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reichen, da machte es, wie sie versicherte, eine Gebärde mit Kopf und Schultern, als wollte es ihr zu verstehen geben, dies sei über seine Macht.

Sie stand auf, ging im Zimmer herum, das Kind lief beständig vor ihr her, immer rückwärts, das Gesicht zu ihr gewendet. Man war in der schrecklichsten Besorgnis wegen dieser bleibenden Erscheinung; man hielt es für eine völlige Zerrüttung der Sinne und der Gesundheit; und man drang einigemal in sie, sich den Händen eines Arztes zu übergeben. Sie war aber nicht zu bewegen Arznei zu nehmen, weil sie sich so wohl fühlte, als sie seit lange nicht gewohnt war. In der Tat blühte sie zum Erstaunen aller Bekannten, in kurzer Zeit, ordentlich neu auf. Sie ward wieder munter, sie konnte wieder gehörig speisen zu sich nehmen und ruhig schlafen, sie nahm wieder an der Gesellschaft frohen Anteil, und schien sogar ihres traurigen Gelübdes nicht mehr zu gedenken. Ein paarmal sprach sie nur mit ihrem Gemahl davon, aber mit der grössten Geistesruhe; sie versicherte ihn, sie verlasse sich völlig auf sein Versprechen, ihr in der Erfüllung nicht entgegen zu sein. Die Erscheinung des Kindes verliess sie keinen Augenblick. Es begleitete sie bis an die Gittertüre, so oft sie ausging; sobald die Tür zugemacht war, sah sie es den gang wieder zurück nach ihrem Zimmer schweben; wenn sie wiederkam, fand sie es ebenso am Gitter ihr entgegenkommen. Dabei war es, wie sie vorgab, immer traurig, wenn sie es verliess, und vergnügt, wenn sie es wiedersah. Bei Nacht trug es eine Kerze in der Hand, und am Tage einen Blumenkranz. Ausser jenem Bezirk hatte es sie nie verfolgt. Man beredete sie ein anderes Zimmer zu beziehen, dazu war sie aber auch nicht zu bewegen. Sie weinte, wenn sie nur daran dachte, es von sich zu stossen, und der Marquis liess es sich endlich gefallen, weil er hoffte, sie würde doch nun ihrer Vision zu Gefallen nicht ins Kloster gehen. Sie liebte die kleine Gestalt mit wahrer mütterlicher leidenschaft; sie ward oft in Gesellschaften unruhig, und sehnte sich nach dem kind hin, wenn sie es einige Stunden verlassen hatte. Man hörte sie in ihrem Zimmer mit ihm sprechen. Sie hatte ein kleines Bett dem ihrigen gegenüber stellen lassen, darein legte es sich, wenn sie es ihm sagte, auch sah sie es des Nachts, wenn sie von ungefähr aufwachte, drin liegen, aber es erwachte in demselben Moment mit ihr. Ebenso machte sie ihm in einer Ecke des Zimmers eine Spielanstalt, mit einem kleinen Tisch und Stühlchen, sie sah es sich dazu niedersetzen; die Spielsachen berührte es aber nicht, es spielte nur mit den Blumen, die es in der Hand hielt, oder es sass still ihr gegenüber und lächelte sie mit grossen Augen an. Nur wenn Sie es fassen wollte, dann ward sie erinnert, dass es eine blosse Täuschung sei, dann wich das Luftbild von ihren Händen zurück, und liess sich ebensowenig ergreifen, als die farbige Gestalt des Regenbogens.

Nach einiger Zeit ereignete sich etwas, welches das Wunderbare dieser Erscheinung zugleich erklärte und vergrösserte. Die Marquise fühlte nämlich deutliche Zeichen, dass sie guter Hoffnung sei. Die Freude des Ehepaars war ohne Grenzen, als sie dessen endlich gewiss waren. Im Taumel der Freude, ihr Gebet erhört, und sich des trostlosen Gelübdes entbunden zu sehen, eilte sie nach demselben Altare, vor welchem sie es damals abgelegt hatte, und gelobte nun an der Stelle ihr Kind, statt ihrer, dem Kloster zu weihen! Der Marquis war mit diesem Gelübde beinahe so unzufrieden, als mit dem vorigen, doch musste er es geschehen lassen. Einen Knaben hoffte er mit Golde loszukaufen.

Neun Monate nach dem Tage der ersten Erscheinung ward sie glücklich von einer Tochter entbunden. Während ihrer Niederkunft sah sie die Erscheinung an ihrem Lager unbeweglich stehen, in dem Augenblick aber, dass ihr Kind zur Welt kam, war jene verschwunden, und sie hat sie niemals wiedergesehen."

Juliane endigte hier ihre Erzählung, und ihre Zuhörer dankten ihr einstimmig für das Vergnügen, das diese ihnen gemacht hatte. – "Wenn ich mir jemals wünschen könnte, eine Erscheinung zu sehen", sagte der Müller, "so wäre es eine solche!" – "Behüte mich Gott und alle heiligen Engel vor Geistern!" rief seine Frau, indem sie andächtig ein Kreuz machte; "sie mögen auch sein, oder Gestalt haben, was und wie sie wollen! sie bedeuten gar zu selten etwas Gutes." – "Eine sehr niedliche geschichte!" sagte Eduard; "besonders gefällt mir's, dass sie so wunderbar, und doch so einfach, so wahrscheinlich ist; man versteht sie vollkommen, ohne durch eine besondere prosaische Auflösung gestört zu werden, wie es sonst bei wirklich erlebten Wundern gewöhnlich der Fall ist." – "Und Sie sagen gar nichts dazu, Florentin?" fragte Juliane; "Sie sehen so gedankenvoll aus, haben Sie etwa gar nicht zugehört?" – "Ich habe wohl zuhören müssen", sagte dieser, "die geschichte zwang mich ordentlich zur Aufmerksamkeit. Mir war, als wären mir sowohl die begebenheiten, als die Menschen darin nicht fremd; unwillkürlich schob sich mir bei jedem eine bekannte person unter; so wie man, wenn man ein Schauspiel liest, sich die Schauspieler denken muss, von denen man es