"hier ist der beliebteste, besuchteste Spaziergang der Einwohner, und der liebe Spielplatz der Kinder. Man kommt und geht, wenn man will, und jeder geniesst der unumschränktesten Freiheit." – Einer von den Begleitern bezeigte seine Verwunderung, dass die Gräfin weder Beschädigung noch Unordnung befürchtete bei dieser allgemeinen Freiheit. – "Missbrauch der Freiheit, sagt die Tante, ist bei weitem nicht so sehr zu befürchten, als Schadloshaltung für den Zwang! Sei es nun dies oder die allgemeine achtung und Liebe für sie, kurz es ist noch niemals etwas Verdrüssliches vorgefallen, soviel ich weiss." – "Es kommt darauf an", fuhr Walter wieder dazwischen, "was man so dafür annehmen will oder nicht, gegen gewisse Dinge dieser Art ist man auch ziemlich nachsichtsvoll." – "Ist denn", fing Florentin wieder an, "der Gräfin die Menge niemals lästig? Sehnt sie sich niemals nach einer einsamen Stille? Im Garten, dächte ich, müsste man diese gern suchen." – "Nein, sie liebt es, grade hier viel fröhliche Menschen zu sehen und zu begegnen. Recht einsam, sagt sie, bin ich doch nur in meinem Zimmer; die Häuser sind ursprünglich erfunden, sich von den andern abzusondern. Was mich im Freien umgibt, was ich dort sehe und empfinde, lässt mich von selbst nicht einsam sein. Der Aufentalt im Freien, sagte sie auch einmal, hätte für sie eine gewisse Zauberkraft; die Geliebten stehen ihr hier näher und die Beschwerlichen entfernter." – "Das heisst", unterbrach sie der Rittmeister: "die alte Dame braucht Gesellschaft. Sie selber hat weder zu verlieren noch zu fürchten, wenn der Garten von Menschen allerlei Art wimmelt, und für die jungen Damen im Gefolg ist es sehr erwünscht." – "O Walter! Sie wissen nicht was Sie sprechen", rief Betty aus. – "O Betty!" rief er, sie parodierend, "Sie werden nie die Augen öffnen!" – Betty verbarg ihre hervorströmenden Tränen in ihrem Tuche; und schluchzte endlich laut, da er nicht aufhörte, sie zu ärgern. Florentin ward dies zuviel, er verwies ihm mit Mässigung sein Betragen; Walter aber, der es nur zu erwarten geschienen, dass dieser sich mit einmischen sollte, fragte ihn mit trotzigem Hohn: ob die irrende Ritterschaft wieder erstanden sei, den beleidigten Jungfrauen Schutz zu gewähren? – So kam es zu beleidigenden Reden und Antworten hin und her, denn Florentin hielt sich länger nicht. Bis zur Wut gereizt zog Walter den Degen, und rief jenem zu, sich zu verteidigen. Betty schrie laut auf vor Entsetzen. – "Nicht hier, Herr Rittmeister", sagte Florentin; "Sie vergessen, was Sie diesem Orte schuldig sind! Kommen Sie, fräulein, ich führe Sie nach dem haus; Sie, Herr Rittmeister, erwarten morgen früh Nachricht von mir." – "Nicht hier von der Stelle, feiger Schurke!" rief der tolle Walter, "nicht von der Stelle! Ich lasse hier mein Leben oder –" – Den andern, die ihn zurückzuhalten suchten, befahl er drohend, sich ruhig zu verhalten, und so drang er voll Wut auf Florentin ein, dieser musste sich zur Wehr setzen. Nach einigen Gängen, da Walter trotz seiner überlegenen Stärke, im Nachteil gegen Florentins Gewandteit kam, der sich geschickt und gelassen bloss verteidigte, führte er mit hämischer Wut einen Streich gegen das Gesicht seines Gegners, der, wenn er ihm gelungen wäre, ihn aufs Leben unglücklich gemacht hätte. – "Bube!" rief Florentin, dem die boshafte Absicht nicht entging; und im Moment hatte er durch eine kühne, geschickte Wendung ihm den Degen aus der Hand gewunden und in Stücken gebrochen zu seinen Füssen geworfen.
Betty war, sobald der Kampf begann, nach dem haus zurück mehr geflogen als gelaufen, unaufhörlich nach hülfe rufend. Durch den Garten kam sie, ohne jemand zu begegnen; die Bedienten, die sie unten im haus fand, liefen sogleich, ohne zu wissen, was sich zutrüge, ihrer Bezeichnung nach, in den Garten. Unaufgehalten flog sie die Treppe hinauf, und stürzte, immer noch nach hülfe rufend, bleich, atemlos, mit herunterhängenden Haaren, in Clementinens Zimmer, die eben eingeschlummert war. Der Doktor sass lesend in einer Ecke des Zimmers. Clementina fuhr erschrocken auf, der Doktor eilte herzu, Betty sank ohnmächtig an Clementinens Ruhebett nieder. – "Im Tempel ... im Garten ...–" rief sie, als sie wieder zu sich kam, mehr brachte man nicht von ihr heraus, ihre Sinne waren wie verwirrt vom Entsetzen. – "Eilen Sie hin, lieber Freund", sagte Clementina; "sehen Sie selbst nach, was dem unbesonnenen kind widerfahren sein mag." – "Walter ... Florentin ... –" rief Betty wieder, noch ausser Atem. – "Um des himmels willen", rief Clementina, "eilen Sie, eilen Sie!" –
Man hatte in der Verwirrung nicht darauf geachtet, dass ein Wagen rasselnd vorgefahren, und ein blasender Postillion gehört wurde. Jetzt öffnete sich die tür; Juliane und Eduard traten herein. – "Was ist hier? um Gottes willen!" rief Juliane, indem sie bei Clementina niederkniete. – "Warum haben wir niemand im haus gefunden?" rief Eduard, "was geht