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den Weg, ich schlich mich unbemerkt aus dem haus, und eilte aus der Gegend, so schnell als möglich. Ich war überzeugt, dass meine geschichte so höchst lächerlich, als sie wirklich war, und gewiss mit den unvorteilhaftesten Zusätzen, in Venedig herumkommen würde, und traute mich gar nicht, mich die erste Zeit wieder dort sehen zu lassen. Ich verliess also Venedig auf einige Monate, und zog aufs Land. Das war die Zeit, von der ich Ihnen erzählt, die ich unter Hirten auf dem land gelebt habe." –

"Dies ist gegen die Abrede, Florentin", sagte Juliane, "diese geschichte gehörte noch zu Ihren Konfessionen!"

Eilftes Kapitel

Die Zeichnung war beinahe ganz angelegt, als die Sonne sich auf einmal hinter eine dicke Wolke verbarg, die ein plötzlicher Wind von Abend her am Horizont herauftrieb; es donnerte in der Entfernung. Unsere Wanderer rafften sich auf, um vor dem nahenden Gewitter noch ein Dorf zu erreichen, von dem sie nicht weit entfernt waren. Das Wetter zog sich aber schneller zusammen, als sie dahin gelangen konnten. Ein Wirbelwind jagte den Staub wie eine dichte Wolke über ihnen empor, der Donner kam näher, die Blitze wurden stärker, einzelne grosse Regentropfen fielen. Juliane ward ängstlich, sie lief aus allen Kräften, bald versetzte der Sturm ihr den Atem, der Staub verdunkelte, und verletzte ihre Augen. Sie fürchtete ebensosehr auf freiem feld zu bleiben, als Schutz unten einem Baume zu suchen. Ihre Füsse waren vom Laufen auf den spitzen Steinen wund geworden, und sie stiess allentalben an.

Ein starker Blitz, dem der Donner gleich nachfolgte, fiel vor ihnen nieder, Julianes Knie wankten, sie fiel halb ohnmächtig zu Boden. Die beiden Freunde nahmen sie abwechselnd in ihre arme, und trugen sie fort. Das Gewitter war nun ganz nahe, Blitz und Donner wechselten unaufhörlich, der Regen strömte in Güssen herab.

In der Verwirrung verfehlten sie den rechten Weg zum dorf, sie irrten, für Julianes Gesundheit besorgt, ängstlich umher; endlich erblickten sie, indem sie an einem Bache hinaufgingen, am jenseitigen Ufer eine Mühle, die einsam im Tale lag, von Bergen umschlossen. Eine brücke ging nicht hinüber, sie riefen laut; aber der Sturm und das Rauschen des Bachs war lauter als ihre Stimmen. Endlich gelang es ihnen nach vielem Winken und Rufen bemerkt zu werden; einige Müllerburschen kamen mit einem Kahn zu ihnen herüber, nahmen die beiden Freunde und die von Angst und Müdigkeit halbtote Juliane ein und brachten sie nicht ohne Mühe über den vom Regen angeschwollenen Bach nach der Mühle.

Sie waren vom Müller und von seiner Frau nicht gekannt, wurden aber gastfrei aufgenommen. Eduards erste sorge war trockne Wäsche und Kleider für Julianen zu verschaffen. Eine neue Verlegenheit entstand. Sie mussten Julianens Geschlecht der Müllerin entdekken, diese war erstaunt und getraute sich nicht, ihnen zu glauben. Nach vielen Bitten und Beteurungen liess sie sich endlich bewegen, Wäsche und Kleider für Julianen herzugeben, und ihr bei der Umkleidung hülfreich zu sein, denn die arme war so erschöpft, dass sie kaum zu stehen vermochte. Während sie umgekleidet und zu Bette gebracht ward, war in der daranstossenden stube ein Kaminfeuer gemacht worden; Eduard und Florentin waren dabei beschäftigt, ihre Kleider zu trocknen. Die Müllerin trat aus der kammer, und berichtete ihnen, die Jungfer wäre eingeschlafen! Sie sah die jungen Leute mit misstrauenden neugierigen Blikken an. Sie konnte sich das Verhältnis auf keine rechtliche Weise erklären, in dem diese junge schöne person, von deren Geschlecht sie nun völlig überzeugt war, mit den beiden Männern stehen müsse. Sie hatte allerlei Vermutungen, schmiedete sich irgendeinen Zusammenhang, den sie ihnen in nicht gar feinen Wendungen deutlich zu verstehen gab. Zuletzt sagte sie etwas ängstlich: sie habe zwar ihre hülfe nicht versagen dürfen, aber weder sie noch ihr Mann würden gern Leute beherbergen, die sich zu verbergen Ursache hätten; und mehr solcher Redensarten, die eben keine günstige Meinung von ihren Gästen verrieten.

Die beiden belustigte ihre Besorgnis, und sie vermehrten sie mutwillig durch geheimnisvolle Bitten, sie nicht zu verraten. Florentin trieb tausend kleine Possen um sie her und suchte sie durch Schmeicheleien und artigen Scherz freundlich zu erhalten. Sie schien dafür auch gegen ihn besonders gefällig, und Eduard zog sie deshalb auf. Bald war sie so dreist gemacht, dass sie sich einige zweideutige Spässe über Julianen erlaubte, deren Stand sie weit entfernt war zu ahnden. Sie drang immer mehr mit fragen in sie, die aber nicht ernstaft beantwortet wurden. Der Müller war unterdessen seinen Geschäften nachgegangen, und hatte seiner Frau die sorge für die Wanderer überlassen.

Juliane erwachte nach einem kurzen Schlummer und hörte zu ihrer nicht geringen Beschämung die Zweifel und den Argwohn der Müllerin. Sie gab ein Zeichen, dass sie erwacht sei, Eduard eilte zu ihr ans Bett, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen; sie bat ihn, diesen für sie sehr verdrüsslichen Auftritt zu endigen, und die Frau über ihren Irrtum ernstaft aufzuklären; sie hatte zwar anfangs gewünscht, unbekannt zu bleiben, lieber wollte sie aber diesen Vorsatz aufgeben und ihren Namen entdecken, um den Vermutungen und den Zudringlichkeiten der Frau ein Ende zu machen. Eduard ging sogleich wieder hinaus, und verkündigte ihr nun, wen sie unter ihrem dach bewirte. Juliane rief sie zu sich, und bestätigte, was Eduard gesagt hatte; aber die Frau wollte ihnen durchaus nicht glauben. Alles was sie