sehr heftigen Anfall ihrer gewöhnlichen Krankheit." – "So hatte der Graf doch richtig geahndet! Die Briefe aber waren von ihrer Hand." – "Sie schrieb sie mit der grössten Anstrengung. Ausserdem will sie sich heute ruhig verhalten, um morgen imstande zu sein, eine Musik aufführen zu hören, die sie nie versäumt. Sie, Florentin, werden nun durch mich von ihr ersucht, morgen nach dieser Musik sich bei uns einzufinden." – "Ich werde erscheinen; doch wünschte ich auch wohl diese Musik zu hören; wo wird sie aufgeführt?" – "Gut, dass Sie fragen! Ich hätte es beinah vergessen; die Tante lässt Ihnen zugleich sagen, wenn Sie etwa die Musik zu hören wünschten, so soll Sie jemand zur rechten Zeit abholen und einführen. Sie lässt es Ihnen eigentlich wissen; das ist eine Auszeichnung, merken Sie sich dies fein. Und nun geschwind, was macht man auf dem Schloss?" – "Gestern, als ich fort ritt, war man eben dabei, sich den priesterlichen Segen geben zu lassen." – "Wie? Gestern? Und wir haben keinen Brief? Und Sie ritten fort?" – "Hier ist ein Brief für die Gräfin Clementina, von Eleonoren." – "geben Sie her, o geschwind! Warum gaben Sie den nicht gleich zuerst? Wie wird die Tante sich freuen! Nun so geben Sie doch!" –
Er zog den Brief hervor, wollte ihn aber nicht ohne einen Kuss von Betty herausgeben. Mit einer schalkhaft verdrüsslichen Miene, als ob sie ihn nur recht bald loszuwerden wünschte, hielt sie ihm die Wange hin. In demselben Moment ging die Tür auf, und ein junger Offizier trat herein. Betty fuhr zusammen und veränderte die Farbe. Der Offizier begrüsste sie mit einem finstern blick, und sah nun stumm und störrisch vor sich hin. Halb nur gefasst, mit unsichrer Miene, stellte sie beide einander vor, den Offizier nannte sie Rittmeister von Walter. Sie gab sich Mühe, ein haltbares Gespräch auf die Bahn zu bringen, es gelang ihr aber schlecht. – "Sie müssen mir erlauben", fing sie endlich an, "dass ich der Tante nicht länger den ersehnten Brief vorentalte; auf morgen also, Florentin." – "Ich möchte Sie bitten, mir einen Augenblick zu schenken", sagte der Rittmeister, mehr fordernd, als bittend. – "Jetzt nicht, lieber Walter", sagte sie so freundlich als möglich; "aber darf ich nicht hoffen, Sie diesen Abend im Garten zu sehen?" – "Gut dann", antwortete er, "diesen Abend!" – Betty verneigte sich gegen beide und eilte aus dem Saal.
Florentin erinnerte sich, von Julianen gehört zu haben, dass Betty nächstens die Braut eines gewissen Walters würde. – Also der Bräutigam! dachte er im Hinuntergehen, und wie es scheint, wenig geliebt, und noch weit weniger liebenswürdig. arme Kleine! Wahrscheinlich wirst du diesen einzigen mutwilligen Augenblick durch eine Reihe von unangenehmen zu büssen haben! Lass sehen, vielleicht gelingt es mir, sie dir zu ersparen, es gelingt mir vielleicht, diesen Drachen zu zähmen. –
Er ging denselben Weg mit ihm und redete ihn einigemal freundlich an, wurde aber mit kurzen Worten abgefertigt, bis er es wie absichtslos fallen liess, dass er höchstens noch einen Tag in der Stadt zu bleiben gedächte. Sogleich nahm der Rittmeister mehr Anteil an ihm, und erbot sich, ihm noch vor dem Mittagessen einige Merkwürdigkeiten der Stadt zu zeigen: unser Florentin nahm es an. Diese Merkwürdigkeiten bestanden nun in allerlei Dingen, die (was sich der Rittmeister nicht träumen liess) für Florentin weder merkwürdig noch erfreulich waren; zuletzt wurde dann mit einigen andern jungen Leuten, die zu ihnen kamen, eine sogenannte Partie fine zum Abend verabredet, und Florentin dazu eingeladen. Dieser, dem es beinah leid war, sich mit Walter eingelassen zu haben, versuchte es, von ihren gemeinschaftlichen Bekannten mit ihm zu sprechen; seine rohen Ansichten traten aber bei dieser gelegenheit in ein so helles Licht, dass er Florentin je länger, je mehr unerträglich ward. Er schwieg unmutig still, und war froh, als er wieder in seinen Gastof gelangte, wo er den lästigen Begleiter loszuwerden gedachte; zu seinem Verdruss ging dieser aber mit hinein und setzte sich nebst noch einigen Hinzugekommenen mit zu Tische.
Hier führte er sehr laut das Wort. Durch einige zweideutige Spässe, lächerliches Gesichterschneiden, und die Dreistigkeit, durch platte Persiflage, andere in beschämende Verlegenheit zu setzen, war er bei den bekannten Tischgenossen in den Ruf eines witzigen Kopfs, und eines angenehmen Gesellschafters geraten. Man belachte und beklatschte alles, was er vorbrachte; Florentin, der Langeweile hatte, lachte nicht, und gab sich auch die Mühe nicht aus gefälligkeit zu lachen. Waltern schien diese Gleichgültigkeit gegen sein anerkanntes Verdienst eine beleidigende Anmassung, und um sich zu rächen, kehrte er die Spitze seines Witzes, mit nicht zu feinen Anspielungen gegen Florentin, die zur Absicht hatten, den Anwesenden einen Wink zu geben: er hätte sich diesen heute ganz eigentlich zur Tischbelustigung ausersehen. Der Plan war gut, nur nicht genau genug berechnet; Florentin, der nicht mehr in der Stimmung war, sich etwas gefallen zu lassen, hatte gar bald durch ein paar beissende Antworten das lachen auf seiner Seite. Dieser Sieg wirkte auf Walters Witz, wie ein Platzregen auf