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– "Lernt sie aber nicht endlich diesen Irrtum verachten, und erkennt die Liebe; tritt an die Stelle der blühenden Unbefangenheit nicht die Reife der achtung vor sich selber, die eine liebende Frau nur in der Liebe für einen hochverehrten Mann findet, so waren es dennoch taube Blüten, oder ein giftiger Tau hat die edle getötet. Und darum ist es Eure Pflicht, sie, wenn auch unter tausend Schmerzen, vom Verderben zurückzuführen."

"Und nun sagen Sie mir doch, wie kann Clementina, nach allem was ich von ihr gehört habe, in der grossen Welt leben?" – "Schon seit mehrern Jahren lebt sie auch wirklich nicht in der grossen Welt. Sie geht nie in Gesellschaften; schon ihre fortdauernde Kränklichkeit leiht ihr einen Vorwand sich davon auszuschliessen; doch ist ihr Haus immer der guten Gesellschaft offen, auch Fremde besuchen sie; der feine zwanglose Ton, der in ihrem haus herrscht, macht, dass es von allen gesucht wird. Die Unterhaltung der Gräfin ist leicht, und geistreich, durch diese allein ahndet man in der Gesellschaft die Frau von ausserordentlichen Gaben. So oft sich gelegenheit zeigt, gibt sie Konzerte und Bälle, wo sich immer eine Menge junger Leute einfinden, deren Vergnügen durch nichts, was die ernste Stimmung der Wirtin verraten könnte, gestört wird. Sie zieht sich freilich immer sehr bald in ihr einsames Zimmer zurück, aber ohne im geringsten die Lust zu unterbrechen, so wie sie niemals irgendeine Art von aufsehen ihrentwegen erlaubt." – "Ich denke mir, wie oft diese Güte mag gemissbraucht worden sein, in der Welt!" – "Dem ist es auch wohl nur allein zuzuschreiben, dass der Zutritt zu ihr so erschwert worden ist, obgleich sie auf keine Weise argwöhnender ward durch den wiederholten Betrug. Die Not der Hülfesuchenden wird jederzeit von ihr selbst geprüft. Dies Geschäft überträgt sie niemals irgendeinem andern; kann sie nicht selbst prüfen, so hilft sie ohne Untersuchung. übrigens lebt sie immer allein, obgleich fast stets von Menschen umgeben; auch wüsste ich nicht, dass sie eine Freundin hätte, der sie sich mitteilt, ausser Eleonoren. Da der erste Eindruck gewöhnlich für sie entscheidend auf das ganze Leben bleibt, und sie wohl erfahren haben muss, dass kein Räsonnement und keine Vernunft stark genug ist, diesen jemals bei ihr zu vertilgen, so macht sie so selten als möglich neue Bekanntschaften, und hütet sich gleichsam vor jedem neuen Eindruck. Sie können es als einen ganz besonderen Vorzug ansehen, dass sie Sie zu sprechen wünscht." –

Sie sprachen nun noch manches über Eduard und Juliane sowohl als über Betty. Was Florentin an diesem Tage über den verworrnen Zusammenhang ihres Betragens so unzusammenhängend gehört und gesehen hatte, ging ihm wild durcheinander im kopf herum. – "Dies sind also", rief er aus, "die zarten Verwirrungen der feinen Verhältnisse und der tugendhaften Missverhältnisse der gebildetsten Welt! O alle ihr Vortrefflichen, Auserkornen, ihr wisst doch mit euren angestrengtesten Kräften nichts anders zu tun, als die zahllosen Plagen zu erleichtern, die ihr euch selbst einander zufügt! Unter meiner plumpen Hand aber zerrisse dies künstlich gefügte Gebäude, dessen Türme sich prahlend in die Wolken heben, während sein Fuss im Treibsande wankt. Möchte es mir nur einst gelingen mir eine niedre, feste Hütte zu erbauen, die Sturm und Wogen trotzt, und auch dem Rütteln meiner eignen mutwilligen Hand widersteht!" – "Und wo", fragte der Doktor lächelnd, "suchen Sie Boden zu diesem Wunderhüttchen?" – "Gewiss nicht hier, nicht von den wurmzernagten Splittern der feinen Welt gedenke ich es mir zusammenzubetteln." – "Ruhig lieber Florentin, wer gedenkt sie Ihnen aufzudringen? Die feinere Ausbildung lässt sich mit jenem geheimnisvollen Berg vergleichen, von dem die Dichter unter dem Namen Venusberg viel Wunderbares erzählen. Berauscht von einer süsstönenden Harmonie, sagen sie, wird man hineingezogen; wer am Eingange stehenbleibt, ahndet nichts als Schrecknisse in der Verworrenheit, die sein blick nicht zu durchdringen vermag; wer aber unerschrocken vordringt, der findet ewige Freuden; und wer sich voll Ungeduld wieder hinauszusehnen vermag, findet doch sonst nirgend Ruhe, und unaufhaltsam zieht der Zauber ihn wieder zurück." – "Nun mir scheint dieser Zauber doch in nichts zu liegen, als im Hochmut sich so gern etwas gar Grosses zu dünken. Dies ist der Rausch, der ihre Sinne gefangenhält, dass sie in die schwindelnde Tiefe wieder zurück müssen, und in der freien Welt sich nicht zu finden wissen, wo jeder gleicher Rechte sich erfreut, und niemand sich über den andern erheben darf." – "Nun sehen Sie, so ist es doch nur anders maskierter Hochmut, der es Ihnen so verleidet, unter den Emporstrebenden zu existieren." – "O guter Gott, es mag wohl sein, nichts ist ansteckender als das Böse! Doch soll es mir wohl noch gelingen, die schlechten Gewohnheiten wieder abzustreifen." – "Ich sehe, es ist heute nichts mehr mit Ihnen anzufangen, Sie sind bitter." – "Das noch nicht! Wo ist der Tor, der auf ein sicheres, dauerndes Lebensglück rechnet? Aber lassen Sie es mich Ihnen gestehen: Bettys Schicksal und das Ihrige, das ich so deutlich vor mir sehe, das von Eduard und Juliane, was ich nur ahnde, es hat mich verwirrt und betrübt. Aus welchen losen Fäden ist der Traum eures Glücks gesponnen!" – "Es lebt dafür