alter Mann mit der Barke zurück. Er war ganz bestürzt und sprach heftig mit der Frau; diese weinte, küsste mich und stieg mit mir in die Barke. Der Mann fuhr uns an ein fremdes Ufer, wo der Anblick der vielen Menschen und Häuser mich in Erstaunen setzte. Ich ward durch viele Strassen in ein sehr grosses Haus geführt, dann durch eine Menge Zimmer, in denen sich viele Menschen hinund herdrängten. Die meisten waren schwarz und wunderlich gekleidet, und obgleich es so viele waren, und alle besorgt und beschäftigt schienen, so ging es doch still und feierlich zu. Mein Herz ward kalt bei dem geistermässigen Anblick, den ich mir so gar nicht erklären konnte. Endlich gelangte ich in ein sehr grosses Zimmer, dessen Wände und Fussboden schwarz behängt waren; kein Tageslicht drang herein, ein paar Wachskerzen mit schwarz umwundenen hohen Leuchtern brannten düster. Ganz am entgegensetzten Ende stand ein schwarzbehangenes Ruhebett, auf dem eine gleichfalls ganz schwarz gekleidete Dame sass, die einen langen schwarzen Schleier über das Gesicht hatte.
Indem ich hineintrat, stand die Dame auf, und ich erkannte die stimme meiner Mutter; der geistliche Herr bat sie ruhig zu sein, und ging mir entgegen, um mich zu ihr zu führen, ich war vor Angst und Schrekken wie im Fieber, und ich verbarg mich zitternd im Gewand meiner Wärterin. Meine Mutter mochte die Ursache meines Schreckens erraten, sie kam auf mich zu, und legte ihren Schleier zurück, so dass ich ihr Gesicht erkannte; aber ich vermisste schmerzlich den glänzenden Schmuck, den ich sonst mit solchem Ergötzen in ihren Haaren, an Hals und Ohren hatte schimmern sehen. Ich blieb lange furchtsam und ängstlich; man gab mir glänzendes Spielzeug, ich konnte mich aber nicht beruhigen. Endlich ward mir ein kleines Mädchen zugeführt, die mir freundlich zuredete, und den Gebrauch des schönen Spielzeugs kannte; man sagte mir, sie sei meine Schwester; ich spielte mit ihr, und meine Furcht verschwand beinah ganz. Dies war das erstemal, dass ich ein anderes Kind sah, und meine Freude war sehr gross über diese neue Bekanntschaft. Nun war ich glücklich genug, nur konnte ich mich durchaus nicht an die finstern Zimmer gewöhnen, ich sehnte mich nach der frischen Luft, nach dem Himmel und den Bäumen; meine Mutter begegnete mir mit der grössten Zärtlichkeit, ich liebte sie, aber ich ging doch noch lieber mit meiner Wärterin ins Freie. Meine Mutter blieb immer in diesen mir verhassten Zimmern, sie weinte fast immer, wenn ich sie sah, und ich hörte sie oft wiederholen: mein Vater sei gestorben; aber ich konnte es nicht fassen, ich wusste nicht, wer mein Vater gewesen sei, ich hatte diese Benennung gar nicht zu brauchen gelernt. Meine Mutter sagte mir mit Tränen: der schöne Herr, der mich in ihrer Gesellschaft auf der Insel besucht hätte, wäre mein Vater gewesen. Ich weinte nun auch, und war nicht wieder zu beruhigen; die Wärterin fragte mich: warum ich denn so sehr weinte? Ich wollte es nicht sagen, man drang in mich. 'O dass der Prior nicht mein Vater war', schrie ich, 'so wäre der tot, und der andre Herr lebte noch!' – Ich erinnere mich jetzt nicht mehr, was auf diesen Ausruf erfolgte, auch nicht, ob der Prior zugegen war.
Von den Hausleuten hörte ich manchmal mit Bedauern sagen: es wäre doch sonst viel anders im haus gewesen! Ich erkundigte mich dann bei ihnen und bei meiner Schwester, wie es eigentlich gewesen wäre? Ihre Erzählungen gaben mir ein wunderliches buntes Bild von den weltlichen Freuden, die jetzt ganz aus dem haus verbannt, und an deren Stelle feierliche Unterredungen und Andachtsübungen getreten waren. Meine Schwester wusste nicht viel zu erzählen, ausser dass die Mutter damals sehr reiche glänzende Kleider angehabt hätte.
Einigemal hörte ich den Prior meine Mutter erinnern, dass es jetzt die höchste Zeit sei, mir die Erziehung meiner künftigen Bestimmung zu geben, und mich in die notwendige Lebensart einzuführen. Meine Mutter bat ihn aber, ihr die Gesellschaft der Kinder noch nicht zu nehmen, sie würde alles Versäumte wieder nachholen. Ohne dass ich den Sinn dieser Worte verstand, ängstigten sie mich mit trauriger Ahndung, die auch sehr bald erfüllt ward. Meine Mutter ward immer ernster und trüber, und bald auch strenger gegen uns. Anstatt unsrer gewöhnlichen zierlichen leichten Kleidung gab man uns hässliche Kleider von grobem Zeuge, mit klösterlichem Schnitt, und das während derselben Tage, da ich die Freude hatte, dass man die schwarzen Vorhänge aus dem Zimmer meiner Mutter nahm. Die hellen Teppiche kamen nun zum Vorschein, die prächtig vergoldeten Zieraten glänzten mir entgegen, ich war voller Freude über diese Herrlichkeiten; und nun musste ich diese Kleidung anlegen, die mir schon an den Mönchen, die ich gesehen hatte, so widerlich war. Ich war ausser mir, ich wollte es durchaus nicht leiden, keine Drohung konnte mich bewegen. Endlich zog meine Schwester mit stillen sanften Tränen an, was man von ihr verlangte, da liess ich mir's auch gefallen. Noch mehre Schrecken erwarteten mich an diesem unglücklichen Tage.
Wir wurden zur Mutter hereingerufen; sie war im Gespräch mit dem Prior und noch einem Mann in geistlicher Kleidung, den ich nicht kannte, der mir aber einen so fatalen Eindruck machte, dass ich gewiss den Augenblick, wo ich ihn zuerst gesehen, nie vergessen werde. Er hatte ein finstres