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So sprach er das Wort natur immer mit einer Art von Ehrfurcht aus, so wie man im Tempel sich vor dem Namen des Allerhöchsten beugt.

Eine neue Welt ging vor Florentin auf bei seinem Gespräch. Nie hatte er sich mehr belehrt gefühlt, nie hatte er grössere achtung für einen Menschen empfunden. Nur zu schnell verging ihm der Abend; es graute ihm, als er daran dachte, in die Stadt zu dem lärmenden Gastof zurückzukehren. Es konnte ihm also nichts Erwünschteres begegnen, als da der Doktor ihm anbot, dass er die Nacht in seinem haus bleiben möchte. Er nahm das Anerbieten ebenso freimütig an, als jener es getan.

Siebzehntes Kapitel

Sie waren beim Abendbrot im Garten; von Julianen und Eduard sprachen sie viel. Florentin verbarg es seinem neuen Freunde nicht, wie sehr ihm beide wert waren. Der Doktor gab ihm einige Aufschlüsse über das Rätselhafte in Eduards Charakter, das so tief in ihm lag, dass man lange Zeit mit ihm umgehen konnte, ohne irgend etwas anderes zu ahnden, als den ausgebildeten Weltmann, der das gefühlvollste Herz mit einem hellen Kopf verbindet. "Niemand ahndet in ihm", fuhr er fort, "diesen Abgrund von Unzufriedenheit und gefährlichem Eigensinn; seine Bildung liegt wie ein Firnis über diesen scharfen Ecken, die bei weitem noch nicht durch die Erfahrung verarbeitet und abgerundet sind. Auch diese frühe Vermählung lag nicht in Clementinens Absicht, und dass sie dennoch geschieht, ist wahrscheinlich mit ein Grund ihrer letzten verstärkten Krankheit. Sichtbar hat aber der Brief von der Gräfin Eleonore sie beruhigt, denn er sagte ihr, dass es geschehen sei; niemals bereut oder beklagt sie aber eine Sache, die geschehen ist." – Er sprach ferner von Julianen mit grossem Anteil. "Sie ist Clementinens geliebtester Liebling, doch glaubte sie neulich, die kleine Terese würde vielleicht Julianen einmal übertreffen." – "Nicht mit Unrecht", sagte Florentin, "sie ist in der Tat ein seltnes Kind; ich habe nie soviel Ernst und Tiefe bei einem kind wahrgenommen als bei diesem. Ob sie aber eigentlich so wunderbar liebenswürdig, so wahrhaft bezaubernd wird als Juliane, kann man wohl noch nicht bestimmen, und auch in dieser liegt noch so vieles in tiefer Verborgenheit." – "Clementina sagte einmal, Juliane müsste durch das Leben zur Liebe gebildet werden; aber Terese würde erst durch die Liebe zum Leben sich ausbilden."

Hier sahen sie Betty, nur von einem Bedienten begleitet, über den See auf einem Kahn zu ihnen kommen. Sie brachte dem Arzt die Nachricht, dass es mit Clementinen recht gut ginge, sie schliefe ruhig. Sie wäre herübergekommen, teils ihm das zu verkünden, teils auch, da sie gehört Florentin sei bei ihm, diesen zu fragen, ob er den Rittmeister nicht irgendwo gesehen hätte? – "Er hat diesen Abend im Garten zu sein versprochen", sagte sie, "die bestimmte Stunde ist aber längst vorüber und er ist nicht gekommen." – Florentin erinnerte sich, dass er, des Versprechens an Betty uneingedenk, die Partie fine mit den andern jungen Leuten verabredet hatte, wozu er selbst mit eingeladen war; er schwieg aber davon, und erwiderte bloss, er hätte ihn nicht weiter als bei Tische gesehen. – "Aber Doktor", rief Betty aus; "lernen Sie doch von Florentin, Fassung zu behalten, wenn man Sie auch stört. Sie machen ja ein so bedenkliches Ungewisses Gesicht, als hätte ich Sie eben bei einer Verleumdung von mir selbst überrascht. Gestehen Sie nur, Sie haben von mir geschwatzt! Doch was liegt daran? Florentin hat doch nicht recht acht darauf gegeben, er ist viel zu sehr mit sich selber beschäftigt." – "Halten Sie mich für so selbstsüchtig, gute Betty?" – "Ei es wäre mir gar nicht angenehm, wenn Sie es nicht wären. Sie machten dann eine Ausnahme, die Ausnahme müsst' ich respektieren, das Respektieren macht mir Mühe und die Mühe Langeweile." – "Nun und Clementina?" – "Stille wer wird einen solchen Namen unnötigerweise aussprechen! Hier, setzen Sie sich nieder, und erzählen Sie mir ordentlich und bedächtig, wie es am Hochzeittage auf dem schloss war? War Eduard liebenswürdig? Wie sah Juliane aus?" – Florentin machte ihr eine drollige Beschreibung von Julianens Putze, von dem er natürlich nichts zu bestimmen wusste als den Effekt, worüber Betty sich dann totlachen wollte, sie behauptete, ihn durchaus nicht zu verstehen. – "Nun so will ich zeichnen, wenn ich mich mit Worten nicht verständlich machen kann!" –

Er zeichnete darauf eine Karikatur hin, man lachte, und scherzte fröhlich darüber. Betty war noch lustiger als gewöhnlich; es schien als wollte sie durch die gewaltsame Anstrengung eine innere Kränkung betäuben und unterdrücken. Florentin hatte sie nur noch lieber wegen dieser Kraft; um so mehr hasste er aber den Urheber dieser Kränkung.

Es ward vorgeschlagen, Florentin sollte ihren Schattenriss machen. – "Das nicht", sagte er, "dies Stumpfnäschen schickt sich schlecht zu einem Schattenriss, aber zeichnen will ich Sie." – Sie stellte sich in einer leichten angenehmen Stellung vor ihn hin. Mit wenigen Strichen war das Figürchen entworfen, im schwebenden Tanz mit beiden Händen ein Tamburin in die Höhe haltend, Gesicht und Haltung, obgleich nur in flüchtigen Umrissen, zum Sprechen ähnlich. Florentin war vergnügt mit dem Entwurf, er hatte seiner Hand nicht mehr