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!" – "Was du nicht sagen kannst", fiel Eduard ein, "weiss ich längst, mein Freund! Du liebst Julianen, ich weiss es, aber –" – "Wer? wer darf das sagen?" – "Bleib ruhig, Florentin, es blieb mir nicht unbemerkt." – "Du hast dennoch falsch gesehenKannst du so dein eigenes Gefühl verleugnen, und was hast du zu fürchten?" – "Ich fürchte nichts von dir, sei überzeugt! Ich kenne dich, dir ist die Freundschaft heilig. Du wirst dich für den Freund aus aller Kraft deiner Seele zu bekämpfen wissen. Auch wird deine leidenschaft sich bald in das reinste Freundschaftsgefühl auflösen. Und dann, von beiden Freunden geleitet, soll Juliane des schönsten Daseins sich zu erfreuen haben. Keine Lücke bleibe in ihrem Herzen, ihre Liebe bedürfende Seele sei ganz glücklich im Genuss."... "Gemach, mein guter Eduard! gemach! So gelassen wolltest du wirklich dreinsehen, wie der Freund seine Tage unter Prüfungen der Selbstüberwindung hinschleichen liesse, sein wärmstes Leben, sein lebendigstes Gefühl ertötete, und mit halb verschlossnem misstrauendem Herzen keinen fröhlichen Augenblick verlebte? Ich gestehe dir aufrichtig, diese heroische Tugend darf ich nicht zu der meinigen zählen. Wäre der Fall so, wie du ihn wähnst, so wäre, aufs schnellste entfliehen, für mich das ratsamste, und das, was ich gewiss zuerst tun würde. Aber es ist nichts von dem allen. Wahr ist es, Julianens Schönheit überraschte mich: sie ist ein anmutiges Wesen, mit immer neuen, immer lieblichen Bildern erfüllt ihre holde Gestalt die Phantasie, aber –" – "Ach, wenn du ihre Seele kenntest, so weich! zugleich so voller Kraft und Liebe, ihren Charakter, die herrlichen Anlagen!" – "Ich verkenne Julianen nicht. Wäre sie aber auch für mich bestimmt, ich zweifle, dass ich ganz glücklich sein würde." – "Freund, wer mit diesem Engel nicht leben könnte, der –" – "Der verdient gar nicht zu leben, willst du sagen. Leicht wahr! Ich spüre selbst so etwas! Indessen... verstehe mich, mein lieber Freund! Gräfin Juliane, Erbin eines grossen Namens, eines grossen Reichtums, aus den Händen der höchsten Kultur kommend, im Zirkel der feinen Welt schimmernd, der Anbetung von allen, die sie umgeben, gewohnt, und Florentin, der arme, Einsame, Ausgestossne, das Kind des Zufalls." – "Wilder, seltsamer Mensch! Warum nennst du dich so? und warum dünkst du dich noch immer allein? in unserer Mitte allein?" – "Habe Geduld mit mir, ich darf mich nicht entwöhnen, allein zu sein; muss ich nicht fort?" – "Was treibt dich, ich beschwöre dich? Vertraue dich nicht ohne Not dem eigensinnigen Glück, bleibe bei mir!" – "Ich will's versuchen, lieber Freund, aber ich stehe nicht dafür, ich muss, ich muss doch endlich dahin, wo meine Bestimmung mich ruft." –

Eduard wollte noch etwas sagen, als die Müllerin zu ihnen herauskam. Juliane liess ihnen sagen, sie möchten in ihr Zimmer kommen und ihr Gesellschaft leisten, sie könnte unmöglich schlafen.

Alle, auch der Müller, den sie drum hatte bitten lassen, versammelten sich nun bei ihr; sie war vom Bett aufgestanden, und sass in einem bequemen Stuhl beim Kaminfeuer; die Kleider der Müllerin hatte sie noch an.

In der erhellten stube sah Florentin nun deutlich die Zerstörung auf Eduards Gesicht, und in seinem Wesen; kaum dass diese sich etwas legte, da Julianens zärtlich beredter blick sich nicht von ihm wandte und ihn um Verzeihung zu flehen schien. Sie rief ihn zu sich, und sprach leise und beruhigend mit ihm. Florentin war gewiss, dass etwas Ernstaftes zwischen ihnen vorgegangen sein musste, während er sie allein gelassen hatte. Es war ihm klar, dass es Eifersucht sei, was das schöne reine Verhältnis der Liebenden zerstöre. Eine ängstigende Unruh' drückte sein Herz, da es ihm einfiel, dass er selbst vielleicht, unglücklicheroder unvorsichtigerweise, ursache' dazu gegeben habe. Er überdachte noch einmal jedes Wort, das ihm Eduard vor der Tür gesagt hatte, er musste ihn bewundern, dass er, bei einer leidenschaft, die ihm selbst so fürchterlich und so zerreissend schien, mit soviel Feinheit und Aufopferung fühlte und sich äusserte. Sein Glaube an Eduards schöne edle Seele erhielt eine neue Bestätigung, die ihn mehr als jemals anzog; auf diese Weise fühlte er sich von widersprechenden Gefühlen durchstürmt, und alles, was er in sich beschliessen konnte war: bald, sehr bald fortzugehen.

Während dass er in sich gekehrt, und in seine Gedanken verloren dasass, waren die übrigen in einem allgemeinen Gespräch begriffen. Juliane erzählte: das Brausen des Waldes und des Wassers hätten sie entsetzlich zu fürchten gemacht, es wäre ihr nicht möglich gewesen einzuschlafen, obgleich sie die Augen fest verschlossen und sich die Decke über den Kopf gezogen habe, um nichts zu hören. "Als spräche des Waldes und des Wassers Geist drohend zu mir herüber", sagte sie noch schaudernd, "so war mir; jeden Augenblick fürchtete ich, sie würden mir in sichtbaren Gestalten erscheinen; alle alten Romanzen und Balladen, die ich jemals gelesen habe, sind mir zu meinem Unglück grausend dabei eingefallen. Sie hätten es nur hören sollen