längst bekannte Mitbürgerin wandelt? Warum wird jede ferne Erinnerung wieder wach in mir? Was tut sich die Vergangenheit, dies längst verdeckte Grab, gegen mich auf? Warum kann ich nicht mit den andern des gegenwärtigen Augenblicks froh werden? – Er suchte endlich dem Eindrucke der Musik die Unruhe zuzuschreiben, die immer noch in seiner Seele widerhallte.
Aus dem geöffneten Gartensaal kam ihm der Doktor entgegen. – "Die Gräfin ist erst jetzt wieder zu sich gekommen", sagte er, "und ist noch sehr ermattet. Die Anstrengung war zu gross für sie. Da ihr jede Bewegung und auch das Sprechen untersagt ist, so hat sie mir aufgetragen, sie bei Ihnen zu entschuldigen, dass sie nicht zur Gesellschaft herunterkömmt; sie ist heute nicht imstande, Sie zu sehen, sie hofft, Sie würden noch einige Tage länger hier verweilen." – Hier kamen Betty, der Rittmeister und noch einige andre zu ihnen. – Der Doktor entfernte sich, die Gräfin hatte ihn zu sprechen verlangt.
Dem Rittmeister schien sein Versprechen, sich gesitteter gegen Florentin zu betragen, entweder zu reuen, oder unmöglich zu halten, er war widerwärtiger als jemals gegen ihn. Während Betty zu erwarten schien, dass es zwischen ihnen zu einem Gespräch kommen sollte, fing der Rittmeister an in seiner gewöhnlichen Manier Florentin um seine Uniform zu befragen; dieser antwortete kurz ab, mit sichtbarer Verachtung. Endlich stand Walter auf und ging mit den andern in eine Ecke des Saals, wo er auf eine beleidigende Weise bald halb laut mit ihnen flüsterte, dann überlaut lachte. Die arme Betty war wie auf Kohlen. – "Ich kenne Sie heute gar nicht", sagte sie leise zu Florentin, "wie zeigen Sie sich so widerspenstig?" – "Das nicht", sagte er, "aber auf der Folter bin ich; dieser Walter und ich sind notwendig Feinde. Auch weiss ich selbst nicht, wie ich verstimmt bin; erst die Musik –" – "Sie scheint Ihnen also keinen angenehmen Eindruck gemacht zu haben?" fragte sie, ihn laut unterbrechend. – "Sie missverstehen mich, Betty!" – Er suchte die unangenehme, drückende Gegenwart der übrigen zu vergessen, und erzählte ihr ganz so, wie er es fühlte, und als ob er allein von ihr gehört würde, den Eindruck, den die erhabne Musik auf ihn gemacht hatte. – "fragen Sie mich um keine einzelne Stelle", fuhr er fort, "deren entsinne ich mich keiner einzigen; aber mein Gemüt war gelöst von allem Kummer dieses Lebens. Wie auf Engelschwingen fühlt' ich mich durch die allmächtigen Töne der Erde entnommen und sah eine neue Welt sich vor meinen Augen auftun." – Walter kam hier wieder zu ihnen und störte die Unterredung und Florentins Begeisterung. Man sprach von andern Dingen, und zuletzt vom Monument in der Kapelle. Florentin erkundigte sich nach der Veranlassung. – "Die Tante", sagte Betty, "hat es, soviel ich weiss, nach ihrer Angabe für sich verfertigen lassen, das ist aber schon sehr lange her, vielleicht noch eh' ich geboren ward. Es ist ihr heilig, eine nähere Veranlassung hat sie aber keinem von uns mitgeteilt." – "Schade nur", rief der Rittmeister, "dass die ganze Stadt von dem heiligen Geheimnis sehr wohl unterrichtet ist." – "Ich weiss nicht, was Sie damit sagen wollen?" sagte Betty schüchtern. – "Wie sollten Sie das wissen können, Liebe?" erwiderte er; "es ist ja auch schon, wie Sie selber bemerkten, eine sehr alte geschichte." – Betty schien aufgebracht und verlegen wegen dieser Ausfälle. – Sie ist gerettet, dachte Florentin, wenn sie erst zum deutlichen Gefühl, sich seiner zu schämen, zu bringen ist! – Er fragte nun absichtlich nach manchen Dingen, die sie interessieren mussten, und liess sich geduldig vom Rittmeister durch boshafte, witzig sein sollende Anmerkungen, hämische Verdrehungen und unmässiges lachen unterbrechen. Ihm war es recht, je mehr jener sich selbst herabsetzte. Betty sprang endlich ungeduldig auf, nahm Florentin am Arm, und lief nach dem Garten hinaus; die übrigen folgten, Walter mit sichtbarem Grimm.
Es war stiller in dem Garten geworden, nur einzelne Personen wandelten in der Entfernung in den hohen Gängen, bis auch diese sich allmählich verloren. Sie stiegen eine Terrasse hinauf, die mit hohen Bäumen besetzt war, und dem haus gegenüber den Garten am Ufer des Sees begrenzte. In der Mitte der Terrasse stand ein kleiner runder Tempel auf weissen Marmorsäulen mit Rosen- und Jasminbüschen umgeben. Von hier hatte man die freie Aussicht über den jenseits liegenden, bekannten See, mit seinem Kranz von wohltätigen Pflanzungen. Darüber hinaus ging der blick in weite Ferne, bis dunkel am Horizont das bläuliche Gebirge ihn begrenzte. Der Mond stieg eben herauf, und schien eine hochrote verzehrende Flamme durch die fernen Dünste, bis er sich plötzlich völlig hinaufgeschwungen hatte, und rein und silberhell seine Bahn betrat.
Tief im Herzen ward nun Florentin die Gegenwart der rohen Gesellen zuwider. Anfangs war er zwar willens gewesen, sich mit ihnen zu belustigen, aber er war es nicht imstande. Im Freien, in einer schönen Gegend, dünkten ihm verhasste Personen noch verhasster als im Zimmer. –
Er erkundigte sich bei Betty, ob der Garten immer, so wie heute, für jedermann frei wäre? – "Immer", sagte sie;