geben Kraft sich aufzurichten, indem sie niederbeugen; aber der Menschen kleinliche Missverhältnisse und Missverständnisse zerstören grausam das Gemüt. Ich segne meinen Eintritt in Euren Kreis, aber ich gehe, damit ihn niemand verwünsche! Lebe wohl, Eduard, gedenke meiner. – Juliane, wer Sie sieht, wird Sie kennen; wer Sie kennt, muss Sie lieben; wer Sie liebt, kann nie aufhören. Bleiben Sie glücklich!
Florentin."
"Gib es an Eduard von Usingen, guter Heinrich, aber gib es ihm allein. Und nun Adieu." – Er ritt langsam fort. Er hatte beschlossen, die Nacht in der bekannten Mühle zu bleiben, und mit Tagesanbruch vollends zur Stadt zu reiten.
Sechzehntes Kapitel
Florentin war nach einer verdrüsslichen Reise in die Stadt angekommen. Nie war er mehr mit sich selbst uneins gewesen. Zwar gefiel ihm die Hast, mit der er das Schloss und alle seine Reizungen, sobald es ihm Zeit zu sein gedünkt, verlassen, da es ihm nicht unbemerkt geblieben war, dass er die Empfindsamkeit des schönen Mädchens so hoch hätte hinaufspielen können, als er nur immer gewollt; dennoch konnte er sich nicht des heimlichen Verdachts gegen sich selbst erwehren, der Mangel an den üblichen Staatskleidungsstücken hätte ihn so plötzlich auf und davon getrieben. Vollends lächerlich erschien es ihm, wenn er überlegte, dass die gräfliche Familie vielleicht diesen Grund als ausgemacht, und sogar als den einzig möglichen annehmen würde. Er beschloss, wenigstens in der Zukunft, sich die beschämende Ungewissheit seiner eigenen Motive zu ersparen. Sobald er daher im Gastof eingekehrt war, trug er sogleich sorge, eine Art von Uniform für sich zu bestellen, die man ihm des andern tages mit allem Dazugehörigen zu liefern versprechen musste.
Soviel er von der grossen Stadt im Hineinreiten gesehen, hatte sie wenig Anziehendes für ihn. Roher Lärm, nichtstuende Geschäftigkeit, prahlsüchtige Armseligkeit, leere unteilnehmende Neugierde auf den geräuschvollen Gassen, fiel ihm dieses Mal mehr als jemals widerlich auf. Wahrscheinlich wäre er, ohne sich aufzuhalten, gerade zum andern Tor wieder hinausgeritten, aber es lag ihm daran, Eleonorens Brief an Clementinen selber zu bestellen.
Bald nach seiner Ankunft ging er hin. Das Haus war leicht zu finden, denn es ragte durch seine schöne Bauart von allen benachbarten hervor. Am Eingang des Vorhofs lagen auf einer Erhöhung zwei Sphinxe. Die Ungeheuer sahen den Eintretenden so klug und prüfend an, als wollten sie seine Absicht erforschen. Florentin überfiel eine Art Grauen, als er zwischen ihnen durch, über den stillen Platz nach dem Hauptgebäude schritt.
Während er gemeldet ward, führte ihn ein Bedienter die breite steinerne Treppe hinan, durch einige Vorzimmer in einen vortrefflich dekorierten Saal, wo er ihn einige Augenblicke zu verweilen ersuchte. Florentin betrachtete einige chinesische Vasen von seltener Grösse, welche an den Pfeilern zwischen den grossen Flügeltüren sich befanden, die statt der Fenster auf einen Altan führten; hier standen Orangen- und Zitronenbäume in schön verzierten Gefässen umher, deren süsser Duft sich im Saal verbreitete. Florentin trat durch eine der offnen Türen hinaus, und fand sich sehr angenehm überrascht, als er in einen weiten vortrefflichen Garten hinuntersah. Dieser grenzte in der Ferne an einen See, dessen lachende Ufer mit weinbepflanzten Hügeln, Kornfeldern, Gebüschen und netten einzelnen Häusern umgeben waren. Im Garten gingen eine Menge Leute, oder sassen im Schatten der hohen Bäume, so dass er ungewiss wurde, ob es ein öffentlicher Garten sei, oder ob er zum haus gehöre.
Ein herrlicher Springbrunnen trug seinen hellen Wasserstrahl beinah bis zur Höhe des Hauses, wo er dann in vielfarbigen glänzenden Kristalltropfen wieder hinunterfiel und sich in ein weites Marmorbecken sammelte; Weiden und Akazien spiegelten mit vermischtem Grün ihr Laub im klaren Wasserspiegel. Anmutiger grünte der Rasen um ihn her, und die Luft ward durch sein Spiel erfrischt und erquickend. Florentin dachte an das gräfliche Schloss zurück; ein und derselbe Geist schien dieses sowohl als Clementinens Haus, nur in einem verschiedenen Sinn, zu bewohnen. So wie dort der alte mit dem modernen Geschmack nebeneinander bestand, so kontrastierte hier der steinerne Ernst des Eingangs mit der freundlichen Schönheit des inneren. Er ahndete Clementinens Geist, und ein Ehrfurchtsschauer durchbebte ihn bei dem Gedanken, sie selbst nun bald zu sehen.
Indem rauschte ein weiblicher Fusstritt in dem Nebenzimmer, Florentin ging vom Altan zurück. – Es kann nicht Clementina sein, dachte er, der Schritt ist zu rasch. – Betty war es. Er hatte es vergessen, dass er diese hier finden müsste; jetzt freute er sich, das muntere zierliche Mädchen unverhofft erscheinen zu sehen. Er lief auf sie zu. – "Nicht so ausgelassen!" rief sie mit komischer Gravität, "begrüssen Sie fein ehrerbietig in mir die Gräfin Clementina. Ich komme in ihrer person, als bevollmächtigter Minister, und mir haben Sie Ihr Kreditiv zu überreichen. Nun so halten Sie nur Ihre ehrfurchtsvolle Anrede! Denn Sie sehen doch ganz so aus, als hätten Sie sich eine ersonnen, und wollten sie soeben wieder hinunterschlukken!" – "Betty ist ja eben das Redenhalten nicht an mir gewohnt worden", sagte Florentin. – "Nein", antwortete sie, "Ihre Impromptus sind mir bekannter; aber ebendarum bin ich neugierig auf Ihre Rede! Mein Auftrag ist aber, Sie in der Gräfin Clementina Namen hier willkommen zu heissen, und Sie um Nachrichten vom Schloss zu bitten. Heute kann die Gräfin Sie nicht sehen; sie erholt sich erst jetzt langsam von einem