhalten wünscht, auch nichts von der Stelle gerückt, und keiner Sache eine andere Gestalt gibt, die noch als Überrest der alten Zeit sich erhalten hat, so lässt sich der Graf mit eben der gefälligkeit ihre übrigen Einrichtungen gefallen. Sie sehen selbst, wie klug und gewandt sie beides zu vereinigen weiss. Sie erhält das Alte mit achtung, und fügt hinzu, was die neuern Erfindungen Angenehmes verschaffen.

Die das Innere hier nicht zu kennen gelegenheit haben, finden es sonderbar, und erlauben sich manchen Spott über das Gemisch von veraltetem und modernem Geschmack. Auch sieht es befremdend genug aus, wenn an den alten gewirkten Tapeten eine neue Flöten-Uhr, grosse Spiegel mit schweren künstlichen Verzierungen und neue kristallne Kronleuchter, schwerfällige Sessel und einladende Sofas friedlich nebeneinander bestehen; ebenso werden Sie es im Garten, im Park, kurz überall finden. Wer aber die Menschen kennt, die hier wohnen, der wird bald das Übereinstimmende in diesen anscheinenden Ungleichheiten finden. Die Gräfin ist eine vortreffliche Frau; mit wahrer Religiosität ehrt sie das Gemüt ihres Gemahls und alles, was ihm heilig ist. Darf man ihr wohl keinen Sinn für das Schöne zutrauen, weil sie nicht wie die Kinder alles gewohnte Spielzeug zerstört, immer nach Neuem greift, und das letzte jedesmal für das Schönste hält?" – "Was ich sie über Werke der Kunst habe sprechen hören, verriet gewiss keinen gemeinen Sinn", sagte Florentin. – "Sie hat grosse Reisen gemacht und viele der vorzüglichsten Kunstwerke selbst zu sehen gelegenheit gehabt. Doch kommen Sie jetzt, man wird uns erwarten; ich will vorher zusehen, ob der Graf nicht in seiner Bibliotek ist, ich habe ihn heute noch nicht gesehen, vielleicht geht er dann mit uns hinunter." – "Ich begleite Sie." –

Sie traten in das Kabinett des Grafen, er war nicht mehr darin. Ein grosses Gemälde zog Florentins Aufmerksamkeit auf sich. – "Einen Augenblick noch, Eduard! Die heilige Anna, die das Kind Maria unterrichtet." – "Wie finden Sie das Gemälde?" – "Es scheinen Porträte zu sein; in dem kind erkenne ich Julianen wieder." – "Sie ist es auch in der Tat." – "Es ist nicht übel gemalt; ganz vorzüglich ist aber das Charakteristische in den Köpfen sowohl, wie in der ganzen Anordnung des Gemäldes. Die horchende Aufmerksamkeit, die Begierde nach dem Unterricht, und der Glaube in dem kind, wie der Hals, der Kopf, mit dem blick zugleich, sich vorwärts und in die Höhe richtet, der halbgeöffnete Mund, als fürchtete sie etwas zu verhören, und als wollte sie die Lehren durch alle Sinne in sich auffassen. Dabei die Hingebung, das Vergessen ihrer selbst in der kleinen Figur, die halb liegend sich dem Schoss der Anna anschmiegt; es ist schön, und zart gefühlt. Und diese Anna, gewiss eine Heilige! Diese Hoheit, dieser milde Ernst in den verklärten Augen! mit welcher Liebe sich ihr Haupt zu dem Liebling hinneigt, sich ihre Tugend lehrenden Lippen öffnen! Ruhe und Würde in der ganzen Gestalt, und wie erhaben diese Hand, die gegen den Himmel zeigt! Ist auch diese Anna ein Porträt?" – "Es ist eine Schwester des Grafen, die er vorzüglich liebt; Gräfin Clementina; Sie haben uns schon von ihr sprechen hören, sie wird von uns gewöhnlich die Tante genannt. Juliane hat ihre erste Erziehung bei dieser Tante erhalten; die Mutter hatte sie ihr, da sie ihre