1801_Schlegel_086_69.txt

hier vor? welche Verwirrung!" – Der Doktor wiederholte ihnen Bettys Ausruf. – "Walter haben wir hier nicht weit vom haus stehen, und mit einigen andern heftig sprechen hören; ich irre nicht, es war Walter." – "So ist er nicht tot?" rief Betty. – "Tot? Wie das?" – "Und Florentin?" fragte Clementina. – "Ist Florentin noch hier?" rief Eduard wieder.

"Mein Kind! mein gutes Mädchen!" sagte Clementina, und küsste die sich fest an sie schmiegende Juliane. "Müsst ihr, meine Lieben, gerade jetzt erscheinen –" – "O, lieber Doktor", unterbrach Betty sie mit Ungeduld, "es kommt noch niemand zurück, wollen Sie nicht in den Garten gehen? auf der Terrasse." – Er ging, die andern drangen in Betty, den Vorfall zu erzählen. – "Es gab ein Gefecht zwischen den beiden, auf das übrige muss ich mich erst besinnen, jetzt weiss ich nichts, gar nichts." – Sie kniete neben Juliane vor Clementina nieder, und weinte über ihre dargebotene Hand. – "Fasse dich nur, du heftiges Kind", sagte Clementina beruhigend, "geh jetzt auf dein Zimmer, und versuche es, etwas ruhiger zu werden." – "O nein, Tante, schicken Sie mich nicht fort, ich kann nicht allein bleiben, ich fürchte mich." – Die Bedienten kamen hier zurück, die zuerst auf Bettys ängstliches Hülferufen in den Garten geeilt waren. Sie hatten den ganzen Garten durchsucht und niemand gefunden, es war alles ruhig. – "So können wir es ja auch wohl sein fürs erste", sagte Clementina, "es wird sich alles aufklären. Und nun, meine teuren Gäste, sagt mir, wie kommt ihr so unerwartet und doch so längst erwartet?" – "Wir gedachten Sie eigentlich auf eine ganz andre Art zu überraschen, als es uns gelungen ist", sagte Juliane. "Wir wollten noch zur Musik hier sein, wollten uns unbemerkt unter die Zuhörer mischen, um zu sehen, ob Sie uns herausfinden würden. Es zerbrach aber etwas an unserm Wagen, wir mussten uns einige Stunden aufhalten, die Freude war verdorben, und beim Eintritt fanden wir uns mehr überrascht, als Sie selbst. Aber, liebe Tante, wir kommen auch eigentlich mit darum, um die Eltern und die Kinder zu melden, sie werden gewiss in wenigen Stunden hier sein." – "So müsst ihr mich jetzt verlassen, ihr Lieben, ich muss nun zu ruhen suchen, um auf die Freude des morgenden Tages gestärkt zu sein." – "Erst Ihren Segen, Tante, eh' wir Sie verlassen! Segen für uns!" – "Gott segne meine lieben Kinder! Mögt ihr nie die Leiden der Liebe erfahren! Gott segne euch!" – Eduard war über ihre Hand gebeugt, Juliane hob ihre Augen zum Himmel, um Erfüllung des segnenden Wunsches zu erflehen; Betty weinte, ihr Gesicht mit beiden Händen verdeckend.

Eduard ging dem Doktor im Garten nach; da sie nun daselbst alles still fanden, so gingen sie von der andern Seite der Terrasse am See hinunter, und suchten an dem bestimmten Ort den Kahn, der zur Überfahrt immer bereit war; da sie ihn aber nicht fanden, vermuteten sie sogleich, dass Florentin sich nach dem haus des Doktors übergesetzt hätte. Sie eilten zurück, liessen anspannen, und fuhren hinaus. Florentin war nirgends zu finden.