sich Eduard in ihn, sie sind Freunde geworden, und man sieht jetzt einen nicht ohne den andern. So interessant er auch ist, so glauben Sie mir nur, liebe Tante, Eduard verliert gar nicht gegen ihn, er kommt mir vielmehr neben seinem Freunde noch liebenswürdiger vor. Ich weiss gewiss, ich könnte diesen nicht so lieben, wie ich Eduard liebe. Er gefällt auch dem Vater sehr wohl, der ihn soviel als möglich um sich zu haben sucht. Er mag seine Einfälle und seine seltsamen Wendungen gern, so sehr er auch sonst gegen jedes Auffallende, Neue oder Sonderbare spricht. An Florentin liebt er es, und verteidigt ihn gegen jede Anklage. Sogar das Geheimnisvolle, das über seinem Namen und seiner Herkunft schwebt, achtet er, zu unserm Erstaunen. Noch heute war die Rede davon, ihn einem mann vorzustellen, den er zu sprechen wünschte. "Von Florentin?" fragte der Vater. Wir erwarteten alle seine Antwort. "Wenn es durchaus mit meinem Namen allein nicht genug ist", sagte er, "so setzen Sie Baron hinzu, das bezeichnet wenigstens ursprünglich, was ich zu sein wünschte, nämlich ein Mann." Der Vater liess es sich wirklich so gefallen. –
Sogar Tereschen hat er ganz für sich gewonnen. Sie weiss nichts Bessers, als sich von Florentin etwas vorsingen zu lassen, oder ihn zeichnen zu sehen, sie vergisst Spiel und alles, wenn sie nur bei ihm sein darf. Sie kennen ihre heftige Art sich an etwas zu hängen. – Mit den Knaben reitet er viel, und kann sich mit ihnen balgen und lärmen und Festungen erobern, die sie zusammen bauen, bis sie ganz ausser sich geraten, und er mit ihnen. – Dem Mütterchen bleibt aber der Kopf ruhig, wenn er uns auch allen verdreht wird; nicht ein einziges Mal ist es ihm doch gelungen sie irrezumachen, wiewohl er es oft darauf anlegte; sie lächelt, und ist freundlich und liebreich gegen ihn, aber Gewalt hat er gar nicht über sie, er fühlt es: Mutter ist auch die einzige, vor der er gehörigen Respekt hat. Mit uns andern schaltet er nach Belieben; wenn ich recht aufgebracht bin, und ihm stolz begegne, so ist er imstande, gar nicht einmal darauf zu merken. –
So schön hat ihn Betty gefunden? So schön als Eduard ist er auf keinen Fall, das meint auch die Mutter, er ist auch nicht so gross und herrlich als Eduard; aber sein Bau ist fein, schlank, und dennoch kräftig. Er hat eine edle Physiognomie, und überhaupt etwas Interessantes; sein Anstand ist frei und kunstlos, manchmal sogar trotzig. Was ihn auszeichnet, ist ein gewisses, beinah verachtendes Lächeln, das ihm um den Mund schwebt; aber der Mund ist doch hübsch, sowie auch sein Auge, das gewöhnlich fast ganz ohne Bedeutung, still und farblos, vor sich hinschaut, das aber helle Funken sprüht bei einem Gespräch, das ihn interessiert, es wird dann sichtbar grösser und dunkler. Er hat eine schöne helle Stirn, und es kleidet ihn gut, wenn er, wie er oft tut, sich die dunkelbraunen Lokken, die tief darüberher fallen, mit der Hand zurückstreicht, oder wenn sie vom Wind gehoben werden. Die Mutter findet, er hätte etwas Altritterliches, besonders wenn er ernstaft aussieht, oder unvermutet in ein Zimmer tritt, sie müsste sich ihn immer mit einer blanken Rüstung und einem Helm denken. Terese hat viel mit Auffinden von entfernten Ähnlichkeiten und mit den alten Bildern zu schaffen, und behauptet, er sähe dem Gemälde vom Pilgrim ähnlich, das in der Mutter Zimmer hängt. Sie ruhte nicht eher, bis ich es mir von ihr zeigen liess, und sie hat wirklich recht: es ist eine entfernte Ähnlichkeit.
Ich fürchte, Sie werden, trotz meiner umständlichen Beschreibung, doch kein richtiges Bild von ihm haben.
Sie sehen aber, liebe Tante, wie gern ich Ihnen alles lieber mit der grössten Umständlichkeit berichte, damit Sie nur nicht verleumderischen Nachrichten Glauben beimessen dürfen, und dann mit vorgefassten Meinungen, die uns nachteilig sind, herkommen. Sie haben noch keinen Tag festgesetzt, an dem wir Sie sehen sollen. Mit welcher Ungeduld erwarte ich Sie, meine verehrte, liebe Freundin!
Ich hätte Ihnen gern erzählt, welches fröhliche Leben wir leben, und welche Dinge wir unter Florentins Anleitung ausführen. Aber heute, und in den nächsten Tagen kann ich nicht daran denken. Es wird mir wenig Zeit zum Schreiben gelassen. Kommen Sie bald, und nehmen Sie teil, und erhöhen Sie unsre Fröhlichkeit durch Ihre Gegenwart. Ich hoffe heute noch, oder doch morgen einen Brief von meiner gütigen Freundin zu erhalten, mit der bestimmten Nachricht Ihrer Abreise. Leben Sie wohl, lieben Sie Ihre Juliane.
Sechstes Kapitel
Eduard und Florentin hatten einigemal kleine Reisen im Gebirg und in der umliegenden Gegend gemacht. In abwechselnden Verkleidungen hatten sie die benachbarten Städtchen und Dörfer durchzogen, auf Kirmsen, Hochzeiten, Jahrmärkten, bald als Krämer oder als Spielleute. Manches lustige Abenteuer kam ihnen entgegen, sie wiesen keines von sich. Wenn sie dann von ihren Wanderungen zurückkamen, hatten sie viel zu erzählen und von den Eroberungen zu sprechen, die sie wollten gemacht haben. Juliane bekam den Einfall sie einmal zu begleiten; und das nächste Mal, dass sich die beiden jungen Männer wieder zu einer solchen abenteuerlichen Reise anschickten, teilte sie Eduard ihren Wunsch sie zu begleiten