1801_Schlegel_086_43.txt

sie länger als das nächste Jahr ohne Kinder bliebe; ihr Gemahl sollte sich alsdann eine andere Gattin wählen, mit der er glücklicher wäre, sie selbst aber wollte ihr Leben unter eifrigen Gebeten für sein Wohl in einem Kloster beschliessen. – Sie kamen bei diesen Worten vor dem haus an, und wurden aus dem Wagen gehoben, noch ehe meine Tante ein Wort über dieses traurige Gelübde hatte vorbringen können. Der Marquis kam ihnen entgegen, voll Besorgnis wegen ihres ungewöhnlich langen Ausbleibens. Die beiden Frauen sprachen kein Wort, er sah sie verwundert an, und nahm an der blassen Gesichtsfarbe seiner Gemahlin und der bekümmerten Miene meiner Tante gleich wahr, dass ihnen etwas Ausserordentliches müsse zugestossen sein. Er führte sie ins nächste Zimmer, und liess nicht eher ab, bis er die Ursache ihrer Bestürzung erfahren. Sie erlaubte es endlich meiner Tante, dem Marquis ihr Gelübde zu entdecken. Dieser suchte sich ungeachtet seines heftigen Schreckens zu fassen, und bat sie, sich zu beruhigen; sie liess aber nicht eher mit Tränen und Bitten nach, bis er ihr versprach, sie durch keine Gegenvorstellung, und keine heimliche Veranstaltung an der Ausführung ihres Gelübdes zu verhindern. Nun erfolgte eine Szene von zärtlichen Vorwürfen, von Liebe, Grossmut und Aufopferung, die man sich wohl leicht vorstellen kann.

Die Nacht war unterdessen beinahe verstrichen, die Marquise fühlte sich sehr ermüdet, und bat meine Tante sie nach ihrem Zimmer zu begleiten, weil sie trotz ihrer Müdigkeit nicht würde schlafen können, und sie ihr noch einiges sagen wollte. Ihr Gemahl führte sie die Treppe hinauf, ein Gitter verschloss einen ziemlich langen gang, an dessen Ende das Schlafzimmer der Dame lag. Der Marquis zog an der Klingel, die Kammerfrau trat aus dem Zimmer, um zu öffnen, er wollte eben wieder die Treppe hinuntergehen, als die Marquise ausrief: 'Ach seht! seht hin! was kommt da für ein englisch schönes Kind.' Man sah hin durch das Gitter, wo sie hinzeigte, sah aber nichts als die Kammerfrau, die mit einem Licht in der Hand den gang herunterkam, und die Gittertür aufschloss. – 'Was hast du da für ein schönes Kind?' fragte sie sie hastig. Die Kammerfrau sah sie an, ohne zu antworten. 'O seht doch das Engelskind!' rief die Marquise wieder, tat einige Schritte vorwärts, und beugte sich freundlich, wie zu einem kind herab. Entsetzen und Erstaunen bemeisterte sich der Anwesenden, denn sie sahen kein Kind. Die Marquise ging mit offnen Armen noch einige Schritte, als wollte sie etwas umfassen, wankte, und sank mit einem lauten Schrei nieder.

Sie ward zu Bette gebracht. Als sie wieder zu sich selbst kam, fragte sie, ängstlich die Antwort erwartend, ob denn die andern nicht das Kind am fuss des Bettes stehen sähen? Da man nun an der Stelle, die sie bezeichnete, nicht das geringste wahrnahm, und sie am Achselzucken und am bedauernden Zureden der andern merkte, dass man sie für krank hielt, und als ob ihr nicht geglaubt würde, dass sie wirklich das sähe, was sie zu sehen vorgab, beschrieb sie mit der grössten Genauigkeit und ganz gelassen die Gestalt des Kindes, das sie zu ihren Füssen an das Bett gelehnt stehen sah. Es schien ihr in einem Alter von drei Jahren, trug ein leichtes weisses Gewand, arme und Füsse waren nackt, um den Leib hatte es einen blauen Gürtel von hellglänzendem Zeuge, dessen Enden hinter ihm niederflatterten. Das Köpfchen sei mit himmlischen blonden Locken, wie mit den zartesten Strahlen umgeben, das mit den kindlichen Wangen, dem frischen mund und den lachenden blauen Augen wie ein wundersüsses Engelsköpfchen aussehe. Das ganze Figürchen umschwebe hinreissende Anmut; kurz, sie beschrieb es so umständlich, dass man gar nicht mehr zweifeln durfte, sie sähe es in der Tat vor sich; da sie es aber anfangs hätte umarmen wollen, wäre es zurückgewichen, daher sei ihr Schreck und die Ohnmacht gekommen, denn es hätte sie überzeugt, dass sie eine Erscheinung sehe.

Ihre Freunde durften keinen Widerspruch wagen, aus Besorgnis sie aufzubringen, und man geriet in grosse Verlegenheit. Der Arzt wurde herbeigeholt, er fand sie in heftiger Wallung, sonst aber keine Spur von irgendeiner Krankheit. Er verordnete vorzüglich Ruhe. Sie wollte versuchen zu schlafen, rief aber in dem Augenblick: 'O seht doch, wie es sich freundlich gegen mich neigt, und nun geht es, das liebe Gesichtchen immer zu mir gewendet, zurück. Seht, dort setzt es sich im Winkel nieder, es winkt mir mit den Händchen, ich solle schlafen!' – Man bat sie, die Augen zu verschliessen, damit sie Ruhe fände. Die Bettvorhänge wurden niedergelassen, und nachdem sie etwas Kühlendes getrunken hatte, schlief sie ein.

Bei ihrem Erwachen, nachdem sie einige Stunden ruhig geschlafen hatte und es unterdessen völlig Tag geworden war, hoffte man, ihre Erscheinung würde verschwunden sein; aber zum Erstaunen blieb diese, wie in der Nacht. Kaum erwachte sie, so zog sie die Vorhänge zurück und sah auch sogleich das Kind mit muntern freundlichen Gebärden auf sich zukommen. Sie unterhielt sich nun auf die vertraulichste und liebreichste Weise mit ihm, und versicherte, es gäbe ihr durch sehr ausdrucksvolle Mienen verständliche Antwort. Sie gebot ihm, sich vom Bett zu entfernen; es ging zurück; drauf winkte sie ihm wieder, und es kam näher; dann gebot sie ihm, ihr etwas zu