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weh getan, zurückgelassen, und ginge nun einer heitern Aussicht entgegen. Er konnte sich einbilden, vor einem Augenblicke gestorben und mit dieser bessern Empfindung in ein schöneres Dasein übergegangen zu sein. –

"Welche sehnende, ahndende Hoffnung treibt mich wieder zu euch Menschen? Warum ergebe ich mich denn aufs neue euren unsinnigen Anstalten? Ist es mir denn nicht bekannt, dass ich dessen, was ich bei euch suche, schon längst überdrüssig bin?... Schön ist's hier im Wald! hier möchte ich bleiben,... O hier, hier sollte ich bleiben!... allein?... ach, nicht allein!... mit ihr!... noch hat mein Auge sie nicht gesehen, aber ich kenne sie,... o sie wird alles verlassen, was sie halten will, und hat sie mich gefunden, mir hierher folgen, und hier mit mir der Liebe leben. Lass dich in meine arme fassen! komm, ruhe hier aus an diesem Herzen, das harte Schläge des Schicksals erlitten hat wie deines; lass mich deine Tränen trocknen, blick um dich. Was du verliessest, war nicht die Welt: Fesseln, enge Mauern, nanntest du das die freie schöne Welt?... Schwer hast du geträumt, o erwache, erkenne hier, was du suchtest!..."

Nicht weit von ihm fiel ein Schuss, und bald darauf hörte man ein Rufen nach hülfe. Im Augenblicke hatte er Sattel und Bügel wieder in Ordnung gebracht, seine Träume, des Schimmels Müdigkeit, so wie seine eigne vergessen, sich aufs Pferd geschwungen und nach der Gegend hingespornt, von wo er die stimme vernahm; er kam auf einen kleinen runden dicht umschlossnen Platz im dicksten teil des Waldes; hier sprengte ihm hastig ein reichgekleideter Jockei entgegen, der ein gesatteltes Handpferd führte. "Retten Sie meinen gnädigen Herrn!" rief der Knabe. Unser Reisender sah nach der Gegend hin, wo der Knabe mit ängstlicher Gebärde hinzeigte, und erblickte einen ältlichen Mann, der eben im Begriff war, ein wildes Schwein abzufangen; er sah eben, wie der Mann noch einen Schritt zurücktrat, um sich mit dem rücken an einen Baum lehnen zu können, sah ihn an eine Baumwurzel stossen, rücklings niederfallen, und in der grössten Gefahr, von der gereizten Sau zerfleischt zu werden. Im Moment sprang er vom Pferde und feuerte sein Pistol auf das Tier, wodurch er, ohne es zu treffen, seine ganze Wut auf sich zog: das war seine Absicht. Das erboste Tier kehrte um und rannte auf ihn los, er zog sein Jagdmesser und fing es mit Besonnenheit und Geistesgegenwart auf. Währenddessen war der alte Herr aufgestanden, näherte sich dem Reisenden und ergoss sich in Danksagungen und Lob wegen seines Mutes und seiner Geschicklichkeit. Dieser lehnte mit Anstand beides von sich ab, erkundigte sich freundlich, ob der Gefallne keinen Schaden genommen, und da dieser mit Nein antwortete, wandte er sich nach seinem Schimmel, der noch ruhig da stand, wo er ihn gelassen. Der Mann wunderte sich über die Demut eines sonst so mutig aussehenden Pferdes. – "So eifersüchtig ich sonst auch bin, nichts von meinem gefährten sagen zu lassen, als was zu seinem Lobe gereicht", erwiderte der Reisende, "so muss ich dennoch gestehen, dass er dieses Mal gezwungen ist, tugendhaft zu sein; das gute Tier ist erschöpft von Müdigkeit. Führt der Weg, auf dem ich hier vorbeikam, ganz durch den Wald, und wo führt er hin?" – Er hatte sich währenddem wieder aufgesetzt, begrüsste den alten Herrn und wollte zurückreiten. –

"Ich hoffte, Sie würden mich nicht so schnell wieder verlassen", sagte der alte Herr. "Sie haben sich das grösste Recht auf meine Dankbarkeit erworben, es würde mich schmerzen, wenn Sie mir alle gelegenheit rauben wollten, sie Ihnen zu bezeigen. Fügen Sie zu dem grossen Dienst, den Sie mir leisteten, auch noch den hinzu, sich meiner Familie vorstellen zu lassen. Meine Gemahlin, meine Kinder würden untröstlich sein, dem Retter meines Lebens nicht ihre Freude bezeigen zu können. Komm, mein Sohn!" rief er einem jungen mann zu, der auf einem Seitenwege zu ihnen heransprengte, vom Pferde sprang und mit besorglicher Freude auf ihn zueilte; "hilf mir diesen Herrn erbitten, dass er sich nicht in so grosser Eile von uns trennt, du verdankst ihm nichts weniger als das Leben deines Vaters." – "O mein Vater", rief der junge Mann, "dass ich mich gerade in diesem Moment entfernen musste, mein Gott, Sie waren so nahe... mein Herr", indem er sich zu dem Reisenden wandte, "Sie haben ein kostbares Leben gerettet, verschmähen Sie nicht den Dank einer liebenden Familie anzunehmen, die durch Ihre hülfe einem schrecklichen Unfall entging." – "Es würde unbescheiden von mir sein", antwortete er, "wenn ich mich länger widersetzte." – Der alte Herr bezeigte seine Freude über diesen Entschluss in vielen höflichen und verbindlichen Worten, der junge Mann reichte ihm die Hand herüber und sprach einiges, das den Ausdruck der höchsten Empfindung bezeichnete. Der Reisende brachte vollends alles an seinem Zeuge in Ordnung.

Jetzt eilten alle auf demselben Wege fort, auf dem er zuerst gekommen war. – "Aber wie ging es eigentlich zu?" fragte der