Sehnens und Strebens, lächelt mir die Ruhe süss entgegen: so will ich dich fest im Auge behalten, wenn der Strudel des Lebens mich wild ergreift, und ich in Not zu versinken drohe. Recht, guter Alter! jetzt würde sie mir schlecht bekommen; sie ist das Goldne Vliess, das mit Gefahren erkämpft werden muss."
Er dachte nun an alle insbesondre, die er an dem Tage so zufällig gefunden, und suchte ins klare zu kommen, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hätten. Eduard war ihm in den wenigen Worten, die er ihn hatte sprechen hören, doch lieber geworden; das erkannte er besonders daran, weil er nicht mit dem Leichtsinn an Julianen denken konnte, der ihm sonst beim Anblick einer Schönen gewöhnlich war. Die Verhältnisse, in denen eine Frau stand, hielten ihn sonst nicht leicht von Entwürfen ab, wenn er nicht einen Freund dabei zu schonen hatte. – "Wie ein Frühlingsmorgen erschienst du mir, reizendes geschöpf, und dein Anblick erfüllte meine Brust mit Ahndung und Freude. Nur Barbaren können gefühllos bleiben bei solcher Schönheit! Eure Verabredungen sollten mich nicht hindern,... auch nicht der unschuldige Bräutigam,... und am Ende?... Betrüge dich nicht Florentin!" –
Wünsche und Erinnerungen an den schönen Leichtsinn von ehemals erwachten ihn ihm, und dann erschien ihm wieder die Geliebte seines künftigen Freundes, und alle ihre Verhältnisse in einer Würde, die ihn zurückschreckte. Er hatte die Gitarre mit auf sein Zimmer genommen, und während seiner Betrachtungen und kleinen Monologen einige Griffe darauf getan; jetzt sang er folgende Worte dazu:
"Unter Myrtenzweigen
Beim Rieseln der Quelle,
Und der Nachtigall Lied,
Auf sanftem Rasen
Durchwirkt mit Blumen,
Im duftenden Hain,
Gebogen die Äste
Von goldener Frucht
Und silberner Blüte,
Wo ewig blau der Himmel,
Ewig lau die Lüfte
Dich umwehen –
Das Mädchen im leichten Gewand
Tanzet den bunten Reihen,
Bricht die labende Frucht,
Schöpfet vom Quell.
Am Felsen ein Hüttchen
Mit weniger Habe,
Dort ruht es die Glieder
Auf reinlichem Lager.
Du blickst dein Verlangen
Ihr tief in das Herz,
Sie hat dich verstanden,
Und teilet die Glut.
Nichts wehrt dir die Küsse
Auf Lippen und Wangen;
Lilien und Rosen,
Blüten und Knospen,
Alles ist dein.
Leicht wie der Westwind,
Scherzend wie er,
Berührst du die Blumen,
Und fliehest vorüber,
Schonend der zarten.
Wer fürchtet da Neid?
Wen lockt der Ruhm?
Zürnet die Mutter?
Das Lächeln kann sie
Doch nicht verbergen;
Denn eigne süsse Schuld
Ruft die Tochter
Zurück ihr ins Herz.
Sei still, mein Sinn! ein andres Land empfängt
dich;
Es hebt sich das Gebirge zwischen dir
Und jenen Spielen. –
Ernst umgeben diese Mauern dich,
gesetz ernst und ernste Sitten;
Gelübde, Priester, Zeugen,
Verein der Wappen,
Zahllose Dinge,
Auf ewig fremd dem Scherz;
Fremd auf ewig dir,
gehen der Liebe voran,
Legen die Freie
In ernste Bande.
So gefesselt geht sie dir vorüber.
Tröstend reicht sie dir die Hand,
Blickt mit sehnsucht in die Ferne.
'Hier kann ich niemals dein Gefährte sein',
Ruft sie dir zu:
'Unter jenen Blumen
Hast du gespielt mit mir,
Auf und ab
Wandert' ich im Scherz mit dir.
Du sollst auch ernst
Mich wieder finden,
Ernst und treu;
Und wieder mein sein:
Nur lass mich frei!'"
Drittes Kapitel
Die Sonne schien hell und warm herein, als Florentin erwachte. Er schickte sich sogleich an, zur Gesellschaft zu gehen, die er im Garten vermutete. Vorher ging er durch einige Prachtzimmer des alten Schlosses, das ihn mit seinen Türmen, Gängen und hohen gewölbten Sälen lebhaft in die zeiten des Rittertums versetzte, von denen er schon als Kind am liebsten erzählen hörte, und die noch jetzt seine Phantasie hinreissen konnten. Hier in diesen Sälen malte er sich nun die mannigfachen Szenen aus, die darin gespielt wurden; wie sich alle die Mitspielenden für ihre Rolle interessierten, als sollte sie niemals endigen. – "Und nun", sagte er, "wo sind sie hin? Hier beweinte vielleicht eine Schöne ihren Geliebten, oder seine Untreue, oder ein hartes Schicksal, das sich ihrem Glück entgegenstellte; tränenvoll schlug sie das fromme Auge aufwärts, und die Engelchen, die Heiligen, die so künstlich in der Stukkatur an der Decke geformt sind, waren Zeugen ihrer Leiden. Hier, an dieses hohe Fenster gelehnt, drückte der Jüngling, zärtlich und schüchtern, die errötende Jungfrau an sein Herz, und vernahm mit Entzücken das Geständnis ihrer Gegenliebe. Um diesen geräumigen Lehnstuhl hingen Kinder und Enkel, und horchten auf die schauerlichen Gespenstergeschichten, die der Grossvater erzählte, und auf die weise Lehre. Mit dem begünstigten Jagdhund an dem Boden wurde dann die Belohnung für ihre Aufmerksamkeit friedfertig geteilt. An diesem künstlich verzierten Tisch sassen Eltern, gedachten mit freudiger Rührung der ersten Tage ihrer Liebe und der nie verletzten Treue; hatten auch wohl manchen Kummer, manche sorgenvolle Stunden um den entfernten Sohn, der ausgezogen war, voll Kraft und mutiger Ehrbegierde sich zu versuchen, und die Fehde für seinen Vater zu fechten. 'Ob er sich gut halten wird? ob die Knechte wacker sind? ob kein feindliches Geschoss ihn getroffen? Er wählte sich das grösste Schwert; war es seinem Arm nur nicht zu schwer? Zwar ist er stark und rüstig, und Gott wird den edlen