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es für die Töchter oft zur notwendigkeit den Schleier zu nehmen, und nach allem, was mir Manfredi sagt, scheint sie sich recht gut in dieses Schicksal zu fügen.' Ich wollte ihn vom Gegenteil überzeugen: – 'Nein, nein', fuhr er fort, 'es geht nicht an, für Ihre Schwester lässt sich nichts tun, und es wäre sehr gut, wenn ihr junge Herrn ihr nicht Hoffnung machtet, und sie von dem Wege ablenktet, den sie gehen muss. Was aber Sie betrifft, verhalten Sie sich ganz ruhig, Sie sollen bald frei sein. Ein Jüngling sollte niemals zum Kloster bestimmt werden, solange man noch Köpfe und arme in der Welt braucht, und solange es Armeen gibt.'

Ich folgte dem Marchese, und blieb ruhig auf meinem Zimmer, beim Pater wurden meine Aufträge widerrufen, und ihm nur empfohlen ein wachsames Auge auf das zu haben, was bei meiner Mutter vorginge, und es mir zu hinterbringen. Einige Tage darauf kam er besorgt zu mir, und erzählte: er wäre zu meiner Mutter gerufen worden, wo er den Prior gefunden hätte; beide hätten mit Heftigkeit geredet, indem er hineingetreten sei, und ihn scharf befragt: wo ich den Marchese gesprochen hätte? und bei welcher gelegenheit? Er, der Pater, hatte sich dann völlig entschuldigt, und versichert, er wüsste von nichts, er wollte mich aber darnach fragen. Dies wäre ihm gestattet worden, und nun wollte er sich bei mir erkundigen, was er berichten sollte? Es ward nun geschwind etwas ersonnen, das ziemlich glaubwürdig klang, und wobei der Pater zugleich von jedem Verdacht freiblieb, und alles allein auf mich fiel. Er gab mir zugleich Nachricht von einigen ernstaften Unterredungen, die meine Mutter mit dem Prior gehabt, endlich ward ich vorgerufen; der ehrwürdige Pater empfahl mir noch einmal sein Heil, und nun trat ich nicht ohne Herzklopfen und bange Erwartung in meiner Mutter Zimmer.

Hier hatte ich einen schweren Auftritt zu überstehen. Ich ward genau aber ohne Strenge vernommen; dann wandten sowohl meine Mutter als der Prior jede Überredung, jede Schmeichelei an, mich zu bewegen, dass ich mich freiwillig zum Kloster entschliessen sollte. Meine Mutter weinte, bat, rief mir jede Erinnerung ihrer mütterlichen Zärtlichkeit ins Gedächtnis zurück, beschwor mich mit aufgehobenen Händen, mit den rührendsten Gebärden, ihr alles was sie je für mich geduldet hätte durch diesen einzigen Entschluss, der das ewige Heil meiner Seele und ihrer eigenen sicherte, zu belohnen. Ich war wie gepeinigt, konnte nicht sprechen, nur durch meine Liebkosungen suchte ich sie zu beruhigen; im Schmerz, die Frau, die ich ehrte, so leiden zu sehen, und um meinetwillen aus sorge für meine ewige Seligkeit so leiden zu sehen, konnte ich durchaus meinen Widerwillen nicht wiederfinden; halb war ich erweicht, und wirklich in Gefahr nachzugeben; in dem Augenblick fing aber der Prior an, mit seiner fetten stimme, die mir in den Tod zuwider war, mir die grossen Vorteile der Abgeschiedenheit von dieser verderbten zur ewigen Verdammnis lebenden Welt vorzuzählen, und mir mit allen Höllenstrafen für meine Widersetzlichkeit gegen meine Mutter zu drohen. Da fiel mir mein guter Manfredi ein, und sein vortrefflicher Vater, und dass ich, wenn ich standhaft bliebe, ein Pferd haben und Soldat werden sollte; dies brachte mich zu mir selbst, und ich war gerettet. Dem Prior antwortete ich nicht, aber meiner Mutter mit einer für mein Alter seltnen Entschlossenheit und Festigkeit.

Wie es der Marchese angefangen hatte, begreife ich noch jetzt nicht; denn ich weiss gewiss, er hat mit meiner Mutter selbst nicht einmal gesprochen: kurz, ich ward befreit, und das Resultat aller Überlegungen und Unterredungen war, dass ich nach einer nicht sehr entfernten grossen Stadt, in die adelige Militärschule daselbst geschickt ward, um mich dort in den nötigen Übungen geschickt zu machen, eh ich in Dienste treten konnte. Mein Hofmeister, auf den nicht der geringste Verdacht fiel, bekam die Versorgung nun noch früher, als er gehofft hatte, er tröstete sich also für meinen Verlust, und mir war es auch nichts Geringes, ihn so auf gute Art loszuwerden. Der Abschied ward mir leicht; meine arme Schwester grämte sich aber recht herzlich, dass ich mich von ihr trennen musste. Das arme Kind war nun ganz den Menschen überlassen, die sich der Schwäche ihres Charakters bedienten, um sie nach ihrer Willkür zu lenken. Sie fühlte ihre Abhängigkeit, aber diese drückte sie nicht so wie mich; doch ich konnte es mir gar nicht denken, dass sie nicht ebenso unzufrieden sein müsste. Beim Abschied steckte ich ihr einen Zettel zu, ich riet ihr darin mir zu schreiben, wenn ich ihr helfen sollte, ihre Hofmeisterin würde mir zuliebe gewiss ihre Briefe bestellen.

Jetzt erwartete mich aber noch eine grosse Freude: Manfredi kam, und kündigte mir an, dass er mit mir reise. Er war zwar älter als ich, und hatte seine Übungen schon vollendet, da der Marchese ihn aber so jung nicht zum Regiment schicken wollte, so hatte er in die Bitte des Sohns gewilligt, in meiner Gesellschaft sich noch in manchen Dingen vollkommner zu machen, und mich auch, da ich so völlig ohne Welt war, und man mich auf eine so unverzeihlich nachlässige Weise ganz allein reisen liess, dort einzuführen, und meine Studien zu dirigieren. Auffallend war es in der Tat, wie man mich nach der strengsten Aufsicht plötzlich mir selbst