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an? Hier ist es an der Zeit, sich dem Vorurteile mit Macht entgegenzusetzen!" – "Sie müssten die Vortreffliche freilich kennenlernen, um sie zu verstehen. Clementina gehört zu den seltnen Seelen, die wahre Ehrfurcht, die zarteste Scheu für die Sinnesfreiheit andrer Personen hegen. Diese, in sich und in den sie Umgebenden, nie zu verletzen und auf das höchste auszubilden, ist ihr grösstes Bestreben. Nie hat sie aber jemand durch Autorität zum Bessern zu zwingen versucht. Sie hat nicht versäumt, Betty das Elend vorzustellen, dem sie entgegengeht; da diese aber fest ist in ihrem Glauben: Walter liebe sie, die Liebe würde ihn ausbilden, und einer liebenden geliebten Frau sei alles möglich; so erlaubt sie sich weiter keinen Schritt dagegen zu tun, weder offen noch heimlich; ausser dass sie die Vermählung noch lange aufgeschoben hat, damit Betty Zeit habe, ihren Irrtum gewahr zu werden. Auch dann noch, wenn sie vielleicht zu spät zurückkommt, darf sie gewiss sein, hülfe und Schutz bei ihr zu finden, sobald sie ihn bedarf und sucht; denn nie legt sie dem Irrtum eine härtere Strafe auf, als die er selbst mit sich führt, und auch diese bemüht sie sich, auf jede Weise zu lindern. Sie hätte es wohl gewünscht, mich mit Bettys Hand beglücken zu können, da es aber meiner innigen treuen Liebe nicht gelang, so hält sie mit Recht jedes andre Mittel, sie dazu zu bewegen, für unerlaubt und unwürdig. Sie, deren grosse Seele jeden Schmerz mit geprüfter Standhaftigkeit trägt, vermag nie andern irgendeine unangenehme Empfindung zu verursachen; sie findet es bei ihrer Reizbarkeit immer noch leichter selbst zu dulden, als andre dulden zu sehen; auch findet sie in ihrem Geist, und ihrer Religion, Kraft und Trost, wo andre verzweifeln würden. Doch verzeihen Sie, mein Herr, ich sage Ihnen mehr als Sie vielleicht zu wissen verlangen. Ich weiss in der Tat nicht schicklich aufzuhören, wenn ich von dieser erhabenen Frau sprechen darf." – "Ich bitte Sie, fahren Sie fort. Zum teil bin ich schon vorbereitet; Eleonorens Freundin, Julianens zweite Mutter, kann nicht anders als ganz vorzüglich sein. Ich war allerdings begierig mehr von ihr zu erfahren, und ich wüsste nicht, wen ich lieber über sie sprechen hörte, als einen würdigen Vertrauten und Hausgenossen." –

Florentin sprach diese Worte mit so sichtbarem Anteil, dass der andre sogleich fortfuhr: "Sie ist immerwährend krank, bald mehr, bald weniger. Sie erhält ihr Leben nur durch die strengste Diät, die geringste Abweichung bringt sie dem tod nahe; so wie sie die Luft zu leben und eine gleichmütige heitre Laune durch immerwährende Tätigkeit erhält.

In ihren schönsten heitersten Stunden beschäftigt sie sich mit Musik; und nicht bloss zum eitlen Zeitvertreib, wie die meisten Frauen, sondern als ernstes Studium. In ihren Kompositionen atmet die Begeisterung inniger Andacht einer hohen frommen Seele; wer reines Herzens ist, wer Sinn für Harmonie hat, muss mit Entzücken von diesen Tönen sich über alles Irdische hinweggehoben fühlen; nur ein fühlloser Barbar, nur Walter konnte so sich äussern, da von dieser Musik die Rede war.

Viel Zeit und Aufmerksamkeit nimmt ihr der Umgang mit Kindern. Sie ist fast immer von Kindern umgeben, mit denen sie sich stundenlang zu beschäftigen weiss. Sie wird von ihnen wie eine Mutter geliebt, und sie hat auch die Zärtlichkeit einer Mutter. Oft habe ich Tränen in ihren Augen glänzen sehen, wenn ein Säugling in seiner Hülflosigkeit die kleinen Ärmchen nach ihr ausstreckt, oder auf ihrem Schoss einschläft, und im Schlafe lächelt.

Clementina ist aber nicht allein die gute Fee aller schönen lieblichen Kinder; sie schenkt den unglücklichen, mitleidswürdigen noch eine besondere tätige Aufmerksamkeit. Es war ihr nämlich nicht entgangen, dass die geringere Klasse der Eltern nur wenig Sorgfalt auf ihre kranken Kinder zu wenden vermag; dass aus Mangel an der notwendigen Wartung eine grosse Menge davon sterben, oft als Krüppel ein höchst elendes Leben fortschleppen müssen, den Eltern eine Last, und von diesen dafür verachtet und schlecht behandelt werden. Das Elend selbst muss ihnen ein Nahrungszweig werden, indem sie es vorzeigen, um das Mitleid andrer zu erregen, und sich selbst immer mehr dagegen abstumpfen. Denken Sie sich, wie diese Vorstellungen eine Seele wie die ihrige erschüttern mussten! Ich sah sie in der gewaltsamsten Anstrengung, bis es ihr gelang, zu helfen, soweit menschliche hülfe reicht.

Den Garten der Gräfin begrenzt ein See." – "Ich sah ihn diesen Morgen. Kleine Häuser, Felder und Gärten umgeben ihn." – "Ganz recht! Diese Häuser, diese Gärten, Felder und Hügel sind die Zufluchtsörter der armen kleinen Wesen. O, mein Herr, wenn Sie hier das Tun und die Art zu handeln der Gräfin je beobachtet hätten, wie ich es täglich tun darf, Sie würden meinen Entusiasmus für diese Frau verstehen. Ich darf sie in diesem ehrwürdigen Geschäft als Arzt unterstützen, und fühle mich unendlich geehrt in diesem Auftrag. Eins der kleinen Häuser bewohne ich selber, um soviel als möglich gegenwärtig zu sein. Oft haben wir schon die Freude gehabt, Kinder gesund und blühend in die mütterlichen arme zurückzuführen, aus denen sie uns im tiefsten Elende und ohne Hoffnung des Wiedersehens überliefert waren.

Doch, eine ausgeführte Beschreibung kann ich Ihnen hier unmöglich geben; sie dürfte nur weitläuftig werden, ohne Ihnen weiter etwas zu lehren. Der Geist und die Liebe