, Sie sagen das einem Arzt!" – "Jawohl; eben darum denke ich, können die Frauen vortreffliche Wärterinnen und Verpflegerinnen, weniger aber Arzt sein. Dieser muss auch die härtesten Mittel nicht scheuen, um das Übel zu verderben; jene würden aus Mitgefühl des äussern Leidens nichts Entscheidendes tun können." – "Darin liegt etwas Wahres. Doch sind fromme Stiftungen von unglücklichen Männern errichtet worden." – "Immer werden diese doch mehr das Gepräge des wilden, herben Schmerzes tragen, werden eigentlich mehr für Büssende als für Leidende taugen. Erinnern Sie sich des Mannes, der den strengsten aller Orden gestiftet! Auf dem Gipfel der Hoffnung seiner glühenden Liebe von einem vernichtenden Schlage getroffen, indem er die Geliebte tot unter den Händen der Wundärzte antraf, die ihren von einer entsetzlichen Krankheit entstellten Körper öffneten, als er eben von einer Reise zurückkommend, sich durch eine geheime Tür mit Vorsicht und Ungeduld einschlich, um sie mit seiner unerwarteten Erscheinung freudig zu überraschen, verbannt er sich auf immer aus der menschlichen Gesellschaft, und bildet eine um sich her, wo aus keinem mund je ein andres Wort erschallt, als die beständige Erinnerung des Todes. Eine Frau an seiner Stelle würde eine milde Stiftung errichtet haben." – "Ich habe nicht geglaubt, einen so beredten Kenner der weiblichen natur in dem mann zu finden, den mir Betty als einen Verächter der Frauen geschildert hat." – "Diese Ironie ist stark!" rief Florentin lachend. "Die Frauen haben freilich im Ernst weder Glück noch Unglück meines Lebens bestimmt. Hat Betty mir das abgemerkt, so werde ich auch wohl nicht Gnade gefunden haben vor ihren Augen, das ist natürlich. Ist es aber meine Schuld, wenn es so ist? Wären die Frauen alle wohltätige Engel, wie Eleonore und Clementina, sie würden der Menschheit jedes Leiden vergüten, das ihr dummes Vorurteil und selbstsüchtige Eitelkeit zufügen." – "Sie verlangen etwas Unmögliches, diese grossen Mittel." – "Verstehen Sie mich: es ist ja nicht das, was geschieht, sondern der Sinn, in dem es geschieht. Die freudige, glückliche Eleonore macht um sich her alles glücklich. Sie sammelt die Freuden des Lebens, um sie wieder zu spenden. Die erhabene, unglückliche Clementina haucht ihren eignen Schmerz in göttliche Harmonien aus, und fühlt die Schmerzen der andern tiefer, um Trost und hülfe zu verleihen. Die Liebe ist es und nichts als diese, die hier tröstet, wie sie dort vergnügt. Es scheint die Tugend der weiblichen Langmut immer mit ruhiger Heiterkeit die Folgen des bösen Prinzips unschädlich zu machen; sich ihm vernichtend entgegenzustellen ist mehr die unsrige. Ist unser Bestreben auch grösser, so ist ihr Gelingen desto sicherer!"
Der Doktor hatte Florentin mit grossem Vergnügen eigentlich mehr sprechen sehen, als zugehört; denn so wenig auffallend Florentin gewöhnlich erschien, so wuchs der Ausdruck seiner Gestalt bis zur Schönheit, wenn er im Feuer der Rede sich selbst und alles um sich her zu vergessen schien. – "Sie sollten uns nicht sobald wieder verlassen", sagte er; "Sie würden vielleicht in unsrer Mitte eine Laufbahn finden, die Ihnen genügte, und Ihrer würdig wäre!" – "Das doch noch nicht", antwortete er gelassen; "das darf ich noch nicht. Zuerst will ich, um es zu dürfen, damit beginnen, dass ich wirklich trotz jeder Lockung das ausführe, was ich mir vorgenommen, und an dessen Ausführung ich schon soviel Zeit gesetzt. Sie soll nicht so ganz nur verschwendet worden sein. Sie folgen Ihrem Beruf unter den Augen der erhabenen Clementina, und werden vielleicht doch noch einst dauerndes Glück und Lohn aus ihren bildenden Händen empfangen. Mir aber ist es notwendig, das in grosser Masse arbeiten zu sehen, was ich, seitdem ich denken kann, in mir trage. Allentalben, wo man sich befindet, kann man den Krieg für die Freiheit unterstützen und verfechten. Allentalben steht man auf dem Schlachtfelde, wo Habsucht und Barbarei herrscht, und so hinge man freilich, wenn auch unsichtbar, mit jener grossen Masse zusammen; wäre es mir nur nicht so notwendig, andre Menschen, einen andern Weltteil zu sehen, als den, der sich jetzt der kultivierte nennt. Das Schauspiel eines neuen, sich selbst schaffenden staates ist mir interessant. Es häufen sich überdies immer mehr innere und äussere Gründe, warum ich in einer übertäubenden Tätigkeit mich selbst zu vergessen suchen muss." –
Nach diesen Worten ward er wieder still, und in sich gekehrt. Bald darauf gingen sie nach dem Haus des Doktors, das wohleingerichtet, zierlich und bequem, am Ufer des Sees, mitten in der Kolonie lag. Hier zeigte er ihm seine vortreffliche Naturaliensammlung, seine reiche auserlesene Bibliotek, die zugleich einen Schatz an seltnen Karten und Reisebeschreibungen entielt. Florentin sprach über diese Dinge mit einer Sachkenntnis, worüber der Arzt erstaunte, da er ihm dergleichen nicht zugetraut haben mochte; auch nahm er seitdem sichtbar an achtung für ihn zu. Er selbst erschien hier bei seinen Heiligtümern im vorteilhaftesten Lichte. Florentin hatte niemals weniger den Mangel an Witz und überraschenden Einfällen in der Unterhaltung vermisst, als bei diesem wahrhaft verdienstvollen Mann. Er ward nicht müde ihn reden zu hören; auch sprach er immer besser, je mehr er gelegenheit fand, seine tiefe Gelehrsamkeit und die mannigfaltigen gründlichen Kenntnisse anzuwenden. Seine sonst mehr ruhige Physiognomie ward dann durch Begeisterung erhöht, besonders bei gewissen, ihm heiligen Dingen.