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zu hülfe gerufen worden, und wirklich hingeeilt sind. Diese Maske nun ist mein sehr guter Freund, der es weiss, dass ich Ihnen gewogen bin, er hat mich also, kurz vorher, ehe Sie kamen, von allem unterrichtet. Das Zeugnis abzulegen darf er nun einmal nicht versagen; aber wenigstens sind Sie gewarnt. Eilen Sie nach haus, sorgen Sie, dass man keine Papiere bei Ihnen findet!' –

Ich musste sogleich fort; auf der Treppe, wie ich hinuntergehe, kommt der eine meiner jungen Deutschen atemlos mir entgegen. 'Gottlob, dass ich Sie finde!' rief er mir zu, 'Sie müssen fort, gleich auf der Stelle. Ich begleite Sie bis hinaus, und erzähle Ihnen unterwegens.' Ich war ohne Geld, von dem jungen Künstler war nichts Überflüssiges zu erwarten. Er musste einen Augenblick auf mich warten, ich ging wieder zur Gesellschaft zurück; meine Freundin mochte mir meine Bestürzung ansehen, sie kam mir entgegen, ich vertraute ihr meine Verlegenheit, sie half mir auf der Stelle heraus, nach einem kurzen zärtlichen Abschied verliess ich sie und Venedig.

Ich eilte mit meinem deutschen Freunde durch lauter enge Gässchen, und wir kamen glücklich hinaus. Er erzählte mir nun, dass er und sein Freund mich hätten in meiner wohnung besuchen wollen, zu ihrem Schrecken hätten sie aber Gerichtspersonen bei mir gefunden, die alles durchsucht, und meine Briefe und Papiere durchgelesen hätten. Aus den verwirrten Reden, die ihnen entfallen wären, hätten sie ungefähr vernehmen können, wessen man mich beschuldigte. Sie wären darauf fortgeeilt mich aufzusuchen, und mir zu helfen, dass ich fortkäme. Glücklicherweise wäre ihnen nicht weit von meiner wohnung mein Bedienter begegnet, von diesem hätten sie erfahren, wo ich hingegangen sei.

Ich musste fort, das sah ich ein. Meine Papiere waren allein schon hinreichend mir den Prozess zu machen. Ausser einigen launenhaften possenmässigen Sachen, die ich zu meiner Lust aufgesetzt, in denen ich das würdige Venedig nicht geschont hatte, waren auch einige Briefe und Billetts vorhanden von Frauen, welche die Richter etwas nahe angingen, und die ich unvorsichtigerweise nicht vernichtet hatte. Gnade war also nicht zu hoffen. Ich machte mich sogleich auf den Weg, und empfahl meinen guten Deutschen mich bald in Rom aufzusuchen. Sie versprachen es mir. Der Aufentalt in Venedig war ihnen durch diese Begebenheit verleidet, auch hatten sie in der Tat viel anhänglichkeit für mich.Sie wollten durchaus etwas Deutsches an mir finden, ich hätte es ihnen gern und mit Vergnügen geglaubt, hätten die Lords nicht zu gleicher Zeit behauptet, ich habe viel von einem Engländer an mir."

Zehntes Kapitel

"Auf meiner einsamen Reise hatte ich Raum etwas nachzudenken. Mir war, als hätte mich ein bezauberter Wirbelwind aus Venedig und allen Verhältnissen gerissen. War es aber das Plötzliche des ganzen Ereignisses, oder war es, dass mein Leben in Venedig mich beschäftigt hatte, ohne mich zu interessieren, kurz mir schwebte das Ganze wie längst vergangen nur entfernt im Gedächtnis, ich konnte meine Wünsche und meine Gedanken alle vorwärts richten, nichts zog mich zurück. Dies machte mich aufmerksam auf mich selbst, und auf die Leere meiner geführten Lebensart.

Ich dachte an Manfredi, ich wünschte bei ihm zu sein; zu gleicher Zeit fühlte ich eine gewisse Abneigung, mich jetzt schon dem Soldatenstand zu ergeben. Das Leben eines Soldaten in Friedenszeit schien mir eine lustige Sklaverei, nicht viel besser als Lakaiendienst, und nur durch herrschendes Vorurteil darüber hinausgesetzt. Soldat wollte ich zwar sein, dabei blieb es, dies war der Hintergrund meines Lebensplanes, aber nicht in einer Garnison, nicht bei einer stehenden Armee. Ich wollte nie für den Despotismus, nie für eine unbekannte, oder gar nach meinen Begriffen ungerechte Sache fechten. Wie die Helden des Altertums, wollte ich nur für die Freiheit streiten, und in erkämpftem Frieden, ruhig, frei, mein eigen sein. Bei dem Gedanken an die Helden des Altertums ward mir zugleich der an mein Vorhaben wieder rege, die Kunst der Alten in Rom zu studieren. Jetzt fühlte ich ganz bestimmt den Trieb dazu aufs neue in mir erwachen, und ich beschloss meine ganze Zeit und mein Leben in Rom dazu anzuwenden. Sobald ich dort ankam, machte ich auch gleich alle Anstalten, einsam und fleissig meinen Plan auszuführen. Er schien mir so gut und so würdig, dass ich davon an Manfredi schrieb, und nachdem ich ihm meine letzte Begebenheit mitgeteilt, wendete ich meine ganze Beredsamkeit an, ihn zu bewegen, dass er sogleich seine Kompanie in Stich lassen und zu mir nach Rom kommen sollte, um mir nachzuahmen.

Ich bekam nach einiger Zeit eine freundschaftliche Antwort von meinem guten Manfredi. Zu mir könnte er aber nicht kommen, der Marchese halte es nicht für ratsam, dass er seine Laufbahn unterbreche, und habe es ihm untersagt. Meine Katastrophe in Venedig habe er schon durch seinen Vater erfahren, der überaus aufgebracht wegen meiner Unbesonnenheiten gewesen sei. Man hatte es ihm nämlich aus Venedig mit allen möglichen Verkehrteiten und Verfälschungen berichtet. Vom Anteil an der Mordtat sprach er mich übrigens zwar frei, aber ich hätte mich niemals, meinte er, in solche gefährliche Gesellschaften mischen sollen. Da ich aber doch die Ehre nicht verletzt hätte, so habe er noch nicht aufgehört, sich für mich zu interessieren, und es sei ihm erfreulich gewesen, aus meinem Briefe an Manfredi zu erfahren, dass ich in Rom sei. Auch habe er gar