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doch nun einmal geschehen, und nicht zu ändern sein wird. Dann hole ich sie wieder von Venedig ab, sie werden beide glücklich sein, und werden mir ihr Glück danken; ich habe dann redlich meine grosse Schuld gegen Manfredi abgetragen. Wir haben unser Leben gewagt für die gute Sache, wir haben den Priestern ein Schlachtopfer aus den Händen gewunden! Das Bewusstsein dieser grossen Handlung wird uns auf ewig stärken und erheben, und unser Trost im tod sein, wenn wir dem Versuche unterliegen sollten! –

Mit diesen hohen Worten, die wir wechselsweise einander zuriefen, und uns die Köpfe immer mehr erhitzten, eilten wir an die Ausführung des grossen Werks. Von den unzähligen Schwierigkeiten fiel uns keine ein. Anfangs ging alles dem Plane gemäss. Wir reisten ab, kamen an, wohnten im strengsten Inkognito vor dem Tore in einem unbekannten haus. Den Morgen nach unsrer Ankunft erzählte uns unsre Wirtin: es werde heute in dem Nonnenkloster ein grosses fest gefeiert, wo die ganze Stadt gewiss hinströmen würde, um es anzusehen, sie selbst wolle auch nicht zurückbleiben; sie bat uns daher, mit unsrer Abreise zu eilen, wenn wir nicht etwa auch Zuschauer abgeben wollten. Es würden drei vornehme fräulein heute ihr Gelübde ablegen, die alle drei schön und fromm wie die heiligen Engel wären, und es wohl verdienten, glückselige Bräute des himmels zu werden. Das wäre ein sehr schönes und erbauliches Schauspiel, auch freute man sich schon, die heiligen Reden des vortrefflichen Priors zu hören und seinen Segen zu erhalten. Sie nannte den wohlbekannten Namen des Priors, und mein ganzer Eifer entbrannte aufs neue. Manfredi eilte, seine Aufträge zu besorgen, ich in die Kirche des Klosters.

Es war noch sehr früh, das Volk versammelte sich allmählich, mir ward die Zeit lang. Ich ging wieder hinaus, um mir den nächsten gang nach dem Garten, und durch denselben nach der Mauer, recht zu merken. In der Tür begegnete mir meine alte Wärterin; ich wandte mich von ihr, um mich zu verbergen, sie hatte mich aber schon erkannt und guckte mich scharf an. 'Mein Jesus! sind Sie wahrhaftig hier; kommen Sie nur gleich mit mir zum fräulein, sie erwartet Sie schon, folgen Sie mir nur. Ei, ei, Sie sind wirklich gekommen!'Ihre Anrede befremdete mich, ich suchte sie so vorsichtig als möglich auszuforschen, sie wusste aber nichts weiter, konnte mir auf keine Frage antworten, als dass sie mich zu meiner Schwester führen sollte, die mich sprechen müsste, ich folgte ihr also. Sie öffnete eine Tür, ich trat hinein, und sah meine Schwester in prächtigem Brautschmuck in den Armen meiner Mutter, die sie mit Schmeicheleien und Küssen bedeckte. Meine Schwester schrie laut auf, als sie mich gewahr ward, ihr Gesicht in beiden Händen bergend; dann kam sie auf mich zu:

'Vergib mir!' rief sie, und fiel mir um den Hals, 'vergib mir, Guter, und lebe wohl!' Sie wollte noch sprechen, meine Mutter verhinderte sie aber daran. 'Geh, meine fromme Tochter!' sagte sie, 'lass mich mit ihm allein.' Meine Schwester ging hinaus, ich war unbeweglich und stumm vor Erstaunen. Meine Mutter fing wieder an: 'Ich habe nur wenig Zeit, Florentin, mich mit dir zu unterhalten. Dein entsetzliches gottloses Vorhaben ist entdeckt! Sei ewig gepriesen von mir, gebenedeite Jungfrau, dass du das Herz meines Kindes gerührt hast, eh' es unwiderruflich verloren war! In dieser Nacht, die das arme Kind in der Angst ihres Herzens unruhig und schlaflos zubrachte, ward es ihr in einer wundervollen Erscheinung offenbar, dass sie auf schlimmem Wege sei, und im Begriff ihre Seele ewiger Verdammnis zu übergeben, und mit ihr zwei andre Seelen noch, die leider, ach! vielleicht nicht mehr zu retten sind. Ein Strahl der ewigen Gnade hat das geliebte Kind des himmels erleuchtet, und sie fest im Entschluss zum Guten gemacht. Diesen Morgen, als ich ihr den Brautschmuck anlegen half, und mich ihrer Schönheit im Herzen erfreute, hat sie mir euer Vorhaben entdeckt, und deinen Brief gezeigt. Florentin, ich will jetzt nichts davon erwähnen, wie sehr es mich beugte, noch steht es bei dir, mich in hoher Himmelsfreude wieder aufzurichten. Auf mein Geheiss hat das fromme Kind gebeichtet, und ihre Seele von aller Angst lösen lassen. Der Prior, dem sie die beichte abgelegt, weiss nun alles; auch habe ich soeben eine Unterredung mit ihm deinetwegen gehabt. Du hast dich schwer vergangen, er kann und darf es nicht verhindern, dass du schwer dafür büssest. Ein einziges Mittel gibt es noch, dich mit dem Himmel zu versöhnen. Entsage der Welt, lebe in Ruhe im Schoss der Kirche!' – 'Nimmer, nimmermehr, Mutter!' rief ich in höchster Bewegung. – 'Nein? durchaus nicht? Nun so fliehe, eile von hier weg, es ist das einzige, was ich für dich tun kann, wenn ich dich aufs schnellste entfliehen heisse, denn hier bist du jetzt keinen Augenblick in Sicherheit, mein Herz blutet für dich, glaube mir das! Hier, nimm diesen Beutel! Was er entält, ist alles, was du jemals von mir zu erwarten hast. Dein weiteres Fortkommen bleibt dir selbst überlassen; du hast dir ein müh- und sorgenvolles Leben erwählt, nun musst du es