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vor Augen; mein Zustand kam mir ganz unleidlich vor; ich weinte heftig, ich war ausser mir, und in einem Zustande von Verzweiflung. Meine arme Schwester versuchte mich zu trösten; es gelang ihr aber nicht eher, bis sie mir versprach, sie wollte ihr möglichstes tun, mich mit dem Jüngling bekannt zu machen.

Wirklich gelang es ihr einige Tage darauf, ihn durch die Planke zu sprechen, und ihn zu bitten, den andern Tag in derselben Stunde wieder an dem Ort zu sein, zugleich sagte sie ihm von meiner Begierde, ihn zu sprechen. Sie gewann ihre Hofmeisterin für mich, die mir noch immer sehr gewogen war, öffentlich aber nichts für mich tun konnte.

Den andern Tag, als wir im Garten waren, entfernte sie sich um die bestimmte Zeit mit dem Pater und meiner Schwester, die nur unter der Bedingung nicht dabei zu sein, sie in ein so gewagtes Unternehmen hatte hineinziehen können. Ich blieb allein am bestimmten Ort, der Jüngling erschien bald darauf, nicht wenig neugierig auf eine so abenteuerliche Zusammenkunft. Mit wenigen Worten, und ohne Zeitverlust, sagte ich ihm kurz die Ursache, warum ich seine nähere Bekanntschaft wünschte, bei welcher gelegenheit ich ihn zuerst gesehen, und welche Hoffnung ich gleich beim ersten Anblick von ihm gefasst habe; zugleich machte ich ihn mit meiner ganzen Lage bekannt. Er nahm auf der Stelle den wärmsten Anteil an meiner Not, beklagte mich, versprach mir seine hülfe und seinen Rat in allem, was ich unternehmen wollte, und gewann mein ganzes Herz durch sein edles Wesen. Er bestärkte mich in meinem Vorsatz, mich mutig zu widersetzen, vorher aber sollte ich zu erlangen suchen, dass wir freundschaftlich zusammen umgehen könnten. Wir trennten uns, da ich die Stimmen der übrigen vernahm, mit dem gegenseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen.

Ich hatte neuen Mut durch diese Bekanntschaft gewonnen; und die erste wirkung war die, mich nicht ferner zu verstellen; jetzt verachtete ich meine Unterdrücker mehr, als ich sie fürchtete.

Den andern Morgen sagte ich dem Pater in einer ordentlichen Anrede: Ich dankte ihm für seine bisherige Bemühung, der er aber von nun an überhoben sein sollte, weil es mit meinen Studien vollkommen aus wäre! Wollte er mich aber etwa zum Studieren zwingen, so würde ich sogleich zu meiner Mutter gehen und es ihr selber sagen, dass ich unter keiner Bedingung ins Kloster gehen, noch auch die geistlichen Studien weiter fortsetzen wolle; ich sei fest entschlossen und ganz bereit, mich jeder Begegnung auszusetzen, um mich freizumachen. Der Pater war wie aus den Wolken gefallen, als er mich diese Sprache führen hörte, und wollte einiges versuchen, mich wieder zum alten Gehorsam zu bringen; da er mich aber unwandelbar entschlossen sah, nahm er plötzlich eine ganz andre Miene an. Der arme Teufel mochte wohl fürchten, seine gute einträgliche Stelle, und die künftige Versorgung, die ihm der Prior zugesagt hatte, zu verlieren, wenn ich mich meiner Mutter entdeckte; er wusste, diese würde den Fall sogleich dem Prior mitteilen, der dann vor allen Dingen einen andern Hofmeister für den rebellischen Knaben herbeischaffen würde; eine Veranstaltung, die zuerst den Pater zu seinem eignen Nachteil hätte betreffen müssen. Nach einigem Bedenken fragte er mich nach meinem Plan, sagte viel zu seiner Verteidigung: wie ich ihn verkennte, wie er mich im Herzen immer bedauert hätte, und mir aufrichtig zugetan sei; da es ihm aber aufgetragen wäre, mich so zu behandeln, so hätte er seine Pflicht doch tun müssen. Verlassen wollte er mich aber auf keinen Fall, und hier würde Gott es ihm verzeihen, wenn er, im Zweifel über seine Pflicht, seinem Herzen folgte; und was der Worte mehr waren. Sobald ich nur merkte, dass es sein Vorteil sei, mir nichts in den Weg zu legen, hörte ich nicht weiter darauf. Alles was er für mich tun könnte, sagte ich ihm, wäre, mir die Erlaubnis zu geben, dass ich den Sohn unsers Nachbars, des Marchese, besuchen dürfte, mir auch unverzüglich und insgeheim ein Pferd und eine anständige Kleidung für mich anzuschaffen, dies alles dann dem jungen Manfredi zu überbringen, und soviel möglich mir zum Ausgehen zu verhelfen.

Er versprach alles, nur sollte ich sorge tragen, dass er mich nicht verlassen dürfte; ich gab ihm mein Wort, und von dem Augenblick schwur er mir ganz ergeben zu sein. – Ich traute ihm viel zu leicht: wahrscheinlich hätte er mich bei der nächsten gelegenheit verraten, wenn er Zeit dazu gefunden hätte, aber es nahm schneller eine gute Wendung, als ich selber hoffen durfte. Ich ging sogleich zu meinem jungen Freunde, der Pater begleitete mich, damit es im haus keinen Verdacht erregte, wenn man mich ohne ihn ausgehen sähe. Zu meinem Freunde liess er mich aber allein, nachdem wir einen Ort verabredet hatten, wo wir uns jedesmal wieder antreffen wollten. Die Freude, die wahrhaft kindische Lust, als ich nun im Zimmer meines lieben Manfredi war, und in Freiheit mich mit ihm unterhalten konnte, beschreibe ich euch nicht. – Ich machte ihm bekannt, wie weit ich in der Insurrektion gekommen wäre, und dass er nun das Pferd, das mir der Pater verschaffen würde, versorgen, und meine Kleider bei sich verbergen möchte, die ich dann immer bei ihm anlegen wollte, sooft wir zusammen ausritten; denn dass ich gleich zuerst wollte reiten lernen, versteht sich von selbst