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meiner Mutter bleiben dürfen, so musste ich mir alles gefallen lassen; und nun war es beschlossen, dass sowohl ich, als meine Schwester zum Kloster bestimmt wären, und dass wir, dieser Absicht gemäss, schon jetzt unsre Lebensart daran gewöhnen sollten.

Anfangs wurde ich und meine Schwester täglich zu meiner Mutter geführt, nach und nach wurden aber diese Besuche immer seltner, meine Schwester blieb meiner alten Wärterin ganz überlassen, und ich war allein mit dem Pater. Nur an seltnen Festtagen durften wir zur Mutter kommen; auch fanden wir immer weniger Trost bei ihr, sie bezeigte uns zwar viel Liebe, besonders mir; aber sie selbst ward täglich trüber, und den Andachtsübungen immer mehr hingegeben. Mein einziger Trost war meine Schwester, die ich aber nie sprechen konnte als im Garten, wohin mich der Pater regelmässig jeden Abend führte, wo sie sich dann auch mit ihrer Hofmeisterin einfand; dies war die einzige frohe Stunde, die ich den ganzen Tag hatte; und auch diese war beschränkt, denn der Pater verliess mich keinen Augenblick, und gelang es uns auch, uns allein zu unterhalten, so verging sie unter gegenseitigen Klagen. Das arme kleine Mädchen jammerte besonders sehr über die hässliche Kleidung, die ihr nicht stehen wollte, ich tröstete sie oft, wenn ich weniger übelgelaunt war, und einigemal versicherte ich ihr sogar als eine Prophezeiung, ich würde es, wenn ich erst älter wäre, gewiss ändern, und ich wollte sie freimachen, sobald ich frei wäre. Darauf wusste sie aber niemals etwas zu sagen, sie sah mich mit grossen Augen an, und es schien als glaubte sie mir nicht, was mich denn nicht wenig verdross.

Meine Tage füllten trostlose Studien, die alle darauf abzweckten, mich zu meinem künftigen stand geschickt zu machen; das kanonische Recht, geistliche Gebräuche, Kirchengeschichte, kurz alles was in dieses Fach gehört: mein armes Gedächtnis ward mit diesen toten Dingen bis zur Zerstörung gemartert. Das Beste, was ich davontrug, war die Kenntnis einiger alten, und der deutschen Sprache; der Pater war ein Deutscher von Geburt, und liebte seine Sprache. Der Prior, der als ein gelehrter Mann bekannt war, hatte es über sich genommen, meine Studien zu dirigieren. Er kam jede Woche einmal und untersuchte meine Fortschritte, es war daher leicht zu begreifen, dass der Pater sein Bestes an mir versuchte. Mit der grössten Strenge hielt er mich an, mir Sachen einzuprägen, die ich, Gott sei Dank, in kürzerer Zeit vergass, als ich zu ihrer Erlernung gebraucht hatte; zur Erholung wurde mir verstattet in den Legenden die geschichte der Heiligen und Märtyrer zu lesen, deren Gemälde an den Wänden hingen. Auch versuchte ich es oft, mit der Feder die Umrisse dieser Bilder nachzuahmen, welches mir immer gut gelang; mit einiger Anleitung hätte ich vielleicht ein Künstler werden können. Gewiss ist es aber, dass Kinder von lebhaftem geist gegen die Dinge, wozu man ihnen durch frühe Gewöhnung eine Neigung zu geben sucht, grade dadurch einen Widerwillen bekommen; nur auf schwache, furchtsame Gemüter vermag die Gewohnheit etwas. Der Abscheu gegen mein Leben und meine Bestimmung nahm mit jedem Tage zu, da alles, was mich umgab, mich bis zur Ermüdung darauf hinwies. Freiwillig und lebensmüde hätte ich sie vielleicht einst selbst gewählt.

Alle erwachsenen Leute erschienen mir nicht allein mürrisch und hart, sondern ganz unverständig und blind, ihre Befehle und Verbote sinnlos und abgeschmackt. Darin ward ich besonders durch einen Zufall aus dem ersten Jahre meines widrigen Lebens bestärkt. Ich war nämlich einmal mit meiner Schwester im Zimmer meiner Mutter, sie wollte unsre Fähigkeit im Lesen prüfen. Zufällig war kein andres Buch in der Nähe, als ein Gedicht, das meine Mutter eben gelesen hatte. Ich las einige Verse, in denen das Glück der Kindheit gepriesen ward; meine Mutter war mit der Fertigkeit, womit sie gelesen wurden, zufrieden, und rühmte, indem sie sich zum Pater wandte, die Schönheit der Verse, und die rührende Wahrheit des Inhalts; der Pater stimmte laut mit ein. Schwache Geschöpfe, die in solcher Abhängigkeit leben müssen, glücklich zu preisen, zu beneiden, das war zu toll! Ich ward ganz wütend, weinte, und war durch nichts zu bewegen, noch weiter zu lesen, und musste die Strafe für meinen Eigensinn, wie sie es nannten, erleiden, deren Ungerechtigkeit mich nur noch mehr empörte, und meine Verachtung gegen die geringe Einsicht meiner Vorgesetzten noch vergrösserte. Wie seufzte ich nach dem Moment, mich von den harterzigen, unverständigen Tyrannen loszumachen, sie nicht mehr fürchten zu dürfen! Ich suchte in den Augen meiner Schwester eine Übereinstimmung mit diesem Gefühle, ohne sie zu finden; das Kind war durch meine erlittne Strafe erschreckt, und las gedankenlos, was man ihr aufgab, mit allem Eifer, bloss um den Beifall der Mutter zu erhalten; ich hatte Mitleid mit ihr, aber mein Zutrauen zu dem schwachen kind war verschwunden.

Der Eindruck dieser Begebenheit haftete unauslöschlich in meinem Gemüt; ich war seitdem überzeugt, mehr Verstand zu haben, als die mich beherrschten, und sie betrügen zu dürfen. Weil sie stärker waren und ihre Stärke gegen mich anwandten, so glaubte ich meinen Verstand, als die einzige Waffe, wodurch ich ihnen überlegen wäre, gebrauchen zu müssen. Ich suchte auf jede Weise meine Unabhängigkeit in meinem inneren zu erhalten, je mehr ich meine Handlungen und mein äusseres Leben nach ihrem Willen ordnen musste.