stieg das begossene Paar schon weit von mir und meiner Hängekanzel über einen mondhellen Hügel hinüber. Ich schlug daher – weil ich nicht die ganze Nacht in dem Predigt-Eingang hängen wollte – ein Sänftenfenster ein und kroch aufs Dach heraus und war im Zorn gleichsam ein aufs Haus gesetzter roter Hahn. Erst nach langem Toben konnte' ich mir den Park-Inspektor erschreien, der mich gern, da er mich so sitzen sah, auslachte und herunterholte. –
Fünfte Fahrt
Herr v. Gehrischer – die Mülanzer – Plan zu einem
Galgen-Jubiläum samt der Jubelrede
Wer könnte einen Tag lang unter den Mülanzern aushalten, wenn er nicht sein Kajüte-Fenster zum Glaser schicken müsste? Herrn Gehrischer, einem Hotel-Bekannten, dem ich in Europa wenigstens dreissigmal entgegenkam, tat ich die Ehre an, sein Gast zu sein zu gleicher Zeit mit zwölf andern. Niemand kann nach jemand weniger fragen als wir beide nach einander; "Giannozzo ist ein sehr pläsanter Hanswurst, gewiss nicht ohne Talent, aber dabei maliziös und impertinent!" sagte er; ich sage, von Gehrischer ist der Stellvertreter der Menschheit. Aus seinem Kopf voll Sprachen und Kenntnisse – aus seinem Stammbuch voll grosser Namen – aus einem Bilderkabinett, einem Musikzimmer, einem Büchersaal und Geldkasten, aus allen diesen Perlen der Menschheit setzt er doch nur eine abgeschabte passive Figur wie einen Nussknacker zusammen, der nur andern die Kerne reicht, ein Ding, das (seinesgleichen ausgenommen) nichts macht, kein Werk, kein Glück, kein Unglück, nicht einmal einen Streich. Durchstreicht diesen lebendigen Gedankenstrich, ihr merkt die Korrektur nicht, weil der längere Strich noch da ist. Wie gesagt, er ist der Taschenspiegel der Menschheit. – Hell steigt der Genius vom Himmel nieder, und das Gewölke erglänzet weit, wenn er es durchdringt; und der äterische Geist berührt die Erde: da verwandelt sich alles – die Felsen gehen auf und zeigen stille grosse Gestalten – auf die Leinwand und die Mauern fällt der Widerschein von fernen Göttern und ihren Himmeln – alle Körper erklingen, Sehne, Holz und Gold, und die Luft durchfliegen Lieder –; aber die dumpfe Menschenherde hebt ein wenig den Kopf von der Weide verwundert auf und bückt sich wieder und graset weiter; nur einige werden geheiligt und knien verklärt.
Was die Mülanzer anlangt, so treibt dieses ruhige Chor und Käugelag kein Gott von der Gemeinhut; wollt ihr sie aber näher taxieren, ohne euch um mehr als drei Pfund zu verrechnen? kommt mit mir zum grossen Ball, den Gehrischer ihnen heute gab. Ganz Mülanz von Stand ist da, ob er gleich etwas darin setzt – das ist sein einziger Possess-Titel des Werts –, dass er, wie die alten deutschen Bücher, ohne Titel bleibt. Wie es einen gelehrten Adel gibt, so gibts einen goldnen, der für den tafelfähigen offne Tafel halten kann.
Sie kamen, sahen und siegten – über alles, was sie erwartete auf den Tischen. Himmel! es waren aufgeklärte Achtzehnjahrhunderter – sie standen ganz für Friedrich II., für die gemässigte Freiheit und gute Erholungs-Lektüre und einen gemässigten Deismus – und eine gemässigte Philosophie – sie erklärten sich sehr gegen Geistererscheinungen, Schwärmerei und Extreme – sie lasen ihren Dichter sehr gern als ein Stilistikum zum Vorteil der Geschäfte und zur Abspannung vom Soliden – sie genossen die Nachtigallen, wie die Italiener andere, als Braten und machten mit der Myrte, wie die spanischen Bäcker mit der andern, den Ofen heiss – sie hatten die grosse Sphinx12, die uns das Rätsel des Lebens aufgibt, totgemacht und führten den ausgestopften Balg bei sich und mussten es für ein Wunder halten, dass ein anderer eines annimmt. – Genie, sagten sie, verwerfen wir gewiss nie, nur feil's – und nur für ein Ding brennt ihr frostiger Geist, für den Leib; dieser ist solid und reell, dieser ist eigentlich der Staat, die Religion, die Kunst, und diesem diene die Berliner Monatsschrift. – –
O wie mir dieses blankgescheuerte Blei der polierten Alltäglichkeit, dieses destillierte wasser, dieser geschönte Landwein ein Greuel ist! – Ich bin ohnehin schon längst die seichte Menschheit durchgewatet und ein Misantrop der Köpfe weit mehr als der Herzen13 geworden, weil am Ende jeder Kopf uns mit seinem Ufer und seinem Meersgrunde erschüttert und erschreckt; aber nun gar ihr allgemein-deutsch-bibliotekarischen Menschen, ihr Kopiermaschinen der Kopien, die ihr niemals ahnet und nichts erratet als Ebenbilder, wie selig seid ihr; denn wenn Madame des Houlieres in ihren Idyllen schon einen mouton glücklicher preiset als einen Menschen: wie muss es erst einer sein, der beides zusammen ist! –
Doch fehlet es den Mülanzern nicht so sehr an ungemeinen Menschen, dass nicht von Zeit zu Zeit einige gemeine aufständen, welche mit der Fichtischen Schule Klagen über den Überfluss an Trivialität repetierten; selber auf dem Gehrischerschen Balle hopseten drei dergleichen Titus-Köpfe mit; so mangelt es auch in Piemont an Hunden nicht, an welchen ebensogut Kröpfe sitzen als an den Piemontesern, noch in Asien an Affen mit Pocken der Menschen.
Morgen – das ist das einzige Erfreuliche – feiert in einer langen bürgerlichen, kanonischen, militärischen, adeligen Prozession Mülanz seine Belehnung mit der Stadtgerechtigkeit vor 100 Jahren. Da nun die Deutschen nichts Seelenloseres, Langweiligeres, Kälteres, Kanzleimässigeres, Schlafröckigeres haben als – ihre Komparativen ausgenommen – ihre Jubiläen, Prozessionen, Krönungs- und andere Feierlichkeiten: so sitz' ich noch so spät in der Nachmitternacht,