In jeder Meinung ging ich geflissentlich von der ihrigen ab, es war mir genug, dass jene etwas fest glaubten, um starke Zweifel in mir dagegen zu hegen, und gerade das Entgegengesetzte anzunehmen. Da ich nun meine Freidenkerei sorgfältig verbergen musste, so hielt ich mich heimlich für den Zwang schadlos; jeder Akt von Unabhängigkeit, auch der allerunbedeutendste, erfüllte meine Seele mit einem geheimen Triumph, und dass ich nicht gleich auf der Stelle für meine Unwahrheit von Gott bestraft wurde, befestigte mich in meiner Überzeugung. So lebte ich, in anscheinendem Frieden, innerlich in beständigem Krieg mit meinen Vorgesetzten, dachte auch, sie verachteten mich ebenso, wie ich sie, und suchten mich nur zu überlisten.
Wie ward ich nun überrascht und erschüttert, als ich bei einer Krankheit, die ich aus Stolz einige Tage verbarg, der ich aber endlich unterliegen musste, die Zärtlichkeit meiner Mutter und die Sorgfalt meines Hofmeisters für meine Genesung gewahr ward! Es waren die Blattern, die mit gefährlichen Symptomen herausbrachen. Einige Tage lag ich in heftigem Fieber ohne Bewusstsein; in dem Augenblick, als ich endlich zu mir kam, und noch ganz entkräftet die Augen aufschlug, war das erste, was ich unterscheiden konnte, der Anblick meiner Mutter, die auf ihren Knien lag, und mit heissen Tränen und geängstigtem Herzen Gebete für ihr Kind zum Himmel schickte. Ich machte eine Bewegung, sie kam zu mir, ich sah sie bleich und ihre Kleidung und Haare zerstreut und nicht in der gewöhnlichen Ordnung; ich erkundigte mich nach der Ursache, da hörte ich: sie wäre in den Nächten meiner Lebensgefahr nicht von meinem Bette gewichen, und hätte sich auch am Tage nicht von mir entfernen wollen, um gehörig auf ihrem Bette zu ruhn, oder sich umzukleiden. Ihre Freude, als sie gewahr ward, dass ich meine Besinnung wiedererlangt hätte, und sie mich wieder ruhig und zusammenhängend sprechen hörte, auch der Arzt versicherte, ich sei jetzt ausser aller Gefahr, war unbeschreiblich, und bewegte mich tief. Mein Zustand schien mir selbst höchst abschrekkend und ekelhaft; doch hielt er weder meine Mutter noch meinen Hofmeister ab, mir alle möglichen Dienste selbst zu leisten, und Erleichterungen zu verschaffen. Sie verliessen mich fast keinen Augenblick, begegneten mir mit nie erfahrner Freundlichkeit, und suchten mir sogar durch kleine Spiele diese Leidenszeit zu verkürzen. Trotz meiner körperlichen Schmerzen war ich zum erstenmal vergnügt; mein Herz erweichte sich gegen diejenigen, die ich für meine Feinde gehalten hatte, und die mich jetzt so freundlich und zärtlich behandelten. Mein Vergehen, sie als Feinde betrogen zu haben, fiel schwer auf mein Gewissen; es drängte mich, mich ihnen zu entdecken, und sie selbst um die Auflösung meiner Zweifel zu bitten. In dieser Aufwallung von frommer Treuherzigkeit legte ich eine vollständige beichte in Gegenwart meiner Mutter und des Paters ab; heisse Tränen entfielen meinen Augen bei dem Bekenntnis meiner Sünden! Der Moment war entscheidend, denn jetzt hing es von ihnen ab, mich auf immer für sich zu gewinnen. Die idee vom Kloster ausgenommen, war ich zu allem bereit, was von mir gefordert würde; ja auch zu diesem hätte ich mich vielleicht verleiten lassen, wenn sie mich mit weniger sichtbarer Absicht behandelt hätten; aber sie verstanden mich nicht, dies rettete mich.
Während meiner beichte waren beide sehr erschreckt, wegen der Tiefe meiner Ruchlosigkeit, wie mein Hofmeister sich ausdrückte, meine Mutter aber wegen meines weltlichen Hanges zur Unabhängigkeit, der durch keine geistliche Übung und Anstrengung zu unterdrücken sei. Während meiner Genesung ward ich mit Schonung behandelt, nur musste ich mehr noch als vorher, Gebete hersagen, und sonst allerlei von mir verachtete Dinge vornehmen. Mit unbeschreiblicher Geduld verrichtete ich alles, bloss aus gefälligkeit für die Menschen, die mich liebten, und die ich beleidigt hatte. Dass sie mir mein Unrecht nicht fühlen liessen, hatte ihnen mein ganzes Herz wiedergewonnen.
Ihr Betragen veränderte sich aber, je mehr ich wieder an Kräften zunahm. Mit der möglichsten Strenge ward ich beobachtet; zu unaufhörlichen, mir verabscheuungswürdigen Übungen angetrieben; nicht die allergeringste Freiheit ward mir verstattet; im haus der Mutter musste ich vollkommen so leben, als im Kloster; dabei zeigte man mir unaufhörlich das grösste Misstrauen. Ich fühlte mich hier so rein, war es mir bewusst, dass ich durch meine Aufrichtigkeit vielmehr ihr Zutrauen hätte erwerben sollen; ich fand jene so klein, so unedel in ihrem Misstrauen, und mich so unwürdig behandelt, dass mein Entschluss wieder aufs neue fest ward, mich zu befreien. Wie? und wann? das sah ich, unerfahren und kindisch wie ich war, durchaus nicht ein. Der Zufall kam mir zu hülfe.
Wir machten unsern gewöhnlichen Spaziergang im Garten; der Prior kam dazu und nahm unsre Aufseher auf die Seite, um etwas mit ihnen zu überlegen; ich blieb mit meiner Schwester in einem bedeckten gang allein. Auf einmal hörten wir auf dem Hof nebenan einige Stimmen und Pferdegetrappel; neugierig, wie jeder Eingekerkerte, guckten wir durch eine ziemlich grosse Öffnung der Planke, die unsern Garten von jenem hof trennte. Ich erblickte einen Jüngling, der sich in muntrer militärischer Tracht eben auf ein schönes Pferd schwang, und vom hof herunterritt. Er war nicht mehr zu sehen, und alles still um uns. Ich betrachtete bald mich, bald meine Schwester. Das Bild des leichten schlanken Jünglings, wie er sich auf das rasche Pferd schwang, einen reichgekleideten Knaben hinter sich, schwebte mir noch immer