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, Florentin!" – "O ich habe auch die Geister zusammen sprechen hören, aber mich nicht vor ihnen gefürchtet, mir klang es freundlich und vertraulich; es sind mir freilich keine Balladen und Romanzen dabei eingefallen." – "Wissen Sie uns keine Geistergeschichte zu erzählen?" fragte sie den Müller, "in Gesellschaft mag ich sie gar gerne hören; der Kreis wird gleich eng und vertraulich dabei." – "O wir wissen genug", sagte die Müllerin, da es der Mann ablehnte zu erzählen, "aber sie sind alle gar zu fürchterlich und erschrecklich, so dass ich es nicht wagen möchte, sie der gnädigen Gräfin jetzt zu erzählen." – "Ich bin der Meinung unsrer guten Frau Wirtin", fiel Eduard ein; "es möchte Sie zu sehr beunruhigen, da Sie ohnedem bewegt und angegriffen sind." – "Gut", sagte Juliane, "wenigstens müssen Sie mir aber erlauben, Ihnen etwas zu erzählen; es fällt mir eben eine Geistergeschichte wieder ein, die weder schreckhaft noch fürchterlich und doch merkwürdig ist." Sie setzten sich insgesamt um sie her, und versprachen ihr Aufmerksamkeit. Sie erzählte nun folgende geschichte.

Zwölftes Kapitel

"Meine Tante Clementina hatte in ihrer Jugend eine Freundin, von der sie sich oft monatelang nicht trennte. Diese Freundin war verheiratet, ihren Namen habe ich nicht erfahren, die Tante nannte sie nur immer Marquise. Sie lebte glücklich mit ihrem Gemahl, den sie sehr liebte, und von dem sie ebenso wieder geliebt ward. Sie waren schon fünf oder sechs Jahre verheiratet ohne Kinder zu bekommen, wie sie beide es sehnlichst wünschten. Dem Marquis war es sehr wichtig einen Erben zu haben, weil der Besitz grosser Güter an diese Bedingung geknüpft war. Die gute Dame fürchtete für die Liebe ihres Gemahls, und sparte weder Gelübde noch Gebete, um sich das ersehnte Glück von allen Heiligen zu erflehen. Sie wallfahrtete nach allen wundertätigen Bildern, und nach den gerühmten Bädern. Meine Tante die sie auf vielen dieser Reisen begleitete, war Zeuge ihres Grams, der endlich so tief wurzelte, dass man und nicht ohne Grund, anfing, für ihre Gesundheit besorgt zu werden: denn nicht allein, dass der Schmerz vergeblicher Erwartung sie nagte, sie ward auch grösstenteils dadurch untergraben, dass sie unzählige Gebräuche des Aberglaubens anwandte, und von jeder guten Gevatterin oder jedem gewinnsüchtigen Betrüger sich Verordnungen und Arzneien geben liess.

Die Vorstellungen ihrer Freunde gegen diese Verblendung waren vergeblich. Um diesen endlich zu entgehen, brauchte sie meistens die Mittel heimlich, oder unter mancherlei Vorwand. Unterdessen versuchten jene alles Ersinnliche, um sie aufzuheitern, meine Tante verliess sie in dieser Zeit fast gar nicht.

In der Weihnachtsnacht waren die Freundinnen in der Kirche, die Marquise betete länger und eifriger als jemals und konnte sich, der häufigen Erinnerungen und Bitten ihrer Freundin ungeachtet, gar nicht losreissen. Sie gab vor, da diese sich über den vermehrten Eifer verwunderte, sie hätte viele Dankgebete zum Himmel zu schicken für die glückliche Errettung ihres Gemahls, der tages vorher von einer Reise zurückgekommen, auf der er mancherlei Gefahren ausgesetzt gewesen war.

Die Tante wagte es nun nicht mehr sie wieder zu stören, da sie sie an den Stufen des Altars und zu den Füssen eines Wunderbildes tief hinabgebeugt, weinen und laut schluchzen hörte, denn sie wusste aus Erfahrung, dass sie durch eine Unterbrechung auf viel Tage unruhig gemacht wurde. Sie erwartete also, teils mit Geduld, teils mit ihrer eignen Andacht beschäftigt, bis die ihrer Freundin geendigt wäre. Da diese ihr doch endlich zu lang dünkte, rief sie ihr zu; da sie aber ohne zu antworten und ohne sich zu bewegen liegenblieb, so beugte sie sich zu ihr hinunter, hob den Schleier von ihrem Gesicht und fand sie ohne Bewusstsein, kalt und in tiefe Ohnmacht gesunken.

Mit hülfe einiger zunächststehenden Menschen führte meine Tante sie aus der Kirche, und half sie in den Wagen heben, der vor der Kirchtür hielt. Sie hatten einen ziemlich grossen Weg nach ihrem haus zu fahren, währenddem gelang es ihr, sie durch alle hülfe, die in dem Augenblick möglich war, wieder zu sich selbst zu bringen. Als sie wieder sprechen konnte, fragte sie die Tante um die Ursache ihrer sonderbaren Heftigkeit, und bat sie so dringend und unter so zärtlichen Liebkosungen, ihr Herz gegen sie zu öffnen, dass sie nicht länger widerstehen konnte. Sie vergoss in den Armen ihrer Freundin einen Strom von Tränen, und nachdem diese ihrem Herzen Luft gemacht hatten, erzählte sie ihr: sie hätte soeben einen Vorsatz ausgeführt, den sie schon seit länger als einem Jahre in ihrem Herzen gehegt habe, zu dessen wirklicher Ausführung sie noch niemals Kräfte genug in ihrer Seele gefühlt hätte; aber heute nacht hätte sie diese in ihrem heissem Gebete zur Heiligen Jungfrau errungen. Sie hätte es glücklich vollbracht, doch sich so angestrengt, dass sie gleich darauf ihre Besinnung verloren habe. Dieselbe, an deren Altar sie die augenblickliche Kraft wie einen Strahl vom Himmel in ihrer Seele empfangen, möge es ihr vergeben, dass gleich darauf ihren Körper diese Schwäche befallen, und dass sie auch jetzt noch sich der Tränen nicht entalten könne. – Meine Tante erwartete mit ungeduldiger Unruhe das Ende dieser Vorrede und das, wohin sie führen sollte. Endlich sammelte sich ihre Freundin und erzählte ihr: sie habe das Gelübde abgelegt, und würde es unverbrüchlich halten, sich freiwillig von ihrem geliebten Gemahl zu trennen, wenn