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, seinen alten Freunden öffentlich viel zu sein, müsse er Verzicht tun; heimlich könne er aber manches für sie tun. Seine Anverwandten und die Familie seiner Gemahlin, die jetzt zu seinem Glück alles getan habe, müsse er durchaus hierin schonen, und ihnen nicht das Zutrauen nehmen, dass er von seiner Neigung zur Verschwendung geheilt sei, wovon sie immer noch einen Rückfall befürchten. Da sie nun seinen Aufentalt in Italien als den Hauptgrund seines Verderbens ansähen, so sei ihnen alles verdächtig, was von dort herkomme, besonders alle Künstler, und was damit zusammenhänge. Jetzt sei die ganze Familie noch in seinem haus zu den Vermählungsfesten versammelt, und er sowohl als ich würden viel von ihrer Übeln Laune und ihrem Verdacht zu leiden haben, wenn er mich als Künstler und Bekanntschaft aus Italien bei ihnen einführen wollte; das, was er mir schuldig sei, was ich für ihn getan, komme in keinen Betracht bei ihnen, da er jene geschichte mit einigen andern Umständen erzählt habe, und sie nur die Summe berechneten, die er an jenem Abend im Spiel verloren. Seine Freundschaft und ewige Dankbarkeit sei noch immer dieselbe für mich; ich sollte nur erst eine andre Toilette machen, und in einem Wagen oder zu Pferde bei ihm ankommen, dann wollte er mich unter fremdem Namen, als Graf oder Marquis vorstellen, unter diesem Titel könnte ich eine Zeitlang, wie zum Besuch, bei ihm bleiben. Alsdann wollte er mir eine bequeme gelegenheit, nach Frankreich zu reisen, verschaffen, und mir einige sehr gute Empfehlungen dortin mitgeben. Sollte ich mich aber nicht in diese Massregeln fügen können, so möchte ich wenigstens nicht die kleinen Beweise seiner Dankbarkeit und Freundschaft verschmähen, und erlauben, dass er sich zum teil der grossen Verbindlichkeiten entledige, die er mir habe. Wo ich auch wäre, sollte ich mich seiner erinnern, und immer auf seine Freundschaft rechnen. Währenddessen hatte der grossmütige Lord einen Geldbeutel hervorgezogen und ihn neben mir auf die Bank hingelegt.

Als ich merkte, dass er nichts mehr zu sagen hatte, und irgendeine Antwort erwartete, stand ich auf, setzte meinen Hut gelassen auf, wandte mich und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Überdies war auch eben die Sonne untergesunken. Wie lange er mir nachgesehen haben mag, weiss ich nicht.

Mir war leichter, da ich hinausging, als da ich hereintrat. Der Auftritt hatte meiner Laune ganz wohl getan, mir war so leicht wieder zu Sinn, als seit lange nicht; es war mir, als hätte ich eine grosse Rechnung im Leben abgeschlossen, und könnte nun auf neues Konto wieder anfangen.

Ich genoss im nahen Gastofe einiger ruhigen Stunden, in denen ich überlegte, was ich nun tun wolle? Zur Armee konnte ich noch nicht, ich hätte bei meiner angegriffenen Gesundheit das Soldatenleben nicht ertragen, es ging überdies zum Winter. Ich ging zurück nach London, verkaufte meine überflüssigen Habseligkeiten, und so mit recht frischem heiterm Sinn, der nicht wenig dazu beitrug, dass ich bald wieder Kräfte und Gesundheit erlangte, verliess ich England und schüttelte den Staub von meinen Füssen, als ich wieder zu Calais anlangte.

Im südlichen Frankreich hoffte ich zuerst meine Gesundheit wiederzuerlangen, ich beschloss also hinzuwandern und den Winter unter jenem milden Himmel abzuwarten. Den Fussreisen fing ich an vielen Geschmack abzugewinnen; es gibt keine lustigere und abenteuerlichere Art zu reisen, wenn es einem eben nicht darauf ankömmt etwas später an das Ziel seiner Reise zu gelangen, oder wenn man, was noch schöner ist, seiner Reise kein Ziel zu setzen braucht.

Freilich musste ich nun wieder zum Porträtmalen meine Zuflucht nehmen, um durchzukommen. Es ward mir aber schwerer und zuletzt ganz unmöglich, eine Kunst, die die Göttin, das Glück und die Gefährtin meiner schönen und glücklichen Tage gewesen war, im Unglück als Magd zu gebrauchen. Ich behalf mich oft lieber äusserst kümmerlich, litt manchen Tag lieber wirklich Not, ehe ich mich dazu entschloss. Ich half mir sinnreich genug, und auf unzählige Weisen durch; eine der angenehmsten war mir darunter, als Spielmann von Dorf zu Dorf versorgt zu werden.

Auf meiner Wandrung machte ich zufällig die Bekanntschaft eines Schweizers, der mit seiner kranken Frau den Winter in Frankreich zubringen wollte, um sie wenigstens so lang als möglich zu erhalten, da keine Hoffnung zu ihrer völligen Wiederherstellung war. Sie starb während des Winters, und er, der über ihren Verlust sehr trauerte, bat mich, ihm auf seiner Rückreise nach Basel Gesellschaft zu leisten. Ich nahm es gern an, ich hatte die Schweiz noch nicht gesehen. Um sich zu erheitern, reiste er nicht geradezu nach Basel, wo er wohnte, sondern begleitete mich vorher auf meinen Zügen in den Alpen. Ich machte einige gutgelungene Zeichnungen, die er behielt. Unter diesen Beschäftigungen verstrich wieder der Sommer; nun ging ich mit ihm nach Basel, wo ich durch ihn in einigen artigen Häusern bekannt ward.

Die Härte des Winters hielt mich lang in Basel, währenddem gab ich Unterricht im Zeichnen und Malen. Einigen liebenswürdigen Menschen dort habe ich gar vieles zu verdanken, ohne dass sie es vielleicht ahnden. Auf ihren Rat, und durch ihr Lob aufmerksam gemacht, lernte ich Deutsch und einige eurer guten Dichter kennen. Sie gaben mir glückliche Stunden, und rechtfertigten meine Vorliebe für die Deutschen. Ich ward durch sie bewogen noch erst durch Deutschland zu reisen, und mich noch länger den Stürmen eines Ungewissen Lebens hinzugeben, eh' ich