einst hat spielen sehen. Und was ich sonst nicht leicht fühle, mich hat ein leises Grauen dabei überfahren." – "Grauen?" fragte Juliane, "diese wirkung hatte sie doch auf mich gar nicht, da mich sonst schon bei dem blossen Gedanken an eine Geistergeschichte schaudert; man sollte es aber schon an Ihnen gewohnt sein, dass die Dinge allezeit auf Sie ganz anders wirken, als auf andere ehrliche Leute. – Doch sehen Sie, der Tag bricht an", fuhr sie fort, "nun dächte ich, während unser guter Herr Wirt Anstalten trifft, dass der Bote aufs Schloss geht, und die Frau Müllerin uns noch ein Frühstück bereitet, so singen Sie etwas, Florentin! Ich kann nicht verhehlen, ich bin voller Unruhe und Ungeduld, Musik wird am ersten fähig sein, diese zu täuschen."
Der Müller und seine Frau gingen hinaus, um zu
tun, was sie verlangt hatte. "Nun fangen Sie an", sagte Juliane, "die Gitarre werden Sie nicht brauchen können, sie hat wahrscheinlich sehr von der Nässe gelitten." – "Es tut nicht viel", sagte Florentin, "sie wird noch immer gut genug sein, Takt und Tonart ungefähr drauf zu bemerken, mehr braucht es nicht. Doch was verlangen Sie für ein Lied?" – "Singen Sie, was Sie wollen, nur etwas Neues und Kluges!" – Nach einem kurzen Besinnen sang er folgende Strophen: "Mein Lied, was kann es Neues euch verkünden? Und welche Weisheit, Freunde, fordert ihr? Der Hohen meine Jugend zu verbünden, Dies, wie ihr wisst, gelang noch niemals mir. Noch neu, noch Alt wusst' ich je zu ergründen; Das Schicksal gönn' im Alter Weisheit mir. Wir irren alle, denn wir müssen irren, Gelassen mag die Zeit den Knäul entwirren. Der Waldstrom braust im tiefen Felsengrund, Gar schroffe Klippen führen drüber hin, Die furchtbar hängen über'm finstern Schlund; Wer strauchelt, dem ist sichrer Tod Gewinn! Ein Müder wankt an Geist und Gliedern wund Daher, schaut bang hinab, kalt graust der Sinn: Am Felsen spielt ein Kind, sorglos bemühet Ein Blümchen pflückend, das am Abgrund blühet. Oft mühten sinnreich Dichter sich und Weise, Das Leben mit dem Leben zu vergleichen. Am glücklichsten geschah's im Bild der Reise! Ein Tor eröffnet Armen sich, wie Reichen; Früh ausgewandert auf gewohntem Gleise Sieht er die Dämmrung kaum dem Licht entweichen, So treibt der Wahn, ihm dürf's allein gelingen, Rastlos in nie erreichte Fern' zu dringen. Es türmen Felsen sich in seinen Wegen, Des Mittags Strahlen glühn auf seinem Haupt, In Wüsten Sands muss sich der Fuss bewegen, Ein Ungewitter naht, der Sturmwind schnaubt, Wo kommt ein sichres Dach dem blick entgegen? Es seufzt nach Ruh', wem stolzer Mut geraubt; In später Nacht, doch tausendfält'ger Not kommt er ans Ziel – und dieses ist – der Tod! Der Jüngling tritt, von Ahndung fortgezogen, Zur Schwelle hin, die in das Leben führt. An seiner Schulter tönt der goldne Bogen Der Göttin, so die Welt ihm hold verziert, Der Phantasie, die ihn auf kühnen Wogen Sanft fortreisst, ihn mit bunten Bildern rührt. Wenn er dann so nach schönen Träumen hascht, Wird unbewusst vom Glück er überrascht. Gebt acht, gebt acht, gelegenheit ist flüchtig, Nicht leicht ihr Stirnenhaar im Flug zu fassen. Obgleich zu nützen sie ein jeder tüchtig, Dem's klug gelang, sie nicht entfliehn zu lassen, So ist dem Würdigen sie nie so wichtig, Dass er von ihr sich mag bestimmen lassen. Doch was hilft Mut, was mächtiges Bestreben Dem Schiff, das tollen Stürmen preisgegeben? So mancher hat gefunden, was zu suchen Er gleichwohl nicht verstand, was zu gewinnen Vergebens er, und mühvoll wird versuchen; Misslingen droht dem treulichsten Beginnen. Wie viele hört man dann ihr Los verfluchen Und klagen: 'Glück! o musstest du zerrinnen?' Was traut ihr müssig auf des Glückes Gunst? natur sei Vorbild, Leben eine Kunst! Wer hebt des Künstlers Mut in Kampf und Leiden Als ferne Ahndung hoher heil'ger Liebe? Was lehrt ihn schellenlaute Torheit meiden Als eigenes Glück der süssen zarten Liebe? Wo ist ein Port für Hohn und böses Neiden, Als in den Armen frommer, treuer Liebe? Und wird des Helden Stirn in Myrtenkränzen Der Nachwelt schöner nicht, als Lorbeer glänzen?" Florentin war von seinem eignen Gesange nach und nach so begeistert, dass ihm Reime und Gedanken je mehr je leichter zuflossen, und die beiden wären es nicht müde geworden, zuzuhören, wenn er auch noch länger fortgesungen hätte. Die Müllerin unterbrach aber seinen Gesang und ihre Aufmerksamkeit, indem sie das Frühstück hereinbrachte. Zu gleicher Zeit kam auch der Bote mit der Nachricht zurück, der Wagen und die Bediente der Gräfin würden in weniger als einer Stunde anlangen. Er hatte am jenseitigen Ufer einen Reitknecht vom Schloss zu Pferde angetroffen, der ihn bei seiner Überfahrt erwartete. Dieser hatte ihn gefragt, ob er nicht etwa drei Herren in Jagdkleidern gesehen hätte, denen zwei Hunde gehörten, die er vor der Tür der Mühle liegen sähe? Da er nun gleich gesagt, dass sie alle drei in der Mühle eingekehret seien, und dort übernachtet hätten, und dass er eben abgeschickt sei, um den