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in unsrer Seele etwas, das, dem ungebildeten Menschen fremd, uns über jeden Glückswechsel erhebt!" –

"Nein, Siegen oder Untergehen!" rief Florentin aus, als er allein war. – Und doch hatte die freudige Gelassenheit, mit der der Doktor die letzten Worte gesprochen, etwas in ihm erregt, das ihn nachdenklich machte. Am Ende blieb er aber freilich dennoch überzeugt: dass er seinem jetzigen Plane folgen müsse; dass es für ihn keine andre Tätigkeit gebe, als in einem neuen Leben das zu vergessen, was ihn im alten gequält hatte. Jene Ahndung war auch noch nicht aus seinem Herzen geflohen: er müsse in der Welt einen Aufschluss über seine Bestimmung und seine Geburt aufsuchen.

Den andern Tag, während der Doktor seine Geschäfte in der Stadt verrichtete, war Florentin allein zurückgeblieben, weil er ohne Not nicht gern dort verweilen mochte. Der Doktor schickte ihm sein Pferd und seine übrigen Sachen aus dem Gastof, und kam zum Mittagsessen selbst wieder zu ihm hinaus. – Er erzählte ihm: Walter habe den Morgen schon einigemal im Gastofe nach ihm fragen lassen;... "was wird er wollen?" – "Vielleicht eine Ausfordrung", sagte Florentin. – "Leicht möglich, dass er sich von Ihnen beleidigt hält!" – "Sie sehen", sagte Florentin, indem er auf seinen Degen zeigte, "ich habe eine Vorbedeutung gehabt. – Die Uniform ist überhaupt gar nicht übel; gewisse Menschen haben Respekt vor einer Uniform, weil diese das einzige ist, wodurch sie selbst sich Respekt zu schaffen wissen."

Während sie noch am Tisch sassen, kam folgendes Billett:

"Florentin wird es nicht vergessen haben, dass er zur Musik abgeholt wird. Die Tante freut sich sehr, ihn diesen Abend zu sehen. Bereiten Sie ihn darauf vor, lieber Freund, dass er Waltern hier finden wird, und bitten Sie ihn in meinem Namen, des gestrigen fatalen Auftritts nicht weiter zu gedenken. Es war ein Missverständnis. Walter hat seinen Irrtum eingesehen, und es wird nur auf Florentin ankommen, dass uns der Abend Friede und Freude bringt.

Betty."

"Es war also eine Aussöhnung!" sagte Florentin. – "Ich traue dem nicht so ganz", sagte der Doktor; "wegen einer Aussöhnung hätte er sicherlich nicht so oft nach Ihnen fragen lassen." – "Ich wollte nur, Betty wäre nicht dabei zu schonen, mir ist er im innersten Herzen fatal." – "Lassen wir ihn jetzt. Die Gräfin ist heiter und sehr wohl; ich musste ihr viel von Ihnen erzählen, sie hörte jedes Wort mit ganz besonderem Interesse an. Es sind auch Briefe vom Schloss diesen Morgen gekommen. Juliane und Eduard befehlen Ihnen ja hierzubleiben, bis sie herkommen." – "Wollen sie kommen? Wann?" – "Vielleicht noch heute, in den nächsten Tagen aber gewiss."

Achtzehntes Kapitel

Am Eingange des Hauses ward Florentin nach einem Seitenflügel gewiesen. Er trat in einen hochgewölbten gang; zwischen den Säulen gingen mehrere Personen still hinauf, nach dem Ende des Ganges, wo sich eine grosse Flügeltüre öffnete. Es war alles feierlich ernst; die Schritte hallten von dem Boden wider; die idee eines Wohnhauses war verschwunden, es war der Eingang zum Tempel. Jetzt öffneten sich die Flügeltüren für ihn, ein hoher Dom umfing ihn. Er hörte noch die letzten Worte der Messe, die Versammlung erhob sich von ihren Knien, einige einzelne verweilten noch in tiefer Andacht.

Der Orgel gegenüber befand sich ein Monument. Florentin ging näher hinzu, um es zu betrachten. Auf einem Sarkophag ruhte ein Genius in Gestalt eines Kindes, die Fackel entsank verlöschend seiner Hand; es war nicht gewiss, ob er tot oder schlafend abgebildet war. Auf den Seiten des Sarkophags zeigten sich in halb erhobener Arbeit die Horen, die traurend, mit verhülltem Angesicht, eine nach der andern hinschlichen; über dem Monument befand sich das Gemälde der heiligen Cäcilia, der Beschützerin der Tonkunst und Erfinderin der Orgel. Florentin erschrak fast, als er seine Augen zu dem Bilde aufhob; es war die göttliche Muse, die in lichter, freudenreicher Glorie des grossen Gedankens, über Tod und Trauer siegend schwebte.

Das Gemälde jener heiligen Anna, das ihn, als er es zuerst gesehen, so ergriffen hatte, war nur ein schwacher Abglanz dieser Herrlichkeit. Im Anschauen verloren, vergass er es völlig, dass es Clementinens Porträt sei, von dem er schon soviel gehört hatte. Nichts was an Menschen und Menschenwerk erinnert, war seiner Seele dabei gegenwärtig, nie hatte er die Göttlichkeit der Musik so verstanden, als vor diesem Angesicht.

Die Sonne warf im Untersinken noch einen blendenden Strahl durch die hohen Fenster, die weissen Kerzen schimmerten blass hindurch, alle Gegenstände leuchteten auf eine seltsame Weise, und bewegten sich wie Geister. Der Strahl fiel gerade auf das Gesicht der heiligen Cäcilia; Farben und Züge waren verschwunden, es war nur ein blendender Glanz; Florentin hätte in die Knie sinken mögen vor dieser Herrlichkeit. –

Die Betenden standen auf: zuletzt erhob sich langsam von den Stufen des Altars die Gräfin Clementina. Es war eine edle schlanke Gestalt, etwas über die gewöhnliche Grösse. Ein schwarzes glänzendes Kleid floss in reichen Falten bis zu ihren Füssen herab, und bedeckte die arme bis zur weissen, feinen Hand. Auf der linken Seite trug sie ein Kreuz von Diamanten; ein langer schwarzer Schleier verhüllte