zu ihrer Beglaubigung vorbringen mochten, schien eben dem Argwohn der guten, etwas einfältigen Frau nur neue Nahrung zu geben; "das machen Sie mir nicht weis", rief sie, "dass meine gnädige herrschaft zu Fuss, ohne Bedienten und verkleidet ausgehen wird"! Florentin lachte ausgelassen über diese tolle Begebenheit, Juliane musste trotz der Verwirrung auch lachen. Die Müllerin lief hinaus und holte ihren Mann. Dieser sah kaum Julianen etwas genauer an, als er sie gleich erkannte: er hatte sie oft gesehen, wenn er in seinen Geschäften aufs Schloss gekommen war, in der Männertracht aber, blass und ohnmächtig, mit nassen herunterhängenden Haaren, beim Eintritt nicht wiedererkannt; er bat sie sehr wegen des Verdachts seiner Frau um Verzeihung, suchte diese, so gut als er vermochte, zu entschuldigen, und verliess sogleich das Zimmer wieder.
Die Müllerin war beschämt und verwirrt, sie erbot sich zu allen Diensten mit der grössten Bereitwilligkeit, und erkundigte sich nach den Befehlen der jungen Gräfin. Vor allen Dingen bat Juliane, ihr einen Boten zu verschaffen, den sie aufs Schloss schicken könnte, um ihren Wagen herauszuholen, weil sie gleich nach haus fahren wolle. Die Nacht war aber unterdessen völlig hereingebrochen, das Gewitter hatte zwar aufgehört, aber der Sturm war noch stark und der Regen strömte gewaltig herab, dabei konnte man in der Finsternis nicht einen Schritt vor sich sehen. Der Müller entschuldigte sich, dass er jetzt niemand über den Bach könne fahren lassen, es wäre beinahe unvermeidliche Lebensgefahr dabei, da er vom Regen sehr angeschwollen sei, und der Sturm den Kahn gegen die Pfähle schleudern möchte. Bis zu Tagesanbruch müsste sie also geduldig warten. Man erkundigte sich, ob nicht noch ein andrer Weg als der über den Bach nach dem Schloss führte? Es ging allerdings noch einer durch das Gebirge, dieser führte aber so weit herum, dass der Bote doch nicht vor dem andern Morgen anlangen würde.
Juliane befand sich in unbeschreiblicher Angst, wegen der Angst ihrer Eltern. Sie zitterte und weinte, ihre Phantasie füllten die schreckhaftesten Vorstellungen. Eduard war bereit, sich selbst über den Bach zu wagen, nur um sie desto eher zu beruhigen; hierin willigte sie aber auf keinen Fall ein. – "Wollen Sie mich hier allein lassen", rief sie, "und sich selbst in Gefahr geben? Das würde ja meine Angst noch vermehren?" Sie versprach endlich, geduldig den Tag abzuwarten. Nun wollte sie versuchen aufzustehen, sie fühlte aber eine solche Mattigkeit und so grosse Schmerzen an ihren Füssen, dass sie sich entschliessen musste, im Bette zu bleiben.
Die Müllerin hatte ein Abendessen bereitet. Eduard und Florentin setzten sich vor das Bett; auf eine solche Ermüdung fehlte es unsern jungen Wanderern nicht an Esslust, und wären die speisen auch noch so niedlich und sorgfältig zubereitet gewesen, es würde ihnen dennoch gewiss trefflich geschmeckt haben; an diesen hatte aber die Müllerin wirklich ihre ganze Kunst verschwendet, um ihre Gäste nach Würden zu bewirten, die sie anfangs zu ihrer grossen Beschämung so verkannt hatte.
Es gelang den beiden Freunden, Julianen auf Augenblicke ihre Unruhe vergessen zu machen, und sie etwas zu erheitern. Sie fanden aufs neue gelegenheit über ihre Schönheit zu erstaunen. Die Blässe und die Mattigkeit in blick und stimme verlieh ihr neue Reize, und kontrastierte auf eine interessante Weise mit der Kleidung, die die Müllerin ihr geliehen hatte, die tüchtig und für das Bedürfnis gemacht, ihren zarten Gliedern nirgend anpassen wollte. Florentin wollte sie durchaus in dieser Umgebung zeichnen, damit sie sich künftig in ihrem höchsten Glanze der Nichtigkeit aller menschlichen Pracht erinnern möge. "Denn", setzte er hinzu, "wahrscheinlich wird diese Begebenheit doch die anstrengendste und abenteuerlichste sein, die Sie in Ihrem ganzen künftigen Leben erfahren werden." –
In den Blicken der beiden Liebenden leuchtete die innigste Zärtlichkeit hervor. – "Darf er so kühn unser künftiges Leben verspotten?" schien Juliane mit ihrem beseelten blick zu fragen; und in Eduards Augen las sie die Versicherung der ewigen Liebe, des unvergänglichen Glücks. Er hatte seinen Arm um sie geschlungen, sie lehnte das holde Gesicht an seine Schultern; die Seligkeit der Liebe hielt ihre Lippen verschlossen, sie sprachen nicht, und sagten sich doch alles.
Florentin war hinausgegangen und hatte sich an die Haustüre gelehnt. Er hörte auf die Wogen des Bachs, der sich reissend fortwälzte, und sprudelnd und schäumend über die Räder der Mühle hinstürzte; auf das Brausen des Windes im wald, und das friedliche Klappern innerhalb der Mühle. Es klang ihm wie vernehmliche Töne. Wie ein Wettgesang des tätigen zufriedenen Landmanns und des mutigen, ehrsüchtig drohenden Kriegers tönten Mühle und Waldsturm; der Bach rauschte in immer gleichen Gesängen ununterbrochen dazwischen, wie die ewige Zeit, allem Vergänglichen, allem Irdischen trotzend, und seine Bemühungen verhöhnend.
Er hörte im Wohnzimmer des Müllers laut reden, er schlich sich aus einem Anfall von Neugierde unter das offene Fenster, und hörte ein Gespräch zwischen dem Müller und seiner Frau an, das sie über ihre Gäste führten; diese Erscheinung mochte ihnen wunderlich genug vorkommen. – Der Müller konnte, wie es schien, die Sitte nicht billigen, die die vornehmen Leute einführen, inkognito zu reisen. "Man kennt sie nicht", rief er, "am Ende werde ich noch in jedem wandernden Gesellen einen verkleideten Prinzen, oder eine Prinzessin vermuten müssen, und mich in acht nehmen, dass ich ihm nicht zu nahe trete