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zu meiner Bestimmung gelange. Sobald man nur hoffen durfte, dass die Kälte nicht mehr zurückkehren würde, habe ich mich von Basel aufgemacht; ich habe einige schöne Teile von Deutschland durchreist, und fühle mich so gestärkt an Leib und Seele, dass ich nun meinen Entschluss gewiss auszuführen gedenke. Mich treibt etwas Unnennbares vorwärts, was ich mein Schicksal nennen muss. Es lebt etwas in mir, das mir zuruft, nicht zu verzagen, und nicht bloss zu leben, um zu leben, ich muss meinen Endzweck, ich muss das Glück, das ich ahnde, wirklich finden. –

Ihr wolltet es so, meine guten Freunde, da habt ihr also die Erzählung meiner wichtigsten begebenheiten. Es sind wunderliche Bilder der Vergangenheit in mir rege geworden, bei denen ich mich vielleicht zu lange aufgehalten habe, sie haben sich meiner bemeistert. Lasst es geheim zwischen uns bleiben, was ich euch erzählt habe. Es gibt Menschen, die das, was man ihnen sagt, selten so nehmen, wie man es sagt, und wie man es genommen haben will, sondern aus eigner Bewegung noch ganz etwas anders dahinter suchen und vermuten. Der Himmel gebe, dass euch meine Erzählung keine Langeweile gemacht, und dass ihr jetzt nicht übler von mir denkt als vorher."

Beide versicherten ihn ihrer freundschaftlichsten Teilnahme, und dass er ihnen vielmehr jetzt noch werter geworden sei. Sie unterhielten sich noch mit ihm über diese und jene Begebenheit, die ihnen aufgefallen war. Juliane erkundigte sich genauer nach den Namen, Verhältnissen und den Personen, die darin vorkommen. – "fragen Sie mich nicht um dergleichen Zufälligkeiten, liebe Juliane, sie gehören nicht auf die entfernteste Weise zu mir, und von mir sollte ich Ihnen erzählen! Hinz oder Kunz, es ist einerlei. Wenn es Ihnen so um den deutlichen Begriff der Persönlichkeit zu tun ist, so können Sie sich Personen nach Ihrer Bekanntschaft dazudenken, man findet sehr leicht passende Vorbilder. Und nun, bevor wir uns auf den Rückweg machen, lassen Sie uns noch erst tiefer ins Gebirge hineingehen, dort von dem Gipfel eines Bergs, den ich kenne, ist eine Aussicht, die ich, eh' die Sonne untergeht, zeichnen und Ihnen, lieben Freunde, als ein Gastgeschenk und ein Andenken dieses Tages zurücklassen will. Die Sonne steht nicht mehr hoch, es hat sich ein kleiner Wind erhoben, und Sie können ohne Beschwerde gehen, Juliane." –

Jene waren es wohl zufrieden, man machte sich auf den Weg, und im Gehen sagte Florentin: "Jene Aussicht habe ich aus einem ganz besonderen Grund zum Abzeichnen ersehen. Man sieht von dort ein Haus, das mich durch seine Bauart und eine Ähnlichkeit in der Lage an eine lustige geschichte erinnert, die ich euch noch erzählen will. Ihr mögt euch meiner dabei erinnern, wenn ich fern bin, und ihr die Zeichnung beschaut in friedlichen Tagen.

Als ich in Venedig war, liess ich mich in einer der schönen Nächte mit einigen Leuten auf dem Golfo herumfahren. Wir machten Musik, und waren voller Mutwillen und Lust. Einer unter ihnen hatte eine gute Freundin, die in einem Landhause nicht weit vom Ufer wohnte, es fiel ihm ein, ihr eine Musik unter ihrem Fenster zu bringen, und er bat uns ihn zu begleiten: wir willigten ein, und stiegen ans Land. Die Musik ward gebracht, und so gnädig aufgenommen, dass man uns alle einlud ins Haus zu kommen, um Erfrischungen einzunehmen. Der gute Freund ging sogleich hinein, wir andern entfernten uns bescheiden, nachdem wir einen Ort bestimmt hatten, an dem wir uns wieder zusammenfinden wollten. Wir zerstreuten uns; was die andern anfingen weiss ich nicht; ich ging am Ufer des Golfo entlang, freute mich über die entzückende Aussicht, die in glänzendem Mondlicht vor mir lag, und hörte dem Gesang der Gondoliere zu, und der verschiedenen Musik auf den Gondeln, die hin und her schwammen. So fortwandelnd, sah ich mich auf einmal vor einem Gitter, das ein anmutiges Blumenparterre umschloss, von dem die Gerüche die Luft um mich her durchwürzten. Am andern Ende des Parterrs, dem Gitter gegenüber, war ein Haus sichtbar mit einem Balkon, der nur wenig von der Erde erhöht war, auf demselben standen die Türen offen, die nach einem Zimmer zu führen schienen, aus dem ein helles Licht schimmerte, und der Gesang einer weiblichen stimme, von einer Gitarre begleitet, erscholl. Das Ganze zog mich hinlänglich an, um mich etwas näher umzusehen. In einem Augenblick sprang ich über das Gitter, und stand dicht vor dem Balkon, wo ich das ganze Zimmer hinter demselben übersehen konnte.

Es war ein niedlich gebauter Salon, der so geschmackvoll und zugleich prächtig dekoriert war, als ich es selten gesehen habe. Besonders zog meine Blikke ein schöner Fussteppich an, mit grünem Grund, auf den zerstreute Rosen eingewirkt waren, der sich gegen die glänzenden mit Gold verzierten Wände sehr schön ausnahm. Das Ganze ward von einem kristallnen Kronleuchter zauberisch beleuchtet. Eine schöne junge Frau, im leichtesten zierlichsten Gewande, die schwarzen Haare oben auf dem kopf zusammengeknüpft, ging singend auf diesem Teppich mit leichtem Fuss umher, in ihrem Arm ruhte die Gitarre, die sie mit vieler Anmut spielte. Einige grosse Spiegel an der gegen mir überstehenden Wand vervielfachten das Bild der reizenden Gestalt im Vorüberschweben. Ich war wie festgebannt, ich konnte mich nicht satt sehen. Sie legte die Gitarre hin, und zog