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zärtlich; sie beugte sich gegen Florentin, er berührte freundlich lächelnd ihre Stirn mit seinen Lippen.

Achtes Kapitel

Nach einer Pause fing Florentin wieder an:

"Wir waren ungefähr zwei Jahre auf der Akademie, unsre Übungen waren vollendet, wir sprachen schon von unsrer Rückreise und meinem weitern Fortkommen, als ganz unerwartet ein Brief an mich ankam, er war von meiner Schwester. Der Tag ihrer Einkleidung sei bestimmt, schrieb sie mir, und sehr nah, sie wolle also von mir und meinem Freunde schriftlich Abschied nehmen, und mich meines Versprechens, ihr zu helfen, entlassen, denn sie dürfe jetzt nicht mehr auf die Ausführung desselben hoffen. Sie sei nun entschlossen, sich drein zu ergeben; auch hoffe sie, es würde ihr gewiss am Ende gut gehen, denn seit dem Jahre, dass sie nun im Kloster gelebt, habe sie viel Liebe und Freundlichkeit von den Nonnen erfahren; sie habe auch schon einige gute Freundinnen, die sie sehr liebe, die sie wieder zärtlich lieben, und mit denen sie immer zusammen sei, das sei doch eine Freude, die sie bei der Mutter entbehre, wo sie ebenso streng eingezogen leben müsse, als im Kloster, und dabei ganz allein, ohne eine Gespielin ihres Alters zu haben. Sie wünsche sehr von mir und Manfredi mündlich Abschied zu nehmen, wir sollten es doch möglich zu machen suchen, zurückzukommen, um bei der feierlichen Einkleidung zugegen zu sein, und sie in ihrem Schmuck zu sehen, denn sie würde ganz herrlich geschmückt sein, die Mutter hätte ihr für ihren Gehorsam einen reichen Anzug zur Zeremonie gegeben, und so viel Geld zu guten Werken, als sie nur immer verlangte. Ihre vorige Hofmeisterin habe diesen Brief zu bestellen übernommen, aus alter Liebe für ihre Pflegekinder, und wolle ihr auch meine Antwort überbringen, wenn ich ihr eine schreiben wollte.

Dies war ungefähr der Inhalt ihres Briefes. Die Unschuld aber, das Unbewusste, Einfältige, das aus jedem Wort hervorblickte, kann ich nicht ausdrücken. Wir wurden beide auf eine eigne Weise von der Beschränkteit gerührt, und Manfredi erinnerte sich dabei mit vieler Zärtlichkeit der süssen Gestalt und der frommen kleinen Miene. Ich beschloss auf der Stelle, sie zu retten, wenn Manfredi mir zur Ausführung helfen wollte. Dieser war nicht so bald zu bewegen, aber ich hatte ihm das Geständnis abgedrungen, dass ihr rührendes Bild, so wie er es durch die Planke des Gartens erblickt hatte, jetzt aufs neue mit grossen Ansprüchen auf seine hülfe vor ihn träte, dass er es eigentlich noch nie aus seiner Seele verloren habe, kurz dass er sie liebe, und gewiss glücklich sein würde, wenn er sich mit ihr verbinden dürfte. Überdem hatte ich ihr hülfe versprochen, und sie schien sogar auf ihn gerechnet zu haben; er ward endlich überredet, dass unsre Unternehmung gerecht und ehrenvoll sei, und versprach mir seine hülfe. Und nun ward ein allerliebster Plan verabredet, der so toll war, dass es uns alle drei, wenn er gelungen wäre, ins tiefste Elend gezogen hätte. Uns kam aber damals nichts leichter, nichts natürlicher vor.

Meiner Schwester schrieb ich in wenigen Worten: Ich wolle mein Versprechen mit Manfredis hülfe erfüllen. Sie solle alles tun, was man von ihr verlangte, nur sorge tragen, dass sie nicht die erste sei, die an dem Tage das Gelübde ablegte. Sie werde mich in dem Augenblick sehen, wenn sie zum Altar gehen müsse, dann solle sie sich gefasst halten, mir auf meinen Wink zu folgen. Mit Manfredi hatte ich verabredet, gleich zurückzureisen, ohne es jemand wissen zu lassen, ohne uns zu zeigen, und den Tag der Einkleidung in einem entlegenen haus vor dem Tor zu erwarten. Dann wollte ich ganz eingehüllt ins Kloster gehen, und mich unter das Gedränge mischen; wenn dann meine Schwester sich mit der Begleitung aller Angehörigen durch die Menge drängte, um zum Altar zu gelangen, und alles aufmerksam auf die Himmelsbräute wäre, die vor ihr eingekleidet würden, dann sollte ich den Moment wahrnehmen, sie von den übrigen ab, und zur Tür zurückführen, sie dann schnell in einen Mantel verhüllen, den ich über meinen eigenen hängen wollte, und mit ihr durch den nächsten gang in den Garten eilen. Da bei einer öffentlichen Feierlichkeit die Türen offen sind, oder doch nachlässig bewacht werden, so war von dieser Seite kein Hindernis zu befürchten. Manfredi musste unterdessen eine Strickleiter an die Mauer befestigt haben, und uns draussen mit einer Chaise und raschen Pferden erwarten; auch müsste er eine Männerkleidung in Bereitschaft halten, die meine Schwester sogleich anlegen könnte, wenn wir uns ausser der Stadt sähen, dann wollten wir, ohne zu rasten, nach Venedig reisen, dort würden sie sogleich getraut. Für die Einwilligung meiner Schwester war ich Bürge, ich war überzeugt, sie würde sich in ihrem neuen Lose besser und glücklicher finden, als in dem traurigen, wozu sie sich schon so geduldig gefügt hatte. Manfredi bleibt mit ihr in Venedig, ich reise zurück, versöhne den Marchese mit ihnen, der zu edel ist, um sie seinen Zorn lange empfinden zu lassen, besonders da diese Handlung seinen wahren grundsätzen gar nicht entgegen sein kann; was er uns damals darüber gesagt, war gewiss nur, um uns von allen weiteren Plänen abzuhalten, sein Ernst konnte es aber nicht sein. Ist nur erst der Marchese versöhnt, so muss es ihm leicht werden, auch unsre Mutter zu beruhigen, besonders da es