1801_Schlegel_086_58.txt

ein Feuerwerk. Pikiert darf ein solcher Spassmacher nicht sein, oder es ist um ihn geschehen. Von nun an glückte ihm nichts mehr. In seiner Angst ward er ziemlich grob, ohne allen Witz.

Währenddem hatte ein Mann, der nicht weit von Florentin sass, diesen mit Aufmerksamkeit zu beobachten geschienen: er ward von den andern Doktor genannt. Zu diesem wandte Florentin sich jetzt, um der Unterredung mit Waltern auszuweichen. Das Gespräch kam bald auf die Musik, die den andern Tag bei der Gräfin Clementina aufgeführt werden sollte. – "Es ist eine geistliche Musik?" fragte Florentin. – "Ja", antwortete der Doktor, "es ist ein Requiem von ihrer eignen Komposition, das jährlich auf den bestimmten Tag aufgeführt wird." – Walter trällerte einen Gassenhauer; bei den Worten "geistliche Musik" sagte er einem neben ihm sitzenden Offizier etwas ins Ohr, und beide lachten überlaut. Der Doktor hatte diesen Ausbruch von Lustigkeit mit Gelassenheit abgewartet, eh' er weitersprach. – "Sie werden", fuhr er dann gegen Florentin fort, "ein stark besetztes Chor von meistens vortrefflichen Stimmen hören. Es ist eine der liebsten Beschäftigungen der Gräfin, sich dieses Chor auszubilden, von dem sie sich nicht allein ihre eignen Kompositionen vortragen lässt, sondern auch die herrlichsten alten Sachen, die man sonst nirgends mehr hört als bei ihr." – "Für die alte Dame", fing der Rittmeister an, "ist diese melancholische Musik erstaunlich passend, sonst aber hat sich noch jeder honette Mensch dabei ennuyiert." – Hier mischten sich noch andere ins Gespräch, teils für, teils gegen diese Behauptung, der Streit ward allgemein, währenddem fragte Florentin zum Doktor: "Wenn Sie eben jetzt nichts Besseres zu tun haben, so würde ich Sie bitten, einen Spaziergang mit mir zu machen." – "Ich war im Begriff dieselbe Bitte an Sie zu tun", erwiderte jener. – Es entstand eine kleine Stille, als man die beiden aufstehen sah. Im Hinausgehen hörte Florentin ganz deutlich, dass Walter "Glücksritter" sagte.

"Ich hatte unrecht", sagte der Doktor, als sie draussen waren, "in Gegenwart dieser unmusikalischen Seelen von einer zu sprechen, die ganz Musik ist." –

Sie gingen in einen der nah gelegenen öffentlichen Gärten ausserhalb der Stadt, wo sie sich Erfrischungen geben liessen. Florentin konnte sich nicht entalten, einiges über die schlechte Tischgesellschaft zu äussern. Er fragte seinen Begleiter, ob er diesen Walter genauer kenne? – "Ich kenne ihn", sagte dieser. "Ich habe das Glück, zu den Freunden der Gräfin Clementina zu gehören, und fast immer in ihrem haus zu sein, dort sehe ich ihn nur zu oft! gewöhnlich speise ich nicht an der öffentlichen Wirtstafel; darf ich sagen, dass ich mich heute dort einfand, bloss um Ihre persönliche Bekanntschaft etwas früher zu machen? Ich bin durch fräulein Bettys Erzählung zu begierig geworden." – "Ich freue mich Ihrer Bekanntschaft", versetzte Florentin. –

Nach einigen fragen und Erläuterungen, ihr beiderseitiges Verhältnis mit der gräflichen Familie betreffend, rückte Florentin endlich mit der Frage heraus: wie es komme, dass Clementina, die ihm als der Schutzgeist der Angehörigen sei bekannt gemacht worden, dass diese die Verbindung zwischen Walter und Betty wünschen, ja nur zugeben könne? "Wie! Leuchtet es ihr nicht in die Augen", sagte er, "dass Betty mit diesem Menschen höchst unglücklich werden, oder ganz zugrunde gehen muss? Wie ist es so schade um diese liebenswürdige natur!" – "Ja wohl schade!" rief der andere, mit einem halb unterdrückten Seufzer. "Ich kenne Betty seit ihrem zwölften Jahre, ich liebe sie, seit ich sie kenne." Das sanft ernstafte Gesicht des Mannes errötete etwas bei diesen Worten. – "Betty hat einen würdigen Freund, wie ich sehe", sagte Florentin nach einem kleinen Schweigen; "wie kann es zugehen, dass sie einem schrecklichen Schicksal sichtbar entgegengehen darf?" – "Bettys unglückliche Neigung." – "Wär' es möglich? Was kann dieses liebenswürdige Kind, im Schoss der Liebe mit aller Sorgfalt ausgebildet, was kann sie bewegen, sich diesen rohen gefährten zu wählen? Gehört sie etwa auch zu jenen Zarten, die sich bloss an die äussere Erscheinung der Energie halten?" – "Nicht ganz so hart!" fiel ihm jener ein; "es ist ihm gelungen sie zu fesseln, oder vielmehr sie in einem Moment der Hingebung sich eigen zu machen. Es ist nicht gewiss, ob sie ihn noch liebt, ja ob sie ihn jemals liebte. Ist es die schöne wachsende Treue eines unverdorbenen weiblichen Herzens? Ist es Reue, oder Stolz? Genug sie hält sich für unauflöslich gebunden, obgleich die Gräfin, der sie sich ohne Rückhalt anvertraute, ihre Vermählung immer weiter hinauszuschieben sucht. Walter weiss sehr wohl, wie übel er bei der Gräfin angesehen ist, daher sein Hass gegen diese unvergleichliche Frau. Es ist sehr wahrscheinlich, dass alles von ihm aus Liebe zu ihrem ansehnlichen Vermögen angelegt ward; und nur zu wohl ist ihm sein Plan gelungen!" – "So muss denn die arme aus Schwachheit um Schwachheit ewig verloren sein? und die Freunde könnten sie retten und sehen müssig zu, wie sie untergeht!" – "Woher wissen Sie das?" – "Warum wendet Clementina nicht hier ihre ganze Autorität