; ich wette, er findet etwas gegen die Humanität darin zu tadeln." – Man trennte sich. Jeder ging auf sein eigenes Zimmer. Eleonore fand, dass sie noch eine Stunde übrig hatte, sie verschloss sich in ihr Kabinett und schrieb folgenden Brief an Clementinen, die in der allgemeinen Freude von allen schmerzlich vermisst ward.
Eleonore an Clementina
Mitten aus dem festlichen Getümmel, und in unruhiger Besorgnis, jeden Augenblick abgerufen zu werden, schleiche ich mich in meine kammer, um Dir einige Worte zuzurufen: Ich will meinem Herzen diese Freude nicht versagen, ich will zu Dir reden, will mir einbilden, Du sässest neben mir, und ich sähe es dem lieben Gesicht an, wie Dein Herz die Freuden des meinigen teilt.
Aber auch schelten muss ich mit Dir, Du Unvernünftige! Wie? Juliane wird zum Altare geführt, und Du bist nicht bei ihr? Wie magst Du es nur verantworten? Du weisst wohl, wie ich Dein Tun und Deinen Wandel verehre; dennoch glaube ich nicht, dass Du die Art und Weise von uns Weltkindern so sichtbar verachten darfst: Es ist wohl ebenso verdienstlich von mir, dass ich mich aus dem Getümmel losreisse, um an Dich zu schreiben, als dass Du das Haus der Fröhlichkeit nicht besuchen willst, um den armen kleinen Geschöpfen Deiner Pflege unter Deinen Augen hülfe und Nahrung reichen zu lassen. Denkst du nicht daran, wie notwendig Du auch hier bist? Wer unter uns soll wohl Julianen das Beispiel der Sammlung und Frömmigkeit geben, das sie von ihrer Tante erhalten würde! Es werden viele gedankenlos um sie stehen, und sie wird umsonst die Augen suchen, an deren frommer Andacht sie sonst gewohnt war, die ihrigen zum Himmel zu erheben! Wird nun nicht die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens fast leichtsinnig vollendet werden?
Die böse Nachricht, dass wir Dich nicht erwarten dürfen, betrübte uns alle, und wie sehr Juliane anfangs darüber trauerte, kannst Du wohl denken; bald wusste sie sich aber zu beruhigen, da wir ihr von Deiner eigentlichen Besorgnis nichts mitteilten, und sie so gewohnt ist, alles gut und recht zu finden, was von der Tante kommt. Jetzt atmet ihre Brust wieder in ihrer natürlichen leichten Unbefangenheit. Du nennst es gewiss nicht blinde mütterliche Eitelkeit, wenn ich mich im Herzen freue, die Holdseligkeit des lieben Mädchens zu sehen, diese stolze zarte Schönheit, die aus ihrem inneren strahlend sie umgibt. Ja Du Teure! Du würdest, wenn Du sie so vor Dir sähest, leuchtend und glühend im vollen Ausdruck ihres Glücks, Du würdest nicht länger unzufrieden sein, dass ihr Vater eilt, sie mit dem Geliebten zu vereinigen, dass sie trotz aller Deiner Gründe so früh vermählt wird. – Juliane ist beinah noch ein Kind, sagst Du, vieles liegt unentwickelt und tief verborgen in ihr, das nicht geahndet wird, am wenigsten von ihr selbst, sie fängt kaum an, sich selbst zu erkennen, sie wird aus einem kind zur Gattin, und wird gewiss einst auf die übersprungene Stufe ihres Lebens mit Wehmut zurücksehen. – Das ist sehr wahr, Liebe; nicht weniger aber ist es wahr, dass Juliane vielleicht ihre Bestimmung ganz verfehlen möchte, wenn sie den ersten vernehmlich ausgesprochenen Wunsch ihres Herzens unterdrücken müsste. Du weisst, wie sehr Juliane mir in vielen Stücken ähnlich ist, da mein Gemüt von jeher in schwesterlicher Liebe vor Dir aufgeschlossen lag, so wie auch das ihrige von der zartesten Kindheit an. Du wirst es nicht vergessen haben, dass auch die Mutter, wie jetzt die Tochter, sich nur spät und langsam erkannte; wie nur ihre frühe glückliche Bestimmung verhinderte, dass nicht das lang verborgne Feuer heftiger Leidenschaftlichkeit verderblich um sich gegriffen. Was anders bewahrte sie vor jeder Gefahr, die ihr aus ihrem inneren drohte, als die Zufriedenheit mit ihrem Lose, die sie an den Pforten der Selbsterkenntnis empfing; als die ruhige Liebe in ihrem Herzen; als der Gatte, die Schwester, die Kinder! Ihr kostbaren Reichtümer! Meinem Glück verdanke ich meine Tugend!
Auch das ist wahr, dass Eduard uns von Jugend auf mehr Beweise eines liebenden Gemüts und der feinen Ausbildung, als eines selbständigen Sinns gegeben; aber eben dies sein liebendes Gemüt, dächte ich, müsste uns Bürge sein. Wie hängt er doch mit inniger Liebe an der Geliebten seiner Jugend! Wie ist er ihr durch alle Wandelbarkeit seines Lebens so wahrhaft treugeblieben! Seine Liebe war gleichsam der dauernde Grund, auf welchem die bunten Farben des Lebens wie lose Fäden hin und her gewebt waren. Es fehlt ihm vielleicht nichts weiter, als die bestimmende Vereinigung mit der Geliebten, um ihn ganz festzuhalten. Ich habe Sinn für häusliche Freuden an ihm wahrgenommen; ich kann an niemand verzweifeln, dem dieser Sinn nicht fehlt. Lass uns nur nicht weiter mit unserer Vorsorge dringen wollen! Unsre Hoffnung ist, sie dauernd glücklich zu sehen. Doch wer entüllt uns die Zukunft? Dürfen wir uns erlauben. Böses zu verüben, um ein künftiges Gut zu sichern? Das wäre ja sogar gegen Deinen eignen Grundsatz.
Du weisst doch, dass Eduard seinen Plan, gleich nach der Vermählung mit Julianen auf Reisen zu gehen, aufgegeben hat, zu unsrer grossen Freude. Die Kleine konnte sich nicht entschliessen, uns zu verlassen, er hat sich auf ihr unablässiges Bitten entschlossen, noch einige Jahre bei uns zu leben, eh' er seine weiteren Pläne ausführt. Sie bleibt also immer noch in unserer Mitte, er